Kosmos der Übersinnlichkeit

AUSSTELLUNG Das Aargauer Kunsthaus zeigt eine Gegenüberstellung der Werke von Emma Kunz mit aktuellen Kunstpositionen.

TEXT Verena Naegele BILD Emma Kunz Stiftung

Emma Kunz, Werk Nr. 393, undatiert.

Ist es sinnvoll, im Aargauer Kunsthaus Aarau eine Ausstellung zu Emma Kunz anzubieten, wenn im selben Kanton das Emma-Kunz-Zentrum steht? Diese Frage mag man sich vor dem Besuch stellen, wird dann aber schnell eines Besseren belehrt. Die Schau ist spannend, abwechslungsreich und hintersinnig. Dabei umgeht die Ausstellung die Stolpersteine, sich Emma Kunz mit ihrem ganzheitlichen Ansatz von Naturheilerin und Künstlerin zu nähern. Die mitschwingende Übersinnlichkeit ist heute im Kunstdiskurs allgegenwärtig, die ausgewählten Objekte passen zum Thema.

Begonnen hatte die Entdeckung von Emma Kunz zehn Jahre nach ihrem Tod, als der damalige Kunsthausdirektor Heini Widmer ihr Werk 1973 erstmals öffentlich präsentierte. In der aktuellen Ausstellung werden sechzig Arbeiten von Emma Kunz gezeigt, darunter zahlreiche bisher unbekannte Zeichnungen, welche die Kuratorin Yasmin Afschar in einen Dialog mit zeitgenössischer Kunst einbindet. Ein tragendes Konzept, denn in der zeitgenössischen Kunst sind esoterische Themen vielfach präsent.

Vierzehn aktuelle Kunstschaffende werden mit Werken oder Werkgruppen in Beziehung zu den Zeichnungen von Emma Kunz gesetzt, wobei einiges explizit für diese Ausstellung geschaffen wurde. Manches wirft offensiv Fragen auf, die Öffnung von Augen und Sinnen gelingt.

Beim Betreten des ersten Raums werden die Besuchenden geradezu abrupt ins "Geschehen" hineinkatapultiert. Da wird man von Kunz' Werk Nr. 114 empfangen, das 1973 erstmals in Aarau zu sehen war und von Meret Oppenheim erworben wurde. Aus dem Nebenraum erklingt währenddessen eine mäandernde Sopranstimme, die zur Videoinstallation "Inversion Therapy" von Shana Moulton gehört: Sie zeigt die in Trance hin- und herdrehende "Cynthia".

Nach diesem Anfangsknaller werden die Werke und Örtlichkeiten sinnfällig in grössere Einheiten unterteilt. In den zwei grossen Räumen werden die Kunz-Zeichnungen gezeigt – beeindruckend die schiere Vielfalt der Formen, Farben und Linien, die trotz immer gleichbleibender Pendelvorgehensweise entstanden sind.

Die Gegenüberstellung mit zeitgenössischen Werkgruppen ist zuweilen kongruent, zuweilen aber auch ziemlich provokativ. Zu Letzteren gehört etwa eine Videoinstallation von Sirah Foighei Brutmann & Eitan Efrat, in der mit brachialer Gewalt Blumen durchbohrt werden, um das Modell einer polarisierten Blume à la Emma Kunz herzustellen. Im Kontext der Ausstellung besonders gut zur Geltung kommt die Skulptur der in Trance schwebenden Okkultistin "Madame Blavatsky" von Goshka Macuga.

In die gleiche Kategorie gehört eine Installation aus Neonröhren von Mai-Thu Perret, die direkt an eine Zeichnung von Emma Kunz anknüpft. Die hell leuchtende Neonarbeit ergänzt auf rafnierte Weise die Installation aus Würenlinger Muschelkalk, die Lauryn Youdens im Innenhof des Museums geschaffen hat. Ein Ensemble für sich bilden die Werke von Agnieszka Brzezanska mit ihrem mystischen Fluidum. Insgesamt eine Ausstellung zum Sinnieren im Mit- und Gegeneinander unterschiedlichster Werke.

AARAU Kunsthaus
Bis 24. Mai