Kultur braucht eine Perspektive

KOMMENTAR Als Veranstalter* in ist man seit dem Ausbruch der Covid- 19-Pandemie vor sieben Monaten mit einer enormen Planungsunsicherheit konfrontiert. Dies fordert den Kulturbetrieb und die Menschen dahinter stark heraus. Ein Kommentar von Oliver Dredge, Programmleiter Kiff Aarau.

TEXT Oliver Dredge

Nach dem Lockdown im Frühling und dem ersten Schock war die Motivation vonseiten der Veranstalter*innen gross, trotz erschwerten Bedingungen weiterhin in irgendeiner Form Kulturveranstaltungen und somit auch Einnahmequellen für die Künstler*innen und Dienstleister*innen anzubieten. Auch das Kiff hat viele Ressourcen in die Erarbeitung von Schutzkonzepten und die Verschiebung wie auch Neubuchung von Programminhalten investiert. Die Freude war gross, als es uns im September und Oktober gelungen ist, immerhin einen Teil der Veranstaltungen durchzuführen. Motiviert wurden wir durch die positiven Reaktionen des Publikums und deren Bereitschaft, die Schutzmassnahmen mitzutragen.

 

Mit Schliessung gleichzusetzen

Die erneuten verschärften Einschränkungen aufgrund der zweiten Welle sind für viele Betriebe unserer Sparte mit einer Schliessung gleichzusetzen. Zudem wurden wir mit einer weiteren Absage- und Verschiebungswelle konfrontiert, nachdem bereits im Sommer alle internationalen und viele nationale Konzerttouren abgesagt und bis weit in den Herbst 2021 verschoben worden waren. Alleine im Kiff sind davon über 100 geplante Veranstaltungen betroffen. Dies führte dazu, dass die bereits vorherrschende grosse Verunsicherung mit dem Gefühl einer gewissen Perspektivlosigkeit ergänzt wurde. Dazu kommt, dass man sich als Veranstalter*in in einem Dilemma befindet, und es stellen sich viele Fragen: 

  • Ist es sinnvoll, den Betrieb für 50 Personen weiterzuführen, um evtl. in zwei Wochen wieder ganz schliessen zu müssen?
  • Würde das Publikum von dem Angebot Gebrauch machen, wenn die Behörden gleichzeitig darauf hinweisen, alle sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken? 
  • Ist es bezüglich des Schutzes der Mitarbeiter*innen und der Bevölkerung verantwortbar, zu veranstalten?
  • Müssen wir den Betrieb weiterführen, damit wir staatliche Unterstützung beantragen und die Künstler*innen Einnahmen generieren können? – Braucht es nicht gerade jetzt eine Grundversorgung an Kulturveranstaltungen?
  • Wäre es aus finanzieller Sicht sinnvoller, Schadensminderung zu betreiben, Arbeitsplätze zu sichern und die Ressourcen für einen Neustart einzusetzen?
  • In welchem Umfang greifen die seit April versprochenen Ausfallsentschädigung für Kulturinstitutionen effektiv? Gerade in Anbetracht der hohen finanziellen Verluste, die durch die Teilöffnung im Frühherbst entstanden sind, verstärkt diese fehlende Klarheit die Planungsunsicherheit enorm. 

 

Die staatlichen Unterstützungsmassnahmen gemäss der Covid-19-Kulturverordnung in Kombination mit den wirtschaftlichen Massnahmen (Kurzarbeit, Härtefälle) sind eine gute Grundlage für die Unterstützung des Kultursektors. Nun ist es aber entscheidend, dass die Gelder rasch ausbezahlt werden und genau hingeschaut wird, wo die Massnahmen nicht greifen und ihre Wirkung verfehlen. Dort muss schnell, wenn nötig auch unbürokratisch, reagiert werden, um das Kulturschaffen im Aargau als Ganzes durch diese Krise zu bringen. Speziell die Situation der selbstständigen Künstler*innen muss man beobachten. Weiter braucht es eine realistische Exitstrategie und somit eine neue Perspektive für den Kultursektor, um den Erhalt der kulturellen Vielfalt im Kulturkanton Aargau zu sichern.

 

Oliver Dredge ist Mitglied Geschäftsleitung Kiff, Vorstandsmitglied des Aargauischen Kulturverbandes (AGKV) und des nationalen Verbandes der unabhängigen Musikclubs und Festivals (PETZI). Das Kiff, als grösster regelmässiger Veranstaltungsort im Bereich Pop / Rock im Aargau, hat seinen Betrieb von Mitte Oktober bis Ende Dezember eingestellt.