Jazz zwischen Groningen, Graz, New York

Unterwegs mit Cinzia Catania

TEXT Matteo Emilio Baldi

Schreibt und singt ihre eigene Musik: Cinzia Catania. zvg

Als Treffpunkt gibt Cinzia Catania «unter der grossen Uhr am Bahnhof Aarau» um 18.30 Uhr an. Der übergrosse Minutenzeiger bekundet unmissverständlich, wie die Zeit voranschreitet. Das Geschehen unter dem Ziffernblatt suggeriert jedoch das Gegenteil. Wie eh und je stehen neben der Taxikolonne die Bärtigen mit Billigdosenbier in ihren schmalzigen Lederjacken. Gegenüber verweilt die Jugend in Daunengilets über grauen Hoodies mit Kampfhund bei Fuss. Im Halbstundentakt spült der Bahnhof etwas Heimatgefühle herauf, bekannte Gesichter aus der Kindheit und Jugend. Eines davon ist Cinzia Catania. Die Berufssängerin und Komponistin wohnt in Zürich, aber wie so viele, die für ihre Studienzeit den Aargau verlassen haben, verfällt auch sie immer wieder dem Städtli. «Eigentlich bin ich gerne an der Aare», sagt Catania, als ich sie danach frage, wo ihr Lieblingsplatz in Aarau sei. Doch es regnet und nicht nur der Kampfhund im dünnen Fell zittert. Wir entscheiden uns für die Einkehr im Café Waldmeier, wo man sich kennt und duzt. Catania hat Hochschulabschlüsse in Jazzgesang, Gesangspädagogik und Komposition.

Wie bei vielen anderen jungen Kunstschaffenden besteht ein Teil ihrer Kunst darin, sich das eigene Schaffen überhaupt zu ermöglichen. Das braucht Ressourcen, die sich Catania hart erarbeitet mit Gesangsstunden, Auftragskompositionen und ihrer Konzerttätigkeit. «Für mich stimmt die Kombination gerade, auch wenn es manchmal Zeiten gibt, in denen alles zu viel ist», sagt sie. Sie brauche den Kontakt zu Menschen: «Ich könnte nie einfach nur Komponistin sein.» So würde sie am liebsten noch häufiger mit der eigenen Musik auftreten. «Mein Ziel war immer, die Musik selbst zu schreiben und zu singen.»

Das war bereits so, als sich gegen Ende der Maturität die Faszination für den Jazz entfacht. Sie sammelt erste Erfahrungen in Bands und bei Auftritten. Am Jazzaar lernt sie den New Yorker Saxofonisten Mark Gross kennen, der ihr rät, in Groningen am Prins Claus Konservatorium vorzusingen. Sie nimmt sich den Ratschlag zu Herzen und wird dort angenommen. Bald merkt sie, dass alle anderen Studierenden bereits künstlerisch gefestigte Positionen haben. Ihr Bedürfnis ist es aber, die Basics des Jazz’ zu erlernen – was in Groningen weniger Platz hat. Catania folgt einer dortigen Gastdozentin nach Graz. In Österreich findet Catania, was sie suchte: Fokussierung auf die Jazztradition. Sie lernt Bebop und Scatten. Catania nimmt mit dem Gitarristen Pippo Corvino ihr erstes Album auf. Ein Traum geht in Erfüllung. «Damals hatte ich vielleicht meinen Stil und meine Stimme noch nicht ganz gefunden. Jedoch hat das Album etwas ganz Eigenes, das mir heute noch gefällt.»

Zu Beginn ihrer musikalischen Karriere habe es noch so etwas wie eine Kindlichkeit im Komponieren und Singen  gegeben. Im Zuge der intensiven Auseinandersetzung mit den verschiedenen Techniken und der sich damit einschleichenden Professionalität sei es dann plötzlich zur Herausforderung geworden, diese Unverblümtheit wieder zu finden.

Eine herausfordernde Rückkehr war auch die geografische. Nicht nur, dass es in Holland und Österreich einfacher gewesen sei, Publikum zu finden. Sondern auch die Konfrontation mit der Heimat sei nicht einfach gewesen: «Man kommt heim und spielt an Orten, die man kennt, vor Leuten, die man kennt. Da bekommt man auf eine andere Art und Weise Feedback.» 

Sie habe schon immer Kunst machen wollen. «Etwas ganz Eigenes, und nicht einfach das, was gefällt», sagt Catania, als wir über das Musikbusiness und Labels zu reden kommen. Nach ersten Erfahrungen mit Labels entscheidet sie sich aber für die absolute künstlerische Freiheit und gegen den Einfluss des Markts auf die eigene Musik. Das hat natürlich seinen Preis. Sie kümmert sich selbst um die Promo, die Finanzierung der Musiker*innen und die Studiotage. Doch das sind nur die finanziellen Aspekte. «Ich mache ja auch das Booking selbst, und da ist dann niemand, der mir die Absagen ausfiltert», erklärt Catania.

Dass viel Verletzlichkeit in ihrem musikalischen Schaffen liegt, zeigt, wie nahe die eigene Musik bei ihr selbst anzusiedeln ist. Wenn man für die Kunst unmittelbar aus der eigenen Vita schöpft, wird alles sehr schnell persönlich: «Ich habe ja auch keinen Künstlernamen, das macht’s vielleicht nicht unbedingt einfacher.»

Diese Nähe von Catanias Werk zu ihrem Leben ist das Eindringliche an ihrem Schaffen. Vieles findet im Spektrum zwischen heimatlicher Verortung und der Lust an Neuem statt. Catania, deren Vater Sizilianer ist, hat beispielsweise sizilianische Volkslieder neu für sich interpretiert. So eignete sie sich auf musikalischem Wege die Italianità an, die für sie mehr diffuser Sehnsuchtsort als Lebensrealität ist. Sie vollzieht lustvoll und scheinbar mühelos musikalische Ausflüge in die Schweizer Volksmusik, in den Bossa Nova und in den Fado. Bei jeder dieser Exkursionen beobachtet und analysiert sie, was sie berührt. Und so reichert sie ihr eigenes Schaffen an.

Zurzeit ist ihr drittes Album «Swim it away» am Entstehen. Es werden viele Stücke tanzbar sein, etwas mehr Pop als bei den beiden Alben zuvor klingt an. Doch nicht nur: «Ich liebe es, wenn die Leute tanzen können zu meiner Musik, wenn es groovt. Aber ich möchte bei allen Songs auch nicht immer dasselbe Tempo haben.» 

Nach einigen Drinks und der plötzlichen Erkenntnis, dass wir wohl zusammen im Kindergartenalter den Volkstanzkurs bei Frau Frei in Schafisheim besucht hatten, verabschieden wir uns unter der grossen Uhr am Bahnhofseingang, der im Halbstundentakt bekannte Gesichter aus der Kindheit und Jugend schluckt. 

 

CINZIA CATANIA (*1988)

wuchs in Lenzburg auf, studierte in Graz und Luzern Jazzgesang und Komposition. Sie singt in diversen Bands; von Jazz, Pop, elektronischer Musik bis zu Schweizer Volksmusik.