Investitionen in Horizonterweiterungen

KULTURFÖRDERUNG Werk- und Förderbeiträge sowie Atelieraufenthalte erlauben Künstler*innen, sich intensiv ihrem Schaffen zu widmen. Das AAKU stellt in Zusammenarbeit mit dem Aargauer Kuratorium vier Künstler*innen vor, die im vergangenen Jahr gefördert wurden.

Anarchie führt das Zepter 


Christoph Schneeberger (*1976, Bern) bezauberte mit seinem Debüt über eine obdachlose Dragqueen («Neon Pink & Blue», 2020) und schreibt die tragikomische Burleske nun fort. Drei alte Freundinnen und Freunde, alle mit fliessen- der Identität, machen einen Ausflug ins Suisseminiature. Man kann an Friedrich Dürrenmatts Erzählung «Der Tunnel» denken oder an Federico Fellinis Film «Otto e mezzo»: Kaum angekommen, sind sie mitten in einem Traum oder Albtraum, in dem Orte, Zeiten und Gefühle durcheinanderwirbeln. Was ist Realität? Was ist ihre Realität? Was taugen ihre Erinnerungen? Was ihre Erfahrungen? Wo ist ihr Platz? Eigenwillig und gekonnt spielt Christoph Schneeberger mit Genres, Stilen und Stimmen, erzählt von Ausgrenzung und Gewalt, von Selbstermächtigung und Widerstand gegen gesellschaftliche Vorurteile. Nicht zuletzt schafft er den Spagat zwischen Emotion und Komik, und wohin immer es seine Figuren auch zieht: Anarchie führt das Zepter. Das Aargauer Kuratorium unterstützt Christoph Schneebergs Schaffen mit einem Werkbeitrag von 20 000 Franken.

Franziska Hirsbrunner, externe Jurorin Literatur

 

Der Weg in die Postwachstumsgesellschaft 

 

Die als Sozialwissenschaftlerin und Drehbuchautorin ausgebildete Aline Schmid (*1980, Genf) hat sich einen Namen als kreative Produzentin von anspruchsvollen Dokumentar- und Spielfilmen gemacht. Ihr erster grosser Festivalerfolg war der Dokumentarfilm «Sonita», der mit Preisen am Sundance und auf dem International Documentary Film Festival Amsterdam ausgezeichnet wurde. Auch «Walden» und «Closing Time» wurden international anerkannt. Der Spielfilm «Das Mädchen und die Spinne» gewann gleich doppelt auf der Berlinale 2021 und läuft derzeit in den Schweizer Kinos. Aline Schmid begreift sich als Kulturschaffende und will eine Vorreiterrolle für den Weg in eine nachhaltigere Postwachstumsgesellschaft einnehmen. Mit dem Werkbeitrag von 30 000 Franken unter- stützt das Aargauer Kuratorium sie dabei, sich auch selbstkritisch mit der Frage auseinanderzusetzen, mit welchen Formaten oder Strategien sie in Zukunft ein breiteres Publikum über die eigene Nische hinaus ansprechen kann. In ihren vielversprechenden Forschungen denkt sie interdisziplinär und vernetzt.

Sonja Kilbertus, Vorsitz Jury Film

 

Mittreissende Stimmungsbilder

 

Helen Maier (1990*, Biberstein), die junge, aufstrebende Geigerin in der neuen Volksmusikszene (Bachelorstudium Violine in Jazz und Volksmusik an der HSLU) hat neben ihrer eigenen solistischen Karriere auch Grosses vor mit ihrer Band «Helen Maier & The Folks». Nach dem erfolgreich lancierten Album «Intuition » im vergangenen Jahr standen diesen Sommer verschiedene Konzertauftritte am «Internationalen Festival Alpentöne» in Altdorf, am Festival «Volksmusik im Volkshaus» in Zürich oder am Sommerfestival 2021 Kulturhof in Luzern auf dem Programm. Mit grossem Elan verbindet sie in ihren Kompositionen und Projekten Irish Folk, feurige Balkan-Rhythmen mit Jazz und Schweizer Volksmusik – daraus entstehen dynamisch-bewegliche und mitreissende Stimmungsbilder. Musikerinnen und Musiker und unterschiedlichste Instrumente verschmelzen zu einem neuen