Kunst gegen das Tabu der Erdbeertage

Das Kunsthaus Zofingen zeigt in seinen Fenstern während des Sommers die Arbeiten der jungen Künstlerin Delia R. Ferraro. Ein Beitrag gegen die Tabuisierung der Menstrua tion. AAKU sprach mit der Künstlerin über Menstruationsaberglauben und die Rolle des Patriarchats.

TEXT Michael Hunziker BILD Delia R. Ferraro

Erdbeertage, 2021, Stickerei

Warum machen Sie die Menstruation zum Thema Ihrer Kunst?

Delia R. Ferraro: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung menstruiert. Dennoch ist dieses Thema mit Scham behaftet, und viele Menschen erleben aufgrund ihrer monatlichen Blutung Stigmatisierungen. Ich möchte mit meiner Arbeit auf dieses Schamgefühl und die Tabuisierung der Menstruation aufmerksam machen.

Wie zeigt sich das Tabu?

Das zeigt sich an kleinen Details im Alltag. So werden etwa immer wieder neue Ausdrücke erfunden, um dieses Thema nicht direkt anzusprechen: Erdbeertage, meine Tante ist auf Besuch, ich habe meine Tage usw. Die Tabuisierung zeigt sich auch in den Werbespots von Menstruationsartikeln. Darin wird nie von Blut gesprochen, sondern nur von Flüssigkeit. Die Flüssigkeit wird in sterilem blau dargestellt und erinnert eher an Mundwasser oder Pfefferminz als an braun/rotes Blut. Die Hygieneartikel haben meist ein zugeführtes Parfum, das den Geruch der Mens überdecken soll. So wird das Blut systematisch versteckt und von Menschen erwartet, den Zyklus zu verheimlichen.

Warum ist das so?

Bereits in der Antike behaupteten einige Gelehrte, dass das Menstruationsblut ein giftiger Stoff sei. Die negative Konnotation und die damit verbundene Scham sind fest in der Kulturgeschichte verankert. In der Bibel wird eine menstruierende Frau als unrein bezeichnet. Alles, was sie in "ihrer Krankheit" anfasst, auf dem sie sitzt oder liegt, gilt auch als unrein. Die Figur der Maria etwa hatte eine unbefleckte Empfängnis, eine Jungfrauengeburt und wird als die Reinheit in Person dargestellt. Vom natürlichen Zyklus ist keine Rede.

Wie kann Kunst diesen Komplex umwerten?

In einer früheren Arbeit etwa habe ich einen Tampon rot eingefärbt und bin in eine Kirche gegangen. Dort habe ich diesen Maria an den Finger gehängt und habe die Installation fotografiert. Das regt hoffentlich zum Denken an. Auch meine aktuelle Arbeit knüpft daran an. Die Scham für die Menstruation spiegelt patriarchale Vorstellungen wider und ist Ausdruck der Unterdrückung von "Frauen", wobei es mir wichtig ist, hier den Konstruktionscharakter von "Geschlecht" zu betonen. "Frauen" werden in vielen Bereichen in von "Männern" bestimmten Normen betrachtet und dadurch diskriminiert. Ich will mit meinen Stickereien die Aufmerksamkeit auf die Mechanismen der Fremdbestimmung richten.

Delia R. Ferraro lebt und arbeitet in Bern. Sie hat Fine Arts mit Vertiefung Malerei und Zeichnung an der Zürcher Hochschule der Künste studiert. Seit ihrem Abschluss ist sie als freischaffende Künstlerin tätig. www.deliaferraro.ch


ZOFINGEN
Kunsthaus, bis 6. August