«Ich lebe gern in der dinglichen Welt»

Sie ist radikal, selbstbestimmt und einsam. Die Performancekünstlerin Manon erzählt uns am Zürichsee von ihren hochstilisierten Selbstdarstellungen, ihrem Kampf um Freiheit und dem Glück, das Bäderquartier in Baden entdeckt zu haben. Die Ausstellung im Kunsthaus Zofingen dreht sich um Vergänglichkeit, disparate Identitäten und das volle Leben.

TEXT Gianna Rovere & Corinne Rufli BILD Manon

Manon, «La dame au crâne rasé», 1977

Manon, etwas ketzerisch frage ich Sie: Ist es nicht schrecklich, dass Ihre Arbeiten aus den 70er-Jahren immer noch so aktuell sind?

Manon: Doch, aber es ist auch wunderbar. Für mich ist das alles jedoch weit weg.

  

Ich meinte das in Bezug auf Themen wie Ihre Kritik an der Darstellung und Objektivierung von Frauen.

Objektivierung und Subjektivierung…

  

Beides natürlich!

Das Schreckliche ist, dass diese Themen aktueller sind denn je. Ein Flashback sondergleichen. Die 68er vermittelten ein Gefühl von Aufbruch. Von Zukunft. Wir waren über- zeugt: Jetzt kommt eine neue Zeit. Dieses Gefühl hat heute niemand mehr.

  

In Ihrer Arbeit «Hotel Dolores» (2008–2001), die demnächst in Zofingen gezeigt wird, kreierten Sie Installationen in den zerfallenden Hotels im Badener Bäderquartier. Wie kamen Sie dazu?

Jahrelang habe ich von solchen Räumen geträumt. Als ich sie zum ersten Mal sah, wusste ich, hier muss ich arbeiten! Mit etwas Überzeugungskraft hatten mein Partner und ich Zutritt bekommen zu den drei leerstehenden Bäderhotels. Ich fotografierte zuerst jeden Raum, jeden Keller, jedes Bad, jeden Estrich, jede Küche. Mit den rund 400 Fotografien schloss ich mich in meinem Atelier ein und fing an zu zeichnen: Was könnte ich mit dieser Wand, mit jenem Raum, mit diesem Bad anstellen? Was für Requisiten anbringen, was für eine Installation herstellen? Jedes Wochenende verbrachten wir in diesen Räumen, drei volle Jahre lang. Es gab weder Wasser noch Heizung noch Toilette, es war endlos staubig, und man roch noch Stunden danach nach Schwefel. Manchmal war die Wand, für die ich etwas geplant hatte, eingebrochen, ich musste mir sogleich etwas Neues ausdenken. Doch der ganze Aufwand hat sich gelohnt.

  

Was für einen Eindruck haben die Bäder bei Ihnen hinterlassen?

Ich kannte Baden vorher nicht, es ist eine reizvolle Stadt, und die Zeit, in der die Bäderhotels noch intakt waren, muss wundervoll gewesen sein. In dem zerfallenen Zustand, wie ich sie angetroffen hatte, waren sie voller gelebten Lebens. Prallvoll. Das war auch bestürzend. In meiner Fantasie stellte ich mir vor, was da alles stattgefunden haben muss: Liebe, Hass, Verrat, Untreue, vielleicht sind da Kinder geboren worden, Menschen gestorben, vielleicht gab es Selbstmorde. Das ganze Spektrum des Lebens, komprimiert in diesen Räumen. Das war faszinierend und ein grosser Glücksfall für mich.

  

Wie sehr arbeiten Sie in der kommenden  Ausstellung in Zofingen als Kuratorin mit?

Der kreative Teil ist meiner, aber die Kunsthaus-Kuratorin Claudia Waldner ist genauso wichtig. Gemeinsam diskutieren wir, wie die Bilder platziert werden sollen. Da ist ein reger Austausch zwischen der Kuratorin, unseren Assistenten, meinem Mann und mir, und schliesslich kommen noch ein Techniker und ein Schreiner dazu.

  

Gibt es in Zofingen neue Arbeiten von Ihnen zu sehen?

Ja, es wird zwei neue Installationen geben. Der Titel ist «Lachgas», mehr möchte ich dazu noch nicht sagen. Als ich die Räumlichkeiten in Zofingen besuchte, begann  es in meinem Kopf wie üblich zu arbeiten, und es kamen unzählige Möglichkeiten infrage. Dann fokussierte ich mehr und mehr. Die entstehende Arbeit muss für die Räume geeignet sein, aber auch für meine Person.

