«Kunst sollte immer politisch sein»

FILM Leon Schwitter realisiert mit «Réduit» seinen ersten Langfilm. Das AAKU sprach mit dem jungen Regisseur über sein Projekt, Politik in der Kunst und Dreharbeiten in Zeiten von Corona.

TEXT Philippe Neidhart BILD zvg

Die Urner Bergwelt prägt die Bildsprache des ersten Langfilms von Leon Schwitter.

Leon Schwitter, Ihr Film "Réduit" handelt von einem Vater, der mit seinem Sohn in die Schweizer Berge geht, um sich der Gesellschaft zu entziehen.

Die Geschichte beschäftigt sich mit der Beziehung eines Einzelkindes zu seinem Vater, beziehungsweise mit der ständigen Angst, dass dem Sohn etwas zustossen könnte. Im weiteren Sinne geht es darum, Männlichkeitsbilder zu untersuchen und zu dekonstruieren, also zu hinterfragen, was ein Mann - als Vater oder Sohn - in unserer Gesellschaft sein sollte. Im Film manifestiert sich dies in der Rolle des Vaters Michael. Als Pessimist plagt ihn die Angst, dass die Welt in Kürze untergeht. Er baut im Geheimen eine Hütte in den Bergen und macht mit seinem Sohn dort Ferien - mit dem Ziel, nie wieder zurückzukehren.

Für einen solchen Film benötigt es eine spezielle Kulisse...

Lange haben wir für eine geeignete Location für den Dreh gesucht - es war uns wichtig, dass der Eindruck von kompletter Abgelegenheit entsteht. Das war gar nicht so einfach, da die Schweiz so dicht besiedelt ist. Schliesslich haben wir eine rustikale Hütte in den Urner Alpen gefunden. Sie ist total abgelegen, von einem grossen Wald umgeben und hat eine Einsiedlermystik.

Mit "Réduit" haben Sie einen aufgeladenen Begriff als Titel gewählt. Verstehen Sie Ihren Film als politi­sches Werk?

Kunst sollte in der heutigen Zeit immer politisch sein. Wir müssen Fragen stellen - aber nicht zwingend Antworten liefern, sonst wird es zur Propaganda. Es sind Fragen nach unserem Zukunftsnarrativ, und wie wir etwas in diesem scheinbar starren System verändern können. Unsere Generation sieht sich mit all den Prognosen konfrontiert, wie beispielsweise dem fortschreitenden Klimawandel. Man fragt sich, wie die nächsten zwei Drittel des Lebens weitergehen. All dies soll im Film angesprochen werden. Zudem geht es um den Sicherheitsdiskurs - wie viel von meiner Freiheit gebe ich ab, um meine Sicherheit zu garantieren? Das ist ein extrem spannendes Thema, das auch in der Schweiz eine enorme Relevanz geniesst. Wir fahren oft einen Isolationskurs. Der Film beschäftigt sich auch damit, was dies mit den Personen macht.

Ein überaus aktuelles Thema...

Die Geschichte ist schon älter. Im zweiten Jahr meines Studiums an der ZHdK belegte ich das Fach Drehbuch - damals kam mir die Idee für den Film. Dann habe ich sie weggelegt, vor zwei Jahren habe ich wieder begonnen, daran zu schreiben. Anfang 2020, als das Virus noch weit weg war, dachten wir uns noch, dass eine Isolation sehr unwahrscheinlich sei. Dann plötzlich mussten wir selbst in den Lockdown, das hat dem Drehbuch noch einen Impuls gegeben. Doch wir wollen explizit keinen Film über Corona machen. Die Gefahren, die im Film angedeutet werden, drehen sich um die Klimakatastrophe und den Zusammenbruch des Kapitalismus.

Trotzdem ist die Pandemie allgegenwärtig. Wie beeinflusst Corona dabei den Drehalltag?

Die Situation ist nicht ideal, aber wir können weiterarbeiten - auch dank einem ausgearbeiteten Schutzkonzept. Es braucht eine Person auf dem Set, die nur für dessen Umsetzung und Einhaltung zuständig ist. Das gute am Filmemachen ist natürlich, dass wir während des Drehs viel draussen sein können. Auch hatten wir Glück, dass wir keinen Coronafall im Team hatten. Wir können nur hoffen, dass es so bleibt. Trotzdem kostet das Ganze natürlich viel Nerven.

Apropos Kosten: Was bedeutet ein solches Projekt in finanzieller Hinsicht?

"Réduit" ist unser erster grosser Spielfilm - wir brauchten rund zwei Jahre, um genügend Geld beisammen zu haben. Unser Budget beläuft sich dabei auf rund 120 000 Franken. Doch uns gefällt der Independent-Vibe. Es ist eine Romantisierung dieses Guerilla-Filmemachens. Alle Filmschaffenden, die wir bewundern, haben so angefangen. So funktioniert unser Projekt nur dank dem Goodwill der Beteiligten. Alle bekommen denselben Lohn ausgezahlt; es war mir wichtig, den Leuten etwas zu geben, auch wenn es nicht viel ist. Wir hatten auch Glück, viele Sachen gratis bekommen zu haben. Das ist vielleicht auch der Bonus, wenn man zum ersten Mal einen Film dreht.

Kam es dabei aufgrund der Pandemie zu Mehrkosten?

Zu Beginn hatten wir nur eine Unterkunft für alle. Um die Personen besser schützen zu können, mussten wir noch eine weitere Hütte mieten. Da unsere Crew mit maximal vierzehn Personen jedoch nicht so gross ist, war der finanzielle Mehraufwand nicht allzu hoch. Trotzdem hätten wir das Geld lieber in den Film investiert. Auch war es unser Ziel, den Film möglichst nachhaltig zu drehen. Die Verbindung des Schutzkonzepts mit einem Nachhaltigkeitskonzept gestaltet sich aber eher schwierig, so brauchten wir beispielsweise mehr Autos als ursprünglich geplant. Letztlich sind wir aber mit einem blauen Auge davongekommen.

Wie geht es nun mit dem Projekt weiter?

So wie es momentan aussieht, werden wir Anfang Februar den Dreh fortsetzten, danach wird eine recht lange Postproduktionsphase kommen. Wir planen den Release auf Ende Jahr. Ehrlich gesagt haben wir Glück, dass unser Film noch nicht fertig ist. Ansonsten würden wir diesen wohl auf einer Festplatte liegen lassen und warten, bis sich die Situation wieder normalisiert hat. Das Erlebnis, einen Film im Kino zu sehen, kann man nicht ersetzen. Letztlich hoffe ich aber generell, dass es mit der Kultur und dem Leben im Allgemeinen bald wieder aufwärtsgeht.


Leon Schwitter ist 1994 in Lenzburg geboren und in Muri (AG) aufgewachsen. Er studierte Film an der Zürcher Hochschule der Künste und ist Mitgründer der EXIT Filmkollektiv GmbH, wo er als Regisseur, Autor und Produzent tätig ist.