Kathrin Veiths Tagebuch aus Berlin: Vom Ankommen

TEXT Kathrin Veith BILD zvg

Kathrin Veith findet gerade heraus, welche Türen in Berlin noch offen stehen.

Ich brauche immer viel Zeit, um anzukommen an einem neuen Ort. Das geht bei mir nie ruckzuck. Selbst wenn ich eine Stadt schon kenne. Mein Sohn, glaube ich, auch. Heute auf dem Spielplatz: Eine lange Röhrenrutsche. Sinnbild. Man sieht nicht, wohin man rutscht. Alle wissen, es wird nicht schlimm, es wird bestimmt auch lustig. Aber dieser erste Schritt ins Ungewisse, man muss ihn einfach tun. Natürlich weiss ich, dass es gut ist, ihn zu machen, aber eben. (Mein Sohn klettert nach einer halben Stunde wieder nach unten.)

Die Inspiration für Neues soll mir Berlin bieten. Ich zweifle gerade, ob Berlin das tun wird. Alles ist geschlossen oder der Eintritt nur mit negativem Testergebnis möglich. Ich sage mir, eine solche Metropole hält an jeder Ecke Inspiration für dich bereit, nicht nur auf Bühnen oder Museen. Ich hoffe, ich kann mir glauben, bin aber noch nicht ganz überzeugt. Bei all den geschlossenen Türen fällt es mir schwer, die zu sehen, die trotzdem offen sind. It's the new normal. Deal with it!

Einen grösseren Luxus als diese drei Monate in der aktuellen Situation gibt es nicht. Als freischaffende Schauspielerin war das letzte Jahr nicht einfach. Finanziell und vor allem auch emotional: Absagen, Verschiebungen, Geisterpremieren, Warten auf den Bundesratsentscheid, Kampf mit der Arbeitslosenkasse, neue Absagen, neue Verschiebungen. Und es ist noch nicht vorbei. Mir scheint es wichtiger denn je, mich selber einzubringen. Denn wie es mit der Kultur weitergeht, wissen wir nicht. Hart war es schon vor der Pandemie.

Wo wird danach gespart? Gibt es noch Gäste an den Theatern? Können freie Produktionen noch finanziert werden? Deswegen muss Berlin für mich auch eine Chance sein, mich in Stellung zu bringen für den gemeinsamen Kampf für die Kultur nach der Pandemie. Gebe ich jetzt mein ganzes Stipendiatengeld für Schnelltests aus? Oder lege ich es an, um für nach der Pandemie vorzusorgen?


ZUR PERSON

Die Schauspielerin Kathrin Veith (*1982) lebt seit April für drei Monate mit ihrer Familie in Berlin. Zuerst in der Quarantäne und jetzt wieder frei. Ihre Ankommensgedanken hat sie in kurzen Tagebuchfragmenten notiert. Kathrin Veith studierte Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Während ihrer Ausbildung erhielt sie Stipendien vom Migros-Kulturprozent und von der Friedl-Wald-Stiftung. Seit 2008 ist sie als freischaffende Schauspielerin und Sprecherin im In- und Ausland tätig. Sie arbeitet sowohl in der freien Szene wie auch an festen Häusern. Zuletzt war sie im Kinofilm "Sekuritas" von Carmen Stadler in der Hauptrolle der Nora Falk zu sehen. Kathrin Veith lebt mit ihrer Familie in Aarau. In Berlin will sie durch intensive Arbeit und Workshops ihren schauspielerischen Rucksack neu füllenund in diesem Freiraum ihr schauspielerisches Potenzial stärken und auffrischen.

www.kathrinveith.ch