  

Vergänglichkeit ist bei Ihnen oft ein Thema. Sie bezeichneten die Zeit einmal als Ihre ärgste Feindin, ist das immer noch so?

Das ist mehr denn je so.

  

Versuchen Sie überhaupt, sich mit der Zeit zu versöhnen?

Das ist schwierig. Ich hätte noch so viel vor. Da  wären Ideen für viele weitere Jahre… Dazu gibt es sehr viele Fotobilder, die ich nie gezeigt habe. Es ist nicht schön zu denken, dass das zeitlich vielleicht nicht mehr möglich ist, weil ich stattdessen stets lieber neue Arbeiten anpacke.

  

Hält denn gerade dieser Kampf gegen die Zeit einen am Leben?

Dagegen kann man nicht ankämpfen.

  

Sie sind durch viele verschiedene Jahrzehnte gewandelt und wandeln immer weiter. Aus welcher Zeit kommen Sie?

Aus heute. Woher denn sonst? Aus heute natürlich.

  

Ihre Auseinandersetzung mit Identitäten ist faszinierend und radikal. Was bedeutet für Sie Identität?

Eine ideale Identität wäre eine Übereinstimmung von Innerem und Äusserem. Das heisst vom inneren Selbstempfinden und der äusseren Wahrnehmung durch sich

und die Umwelt. Doch in Perfektion existiert das möglicher- weise nicht. So ist das Leben nicht. Aber ich denke, jede und jeder versucht, dem so nahe wie möglich zu kommen.

  

Sie haben durch das Inszenieren Ihres Körper stets neue Identitäten geschaffen. Besteht da die Gefahr, dass man sich selbst ausbeutet?

Ja. Klar. Was ich jedoch nicht kann: Andere Menschen für meine Zwecke fotografieren. Ich sehe viele interessante Gesichter, aber ich würde nicht wagen, meine Kamera draufzuhalten. Eine Ausnahme bildet eine Fotoserie, die ich in Paris von meinem jetzigen Gatten und mir, als wir frisch verheiratet waren, geschossen habe. Diese Serie liegt noch immer unbearbeitet da. Eben deshalb. Dabei habe ich kürzlich einige Bilder davon angeschaut. Sie sind schön. Ich müsste sie wirklich einmal auswerten. Diese Fotografien geschahen auf Augenhöhe.

  

Mit «Manon» haben Sie sich eine Kunstfigur erschaffen. Manche sagen, dass dieses Alter Ego eigentlich Ihr grösstes Werk ist. Verschwindet Ihr Schaffen hinter Ihnen als Kunstfigur?

Die Figur «Manon» entstand, lange bevor ich in der Kunstszene auftauchte. Erst die Umwelt hat sie zur «Kunstfigur» hochstilisiert. Sie entstand wohl als eine Art Selbstschutz, den ich mir wie einen Panzer angezogen hatte. Da steckte keine intellektuelle Überlegung dahinter, sondern ein überlebenswichtiger, fast organischer Prozess, dessen ich mir zu Beginn nicht mal richtig bewusst war.

  

Wurde dieser Panzer dicker mit der Zeit?

Nein, dünner.

  

Weil Sie stärker wurden oder verletzlicher?

Beides. Menschen, die mir ganz nahe standen oder stehen, wissen, dass hinter der «Manon» noch etwas anderes steckt.

  

Sie legen Ihren Panzer also nicht oft ab?

Oh doch, doch. Sonst hätte ich nicht überleben können. Es braucht beides.

  

In Ihren Arbeiten sind Sie oft Dargestellte und Darstellende…

… ja, ich will die Regie in der Hand behalten.

  

Sie übernehmen die ganze Verantwortung?

Genau. Es gibt eine  Geschichte dazu: Helmut Newton hat mir in Paris einmal seine Kamera geliehen, weil meine kaputt war. Im Gegenzug wollte er, dass ich für ihn Modell stehe. Ich hatte damals eine Glatze, und das wäre für ihn… – nun, man kennt ihn ja. Ich habe Nein gesagt.

  

Neben «Manon» nehmen Sie unendlich viele Identitäten an, wie auch in der Porträtserie

«Einst war sie Miss Rimini» zu sehen. Was finden Sie in diesen Rollen?

Ich finde mich selbst. Ich bin nicht  die  Schauspielerin, die von aussen auf eine Rolle schaut. Ich will herausfinden, was ich von diesem Menschen in mir drin habe. Ich mag die disparaten Frauenfiguren am liebsten.

