Kulturförderung neu denken

Theatermacher Walter Küng und Verleger Bruno Meier haben gemeinsam einen «Denkanstoss» verfasst, der die derzeitige Kulturförderstruktur und -politik im Kanton kritisiert. Das Dokument wurde an verschiedene Entscheidungsträger aus Politik und Kultur verschickt. Das AAKU stellt eine Übersicht der Diskussionspunkte zusammen.

TEXT Michael Hunziker BILD zvg

Die Kulturausgaben stagnieren im Vergleich zur Staatsquote, so die Autoren Küng und Meier.

Die Kritik ist nicht neu, und doch stösst sie bisher in der Politik kaum auf Resonanz: Aargauer Kulturschaffende aus sämtlichen Sparten bemängeln die historisch gewachsene Aufgabenverteilung zwischen Swisslos und Kuratorium als nicht mehr zeitgemäss. Während Letzteres als Jurygremium nicht nur künstlerische Vorhaben fördert, sondern grösstenteils über jährlich wiederkehrende Programm­ und Betriebsbeiträge befindet, ist der Swisslos für die Förderung zeitlich begrenzter Projekte zuständig.

Zentraler Diskussionspunkt ist, dass das Kuratorium durch die Vergabe von Programm­ und Betriebsbeiträgen nur noch begrenzte Mittel für einzelne Künstler*innenprojekte hat und somit an seiner eigentlichen Aufgabe als Jurygremium zur Förderung des individuellen kulturellen Schaffens vorbeiarbeitet. Aufgrund der gesetzlich veranker- ten Bestimmungen des Swisslos, kann dieser das Kuratorium nicht entlasten. Die beiden Kulturakteure Walter Küng und Bruno Meier nahmen dies zum Anlass, einen "Denkanstoss" zu verfassen, der diese Problematik aufgreift. Aber schön der Reihe nach.

Die Autoren machen eine Diskrepanz im Selbstverständnis des Kantons aus, der sich als Kulturkanton propagiert und der Tatsache, dass er im nationalen Vergleich der Pro-Kopf-Ausgaben für Kultur im hintersten Drittel stagniert. "Der Finanzrahmen hält mit dem markanten Wachstum von Bevölkerung, Steuerertrag und kantonalem Finanzhaushalt schon lange nicht mehr Schritt", stellen sie fest. "Es würde dem Image des Kantons gut anstehen, im nationalen Vergleich sich ein paar Plätze vorzuarbeiten."

Ein weiteres Ungleichgewicht sehen Küng und Meier im Verhältnis zwischen Förderungsverwaltung und eigentlicher Kulturförderung. Während auf der einen Seite die Abteilung Kultur stark gewachsen ist, hätte etwa das Kuratorium als Jurygremium im Verhältnis einen Bedeutungsverlust erlitten. Dadurch entstünde ein Missverhältnis zwischen der aufwendigen und schlecht entschädigten Entscheidungsfindung im Kuratorium und der Entscheidungsfindung im Swisslos-­Fonds. Ihr Fazit: "Die Abteilung Kultur ist mehr und mehr zu einem eigenständigen Kulturakteur geworden. Es stellt sich die Frage, ob diese Bedeutungsverschiebungen den gewünschten Effekt hatten und ob sie im Dienst von Kunst und Kultur stehen."

Eine weitere Schieflage sieht der "Denkanstoss" in der Lohnschere zwischen kultureller oder künstlerischer Arbeit in der freien Szene und staatlichen oder halbstaatlichen Organisationen. Die Schere hat sich durch das staatliche Kulturgeld geöffnet, das in den letzten 20 Jahren in die kantonale Kulturorganisation und in den Ausbau der kantonalen Institutionen geflossen ist, während die freie Kunstförderung damit nicht Schritt hielt. "In einem liberal und dezentral funktionierenden Staatswesen sollte die freie Kunstszene und nicht die Staatskultur Treiber der Innovation sein", kritisieren die Autoren.

Zwar investiert die öffentliche Hand viel Geld in Bauten – durchaus mit Prestigeeffekt (aktuelles Beispiel Reithalle Aarau), doch bleiben Betrieb und Inhalte unteralimentiert. Die Autoren fordern, um die Entwicklungen nachzuvollziehen und um eine Diskussionsbasis für politische Entscheide zu erhalten, dass die Kulturfinanzierung der letzten 20 Jahre statistisch aufgearbeitet und transparent gemacht wird. "Es muss aufgezeigt werden, wie sich die Kulturfinanzierung im Verhältnis zur Staatsquote im Allgemeinen ent­wickelt hat." Denn Kultur sei im Vergleich zu der Verwaltung in Rückstand geraten und hätte Nachholbedarf.

Auf Basis einer solchen Auslegeordnung wären Mass­ nahmen und politische Prozesse zu erwägen, um "das Verhältnis zwischen Kuratorium und der Abteilung Kultur mit dem Swisslos wieder zugunsten der eigentlichen Kunstförderung ins Lot zu bringen." Ein Denkanstoss ist kein Lösungsvorschlag. Das ist den Autoren bewusst. Ihre Intention ist es, eine Diskussion über die Strukturen und letztlich auch über Fördergelder zu initiieren, die genaugenommen bereits mehrfach angedacht und angemeldet wurde, doch die Öffentlichkeit bisher nicht erreicht hat.