Kipiala – der Drang frei und sich selbst zu sein

AUSTAUSCH Die Künstlerin und Schriftstellerin Bill Kouélany ist mit der Choreografin Sam BB derzeit zu Gast in Krone Atelier in Aarau. Eine Gelegenheit, etwas über das kongolesische Kulturschaffen und seine Bedingungen zu erfahren.

TEXT Kristin T. Schnider BILD mh

In der Aarauer Altstadt bewohnen seit Oktober zwei Künstlerinnen aus Brazzaville, Republik Kongo, das Gästeatelier Krone. Die junge Tänzerin, Performerin und Choreografin Sam BB wird noch bis Ende Dezember in Aarau sein, die Schweiz kennenlernen, und Kontakte zu einheimischen Kunstschaffenden knüpfen können. Sie erhielt die halb scherz- haft «Stipendium Garage» genannte finanzielle Unterstützung aus dem Kreis des Vereins «Gästeatelier Krone», der seit mittlerweile sieben Jahren eng mit Les Ateliers Sahm in Brazzaville zusammenarbeitet, und jeweils jungen Künstler* innen aus der Republik Kongo eine dreimonatige Residenz in Aarau ermöglicht. Auch in Aarau für ihren ersten längeren Aufenthalt in der Schweiz ist die international bekannte Künstlerin Bill Kouélany, die 2012 Les Ateliers Sahm als Arbeits-, Auftritts- und Ausstellungsort für junge Künstler* innen in Brazzaville gegründet hatte. Für ihr Werk bedient sie sich vielfältiger Medien – Malerei, Installation, Video, Theater, das Schreiben von Büchern. «Ich habe viel Energie, die ich umsetzen will», sagt sie. «Und für das, was ich ausdrücken will, wähle ich einfach das passende Medium.» Kouélany war 2007 die erste Künstlerin aus Subsahara-Afrika, die an der Documenta in Kassel teilnahm. Sie ist immer wieder an der Art Basel vertreten, stellt in Paris, Berlin, und anderen europäischen Städten aus. Für ihr Engagement im kulturellen Bereich über das eigene Werk hinaus erhielt sie 2019 den renommierten Prinz Claus Preis.

 

Politische Wegbegleiterin

Les Ateliers Sahm in Brazzaville sind einzigartig. Sie liegen inmitten einer kulturellen Brache – es ist der einzige Ort in der Republik Kongo, an dem Gegenwartskunst angetroffen und gefördert wird. Ein vor Leben und Aktivität sprühender Raum, in dem sich eine Kunstszene des Subsahara-Afrika zusammenfindet und weiterentwickelt. Zusätzlich zu Workshops und Aufführungen findet dort seit 9 Jahren das Festival RIAC (Rencontre internationale d’art contemporain) statt, initiiert und organisiert von Les Ateliers Sahm – von Bill Kouélany.

Obwohl die Republik Kongo mit ihren etwas über 5 Millionen Einwohner* innen der sechstgrösste Produzent von Erdöl in Afrika ist, fliesst kaum etwas von den Einnahmen zurück in die Gesellschaft und schon gar nicht in so etwas wie Kulturförderung. Auf dem Korruptionsindex steht das Land auf Platz 165 von 179 Ländern. Wundern wir uns, dass die Spuren von Korruptionsskandalen, in die die Familie des Präsidenten Denis Sassou-Nguesso verwickelt ist, auch in die Schweiz, nach Genf, einer Drehscheibe des internationalen Rohstoffhandels, führen? Soeben hat sich der mit einem Unterbruch von fünf Jahren seit 1979 regierende Denis Sassou- Nguesso im März dieses Jahres im besten Alter von 77 Jahren für eine weitere Amtszeit wiederwählen lassen. Seit den verheerenden Bürgerkriegen (1993–1994, 1997–1999) und seiner massgeblichen Rolle in diesen blutigen Konflikten, verharrt er ungebrochen an der Spitze des Staates, und hatte den Nerv, in der diesjährigen Wahlkampagne anzukünden, «seine langjährige Erfahrung in den Dienst der Jugend zu stellen». Kein Wunder, hat er doch auch entdeckt, dass das Durchschnittsalter seines Reiches bei plus minus 19 Jahren liegt. Wer etwas für die Jugend tut in diesem Szenario ist Kouélany. «Politik?» sagt sie. «Ich halte mich fern von «der» Politik. Was ich mit dem Atélier Sahm tue, ist eine Form von Politik. Ich unterstütze junge Menschen und vor allem auch junge Frauen. In einer patriarchal geprägten Welt – und ich rede hier vom Kongo – sind sie diejenigen, die am ehesten in einen Fatalismus abrutschen. Ich kann ihnen Vorbild sein. Ich bin eine freie, unabhängige Frau, die sagt, was sie denkt, ich kann sie zu dem hinbegleiten, was sie wirklich sind.» Sie hat die Bürgerkriege in ihrem Heimatland, das 1960 die Unabhängigkeit vom französischen «Empire» erlangte, als 1965 Geborene miterlebt. Ihr Werk spricht davon. Zum Beispiel in Bildern vom versehrten Körper, in den Collagen, in denen sie zwischen Fragmenten Verbindung mit Zusammennähen wiederherstellt. Sie weigert sich, als «Opfer der Unruhen im Kongo» dargestellt zu werden. Der Krieg ist ihr Material, Brennlinse, durch die sie sich, ihr Werk, ihr Engagement fokussiert. «Mit Les Ateliers Sahm wollen wir auch ein Bild von Subsahara-Afrika zeigen, wie es für uns ist. Wie wir Afrika leben.» 

 

Billy the Kid – frei in Wort und Tat 

Kouélany ist und bleibt Bill in Anlehnung an «Billy, the Kid», den Spitznamen, den ihr Vater ihr, dem widerspenstigen Kind, verliehen hat. Sie bleibt auch «Kipiala» – wie im Titel ihres jüngst erschienen Buches «Kipiala ou la rage d’être soi» ausgedrückt – so, wie ihre Mutter sie als Person ohne Schranken, unberechenbar und frei in Wort und Tat empfand. Wie schön, dass sie diesen «spirit» an junge Menschen – wie eben auch Sam BB – in den Atéliers Sahm in Brazzaville weitergibt und es in Aarau im Gästeatelier Krone, ganz im Sinn von Wenzel A. Haller und seinen Mitstreiter*innen für die Offenheit von Kultur, einen Platz gibt für «Kipialas», die mit ihrem Kulturschaffen, malend, singend, filmend und tanzend, dem uns allen eigenen Drang «sich selbst zu sein» Ausdruck geben.