  

Gibt es noch Figuren, in die Sie schon längst einmal hineinschlüpfen wollten?

Als ich die «Riminis» erschaffen habe, hätte ich noch viele weitere Frauenfiguren darstellen können, es machte mir solche Freude. Ich war gerne die Putzfrau, ich fühlte mit der Clocharde mit – ich war jede einzelne Figur selbst.

  

Gibt es Szenen, denen Sie sich besonders zugehörig fühlen?

Nein, ich habe keine Zugehörigkeit. Ist das nicht traurig?

  

Aber wie war das denn in der Frauenbewegung der 1970/1980er-Jahre? Waren Sie Teil davon?

Ich war in keiner Gruppe, das liegt mir nicht, aber ich habe das genau mitverfolgt. Ich bezeichne mich als Feministin. Doch in den 70er-Jahren war Feminismus anders als heute. Mir widerstrebte, dass die Frauen sich selbst angehalten hatten, so zu arbeiten und zu leben wie die Männer. Fast so, als wäre das Weibliche minderwertig. Künstlerinnen beispielsweise sollten Malen wie Männer, an diesen orientierte man sich. Ich sah das nicht so. Das hat sich geändert, Gott sei Dank.

  

Spüren Sie die Auswirkungen dieser männlich geprägten Kunstszene heute noch?

Ich lebe dermassen zurückgezogen, dass ich es nicht spüre. Aber ich weiss es.

  

Wie beim Dokumentarfilm «Glamour und Rebellion» über Sie?

Genau, dreimal wurde ich von Männern für einen Film über mich angefragt, zweimal wurde ein Film sogar begonnen, ehe ich absagte. Als schliesslich Lekha Sarkar kam, wusste ich: Das funktioniert. Sie hatte einen anderen Blick auf mich und meine Arbeit. Der männliche Blick ist manchmal etwas verstellt, weil er oft zuerst die Frau und lange danach die Künstlerin sieht.

  

Kann man denn männliches und weibliches Kunstschaffen unterscheiden, oder ist alles Kunst von Menschen?

Es gibt weibliche Kunst, und es gibt männliche, und es gibt geschlechtsneutrale Kunst. Doch Kunst ist Kunst.

  

Die Schweizer Kunstwelt war auf eine eigenständige, weibliche Perspektive nicht vorbereitet?

Ich glaube nicht, nein. Aber ich dachte nicht wirklich darüber nach, wie meine Kunst aufgenommen werden könnte. Auch heute nicht. Ich hasse es, an Vernissagen zu gehen. Mich interessiert nur der kreative Prozess.

  

Wie sieht dieser Prozess aus?

Ich mag Herausforderungen. Spannend wird es für mich, wenn für Installationen oder Ausstellungen Räume schwierig zu bespielen sind. Schaff ich das? Das schaff ich! So arbeite ich wirklich gerne. 

  

Wie arbeiten Sie?

Immer zuerst auf Papier: Zeichnen, schreiben, zeichnen, schreiben. Ich sehe zuerst ein Spektrum an Möglichkeiten. Danach wird vieles weggeschmissen, die Auswahl wird enger und enger, bis ich weiss: Da geht es lang.

  

Das machen Sie in Ihrer Wohnung und Ihrem Atelier im Seefeld?

Ja, auch, und ich brauche viel Platz. Ich arbeite am Boden, und meine Räume sind stets mit Papier übersät. Und die Wände auch.

  

… und vor Ort, im spezifischen Raum, konkretisiert sich Ihre Vision?

Genau, dann wird es nochmals spannend und  kreativ. Bis alle Proportionen stimmen und jede Ecke funktioniert.

  

Sie werden gerne als Schweizer Pionierin der Performancekunst bezeichnet. Wie kam dieser Begriff zu Ihnen?

Als ich meine erste Performance machte, wusste  ich nicht einmal, dass es dieses Wort gibt. Ich hatte die Schauspielakademie und die Kunstgewerbeschule besucht. In der Schauspielschule wurde mir klar, dass ich nicht in  einem Stück spielen kann, das ich nicht geschrieben habe, dass ich keine Kostüme tragen kann, die ich nicht entworfen habe, und dass ich das Bühnenbild selbst gestalten möchte. Ich musste etwas finden, bei dem ich alles selbst kreieren konnte. So kam ich zur installativen Performance oder performativen Installation, wie man will. Ganz ohne zu wissen, ob es so was gibt und wie man das nennt.

