Leben im Brot

Kolumne von Jens Nielsen

TEXT Jens Nielsen BILD zvg

Ich bin ins Brot gegangen. Dabei fällt mir auf: Ins Brot gegangen ist sonst niemand. Es gibt keinerlei Verkehr hier drinnen, keine Umzüge, keinen Besuch. Und keine Nachrichten. Meine Verbindungen sind zwar nicht abgebrochen. Meine Frau und meine Kinder rufen mir zu, ich bildete mir alles ein. Ich sei gar nicht ins Brot gegangen, ich verwechsle es fundamental. Brot zu backen, Brot zu essen, Brot also in sich aufzunehmen und im Brot zu sein, seien ganz verschiedene Kategorien. Nur so leicht lasse ich mich nicht..., Nein, ich sehe, wo ich bin.

Tagsüber ist im Brot ein mattes Licht, es dringt zu mir herein, sobald es draussen hell wird. Notgedrungen sind die Grenzen des Gebiets, das ich bewohne, Brot. Anfangs war es weich. Ich formte mir die Möbel, die ich brauchte. Was mir im Brot im Weg war, ass ich auf. So wuchs mein Lebensraum. An vielen Stellen habe ich mich bis zur Rinde durchgegessen. Ich könnte sie durchnagen, dadurch hätte ich Fenster in die Welt, die ich einst bewohnte. Nur wozu. Am liebsten sitze ich hier drin, aber ich stehe auch, schreite einher und überlege.

Lange war mir barfuss gehen angenehm im Brot. Es trocknet aber aus. Ich trage wieder Schuhe. Schon knuspert es, wenn ich mich bewege. Überall im Brot sind mittlerweile Kanten. Manchmal schürfe ich mich auf. Durst beklage ich auch sowie ein fehlender Abort. Meine Familie redet noch mit mir. Ich höre sie. Zunehmend klingt es aber so, als redeten sie mit Karton vor dem Gesicht. Dennoch habe ich den Eindruck, dass sie sich bewähren ausserhalb. Mir scheint, sie schlagen sich. Ich meine, sie schlagen sich durch.


Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule besuchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt.