Leder, Lack und Nieten

Unterwegs mit Jay Grob

TEXT Robin Schwarz BILD Robin Schwarz

Vor dem Abflug in hohe Metal-Sphären: Jay Grob von Burning Witches.

Regen träufelt aus dem trostlosen Himmel in Brugg. Jay Grob und ich sitzen auf einer roten Wolldecke unter dem kleinen Vordach des Jugendkulturhauses Piccadilly. Jay ist etwas matt nach der ersten Coronaimpfung, "ein bisschen vom Kater geplättet". Die Häuser sind voller Graffiti. Es liegen Zigaretten, eine einsame Dose herum. Hier hatte Jay ihre zukünftige Bandkollegin Romana kennengelernt und zunächst gedacht: "Was willst du blonde Tussi von mir?" – "So beginnen die besten Freundschaften", sagt sie.

Im Piccadilly spielte ihre Band auch das erste inoffizielle Konzert vor Freund*innen und Familie. Das Pic, wie es im Volksmund genannt wird, ist zwar zu, aber niemanden kümmert es, dass wir hier rumlungern, als wären wir noch Teenager. Tatsächlich sind sich Jay und ich als 16-Jährige bereits einmal über den Weg gestolpert, wohl an irgendeiner Metal-Party, vielleicht an der Badenfahrt vor knapp 15 Jahren, wer weiss das schon. Daran erinnert mich Jay am Abend vor unserem Treffen lachend, als sie sich per Whatsapp-Sprachnachricht meldet. Es ist gewissermassen eine Zeitreise, zumindest für mich. Jay sagt, sie fühle sich nicht wie 30, sondern eher wie 20, während ich mit 31 manchmal das Gefühl habe, bereits alt zu sein.

Ihre Geschichte ist eine des Erfolgs, des Aufstiegs, in Sphären, die wir uns als jugendliche Metalheads allerhöchstens zu erträumen erlaubt hätten. Jay ist Bassistin in der komplett mit Frauen besetzten Heavy-Metal-Band Burning Witches, unter Vertrag beim legendären und ebenso berüchtigten Plattenlabel Nuclear Blast. Eine grössere Nummer im Metalbusiness gibt es nicht. Heisst: Jay und ihre Hexen gehören zum selben Roster wie die Metallegenden Slayer, Blind Guardian oder der schweizerische Exportschlager Eluveitie.

 "Wir haben uns gesagt, wir werden
nie unsere Seele verkaufen, wir werden
das tun, was wir tun wollen."

Wer bei Nuclear Blast landet, hat es – so sagt man – geschafft, denn das Label bringt einen zu den grössten Festivals der Welt, wie etwa an das Wacken. Gleichzeitig gab es in der Szene stets ein kollektives Aufstöhnen, wenn wieder eine Band zu Nuclear Blast wechselt. Der Mythos besagt, eine solche Band verliere ihre Autonomie und werde fremdgesteuert, auf Erfolg getrimmt. Das sieht Jay gar nicht so. "Wir haben uns gesagt, wir werden nie unsere Seele verkaufen, wir werden das tun, was wir tun wollen." Das Label gebe Tipps und fungiere als Stütze, im Grossen und Ganzen sei man eigenständig und sie hätten sich aus freien Stücken für das Heavy-Metal-Leder-Nieten-Image entschieden. Gleichwohl trägt Jay heute keines ihrer Bühnenoutfits, sondern Leggings, eine Jacke mit riesigem Pelzkragen, einen Beanie mit Totenköpfen. Der Look passt zu der Art wie sie spricht: Geradlinig, schnörkellos, eher bestimmt als sanft – einen klassischen Soziolekt der Arbeiterklasse.

Tatsächlich ist das Rockstarleben nicht so glamourös, wie man es sich allenthalben vorstellen mag: Wenn Jay nicht im Bandraum steht – fünfmal die Woche – arbeitet sie 80 Prozent als Verkäuferin in einem Warenhaus. Harte Schichten von 9 bis 12 Stunden sind Alltag. Die Zeiten, in denen man von einem Musikvertrag leben kann, seien längst vorbei. Darum habe sie bis heute kein Spotify, sagt Jay. Der Musikstreamingdienst hat die Musikbranche verändert, viele meinen: zum Schlechteren. Der Wechsel vom angebeteten, manchmal, wie sie sagt, "angesabberten" Bühnenstarlet zum Verkaufspersonal, das sich Klagen von Menschen anhören muss, der abgeschnittene Käse sei jetzt also 10 Gramm leichter als gefordert – für Jay kein Kulturschock. "Charmant sein reicht", sagt sie, und schon sei man auf einer menschlich ähnlichen Ebene. Im Fall des Käses habe sie dem Kunden gesagt: "Schliessen Sie Ihre Augen." Der Kunde: "Warum?" Sie: "Dann sehen Sie die 10 Gramm nicht."

Eben. Charmant. Überhaupt scheint Jay unbeeindruckt von den Klagen und Meinungen anderer Menschen. "Es ist mir wichtig, was meine Freunde und Familie denken, der Rest ist mir aber ziemlich egal." Als ihr Vater vor wenigen Jahren starb, habe sie realisiert, wie wichtig es sei, den Nächsten wirklich nah zu sein. "Es kann jeden Moment einfach "puff" machen, und jemand ist für immer weg." Aber dieser Verlust und auch schwierige Kindheits- und Jugenderfahrungen hätten sie stärker, resilienter gemacht. Sie sprüht vor Energie.

"Ich habe halt rote Haare und
wirke vielleicht etwas dominant"

Wer sich zynisch denkt, eine All-Women-Metal-Band mit einem professionellen Image bedeute kalkulierter, unausweichlicher Erfolg, liegt falsch. Beim ersten richtigen Konzert in Lenzburg hätten manche Besucher geglaubt, hinter der Bühne stünde "die richtige Band", die Burning Witches würden nur Playback spielen. "Als Frauenband wirst du nicht so ernst genommen", erzählt Jay. Und zumindest zu Beginn nur wenig respektiert. Nach dem ersten Release habe sie zwei Wochen lang jeden Tag Dick Pics erhalten, immer und immer wieder. "Irgendwann war das dann schon genug", sagt sie und lacht. Bandkollegin Romana habe hingegen Bilder von Rosen erhalten. "Ich habe halt rote Haare und wirke vielleicht etwas dominant", trianguliert Jay. Die Erfahrung hat sie jedoch nicht traumatisiert, nein, alles perlt wundersam an ihr ab.

Eine All-Women-Band mit Hexenimage. Das erinnert mich an das Buch "Caliban und die Hexe" der politischen Philosophin Silvia Federici, das Feminismus und Marxismus in Zusammenhang mit der historischen Hexenjagd bringt. Jay aber sieht ihre Band nicht als feministisches Projekt – all diese Erfahrungen haben sie nicht zu einer Feministin gemacht. "Was nützt es mir, dagegenzuhalten? Wenn wir diese Idioten ignorieren, verschwinden sie irgendwann", sagt sie. Wenn sie die feministische Schiene führen, gäbe es nur noch mehr und noch mehr ärgerlichen Gegenwind, das wolle sie nicht. Der Regen wird stärker, wir zittern mittlerweile wie Espenlaub. Wir verabschieden uns und gehen unsere Wege. Wie seltsam es doch sein kann, Menschen zum ersten Mal bewusst zu begegnen.

Robin Schwarz ist Autor und Journalist


JAY GROB ist Bassistin der Aargauer Metalband Burning Witches. Ende Mai erschien ihr viertes Album "The Witch of the North".