  

Müssen Ihre Arbeiten heute extremer sein als früher, um Aufmerksamkeit zu erregen?

Diese Frage stelle ich mir nicht. Meine Kunst ist persönlich. Und das Persönliche ist immer auch politisch.

  

Heute läuft vieles über die sozialen Medien – Politik, wie auch Kunst. Sind Sie auf Instagram?

Nein.

  

Interessiert es Sie denn, wie Inszenierung heute auch funktionieren kann?

Ich lebe gerne in der dinglichen Welt. Trotzdem bespiele ich Ausstellungsräume seit langem aufgrund von 3D-Plänen.

  

Statt sich um Followers und Likes zu kümmern, gehen Sie lieber schwimmen?

Ja, ich schwimme täglich im Zürichsee. Der See hält mich  in dieser Stadt. Nur der See.

  

Bewegen Sie sich oft in der Natur?

Ja. Demnächst kommt ein neues Buch heraus, «Federn». Es basiert auf Notizen, die ich mir über drei Monate hinweg täglich gemacht hatte. Sie werden sich wundern, wie viel ich da auch über Natur schreibe. Eigentlich finde ich mein Glück in der Natur. Dort sitzt es, das Glück.

  

Was beschäftigt Sie im Moment am meisten?

Ich habe Angst.

  

Wovor?

Vor der Ungewissheit.

  

Sie sind sehr gefragt im Moment.

Ich habe derzeit mehr Anfragen, als mir gerade lieb ist. Ich arbeite parallel an zwei Büchern, an zwei Ausstellungen und an zwei weiteren grossen Schauen für das kommende Jahr. Als Perfektionistin wird es mir etwas viel. Täglich diese vielen Mails, dauernd gibt es etwas zusammenzustellen, zu planen, zu ändern, zu organisieren. Wann lebe ich denn noch?

  

Leidet auch die Kreativität darunter?

Nein. Das ist das Einzige, wo ich wirklich zu Hause bin. Da fühle ich mich sicher und wohl. Aber das ganze Drum- herum möchte ich am liebsten streichen.

  

Was wünschen Sie sich?

Wenn ich das wüsste. Ich  wünschte,  ich hätte  noch 50 Jahre vor mir, um noch viele Arbeiten, die ich im Kopf habe, zu realisieren. Und auch um sagen zu können: Verschieben wir die nächste Ausstellung einfach mal um ein oder mehrere Jahre.

  

Bereuen Sie etwas?

Nein. Ich hätte wohl viel früher eine viel aufregendere Karriere machen können, wenn ich zum Beispiel Galerieverträge unterschrieben hätte. Doch ich wollte frei sein. Heute ist dies ja etwas vom Ersten, was junge Kunstschaffende anstreben. Beziehungspflege und Networking lernt man schon an der Kunstschule. Ich machte das nicht, ich mache meine Arbeit und ziehe mich danach zurück. Allerdings habe ich mich damit in eine grosse Einsamkeit hineinmanövriert. Das ist der Preis für Freiheit.

 

 

Manon – Radikale Pionierin

Manon, 1940 in Bern geboren, lebt und arbeitet in Zürich. In den 1960er-Jahren besucht sie die Kunstgewerbeschule in St. Gallen sowie die Schauspielschule in Zürich. 1974 erfolgt der erste Auftritt in der Zürcher Kunstszene mit der Installation «Das lachsfarbene Boudoir». In den 1970er-Jahren erlangte sie national und international Beachtung für ihre Performances, Installationen und inszenierten Fotografien, die um Fragen der Identität und Konstruktion von Geschlechterrollen kreisen. Ihr Körper dient ihr als künstlerisches Material, und ihr Leben und Werk sind kaum auseinanderzuhalten. Während eines längeren Aufenthalts in Paris entstehen wichtige Fotoserien wie «La Dame au crâne rasé» (1978). Seit den 1990er-Jahren untersucht die Künstlerin in den Fotoserien wie «Forever Young» (1999) oder «Einst war sie Miss Rimini» (2003) die Themen Vergänglichkeit und Erotik. 2008/2009: Retrospektive in Zürich mit «Manon – Eine Person». Von 2008 bis 2011 entstand die Arbeit «Hotel Dolores», die erstmals im Aargauer Kunsthaus gezeigt wurde. Demnächst erscheint das Buch «Federn» in der Edition Patrick Frey mit tagebuchartigen Aufzeichnungen «über den Lauf der Zeit. Und über den Lauf meiner Zeit», so Manon. zvg