Klangstrom durch Sommernächte

Im Juli und August ist nicht nur Woodstockstimmung bei den Pop-Openairs, auch Klassikfans können ihrer Lust nach Ergriffenheit nachgehen. Gleich drei Festivals laden dazu ein.

TEXT Verena Naegele BILD zvg

Sopranistin Sonja Leutwyler besingt in Bad Zurzach den Sommernachtstraum.

Keller auf der Kaiserbühne

Es wird getanzt, rezitiert, erzählt und dazu natürlich viel Musik beigesteuert. Die Rede ist vom "Festival der Stille", das den Fluglärm im idyllischen Gebiet um Kaiserstuhl erfolgreich konterkariert. Es ist ein Geheimtipp, geprägt vom örtlichen Charme und mit intimer und doch brodelnder Musik. Da bietet das Duo Zéphir zum Auftakt Tanzmusik von Bach bis zu Granados für Violine und Harfe, zu der Giorgia D'Amico in der Kirche Probstei Wislikofen hinreissend tanzt. Und in Zurzach kann man Mendelssohns unverwüstliche "Sommernachtstraum"-Musik in einer Kammermusikfassung erleben, erzählt wird der Spuk von keinem Geringeren als Kurt Aeschbacher. Einen besonderen Akzent setzen die Sopranistin Sara-Bigna Janett und Festival-Co-Leiter Massimiliano Matesic auf der Kaiserbühne: Einen Abend mit Gottfried Keller. "Es werden Vertonungen von Keller'schen Gedichten aufgeführt, und zwar von spätromantischen Komponisten", erläutert Matesic. "Hugo Wolf und Hans Pfitzner haben je einen Liederzyklus aus diesen wunderbaren Gedichten komponiert." Doch damit nicht genug der Keller-Texte, denn Schauspieler Peter-Niklaus Steiner steuert Rezitationen aus den witzigen Erzählungen "Die Leute aus Seldwyla" bei. Nicht fehlen darf natürlich das berühmte, von Brahms vertonte Lied Therese op. 86 Nr. 1, dessen Text Gottfried Keller nachträglich gelinde gesagt "verschlimmbessert" hatte! Welche Version gesungen wird? Auflösung in Kaiserstuhl!

KAISERSTUHL Diverse Orte in der Region, Sa, 27. August bis Sa, 17. September
Programm: www.festivalderstille.ch

Klangwellen mit"Theremin"

Was ist ein "Theremin" und was eine "Ondes Martenot" mag man sich fragen, wenn man das Programm der Musikalischen Begegnungen Lenzburg konsultiert. Vorgestellt werden die beiden ungewöhnlichen "Instrumente", die gut zum diesjährigen Thema "Klangstrom - Stromklang" passen, von Grégoire Blanc und Ludovic van Hellemont.Etwas bekannter ist die Ondes Martenot, die in Arthur Honeggers Oratorium "Jeanne d'Arc au bûcher" als frühes elektronisches Instrument berühmt geworden ist. Mit ihrem schwebenden Klang passt sie in Lenzburg ausgezeichnet zur Harfe von Estelle Costanzo, wie etwa Rudolf Kelterborns suggestive "Monodie" zeigt. Auch das 1920 erfundene Theremin gehört zu den elektronischen Instrumenten, erklingt allerdings berührungslos wie von Geisterhand. Aufgeführt werden Stückevon Messiaen, Lily Boulanger, Canteloube und Ravel, die von Grégoire Blanc für Theremin, Cello und Klavier eingerichtet sind. Cellist Christoph Croisé ist begeistert von der Idee zu dieser Kombination, die von Co-Leiter Daniel Schaerer an ihn herangetragen wurde. Croisé komponiert dazu ein neues Werk für Cello und Theremin, das mehrere Sätze aufweist, "wobei die Musik immer entweder Rhythmus oder Harmonie hat", wie er erklärt. "Ich bin ein Mensch, der sich durch Erfahrungen und Eindrücke vom Umfeld inspiriert lässt - so entsteht meine Musik." Auf dessen Klangwellen darf man ebenso gespannt sein wie auf die "Luftströme" der Orgel und die "Klageströme" der Voces suaves.

LENZBURG Diverse Orte, Fr, 19. August bis So, 4. September
Programm: www.mbl-lenzburg.ch

Musik auf dem "Inseli"

Die Hochrein Musikfestival AG ist immer für eine Überraschung gut, so lanciert sie neu das Festival "Open Classics am Rhein". Entdeckt hat man dafür das idyllische "Inseli", die kleine Rheininsel an der Landesgrenze zwischen dem schweizerischen und dem deutschen Rheinfelden. In der Tat eine zündende Idee, dort am 12. und 13. August klassische Musik in idyllischem Ambiente aufzuführen. Den Auftakt des zweitägigen Open-Air-Festivals macht der Filmklassiker "Cinema Paradiso", den man im Freiluftkino mit der Originalmusik von Ennio Morricone und dessen Sohn Andrea geniessen kann. Gespielt wird natürlich live, und zwar vom City Light Symphony Orchestra unter der Leitung von Thiago Tiberio, was den anrührenden Film um Liebe und Karriere in einem kleinen Fischerdorf in Sizilien noch intensiver erleben lässt. Zu einer besonderen "Notte Italiana" wird der Abschlussabend des Kammerorchesters Basel. Mit Solistin Bomsori Kim wird der "Frühling" und "Sommer" aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten" zum abendlichen Highlight am Fluss, und Avi Avital regt mit der Mandoline in Respighis "Antiche Danze" zum mitswingen an. In witzig-verspielte Gefilde entführt uns das Orchester schliesslich in Hugo Wolfs "Italienischer Serenade". Aber Achtung: Mückenspray nicht vergessen! 

RHEINFELDEN Rheininsel, Fr/Sa, 12. und 13. August
Programm: www.hochrhein-musikfestival.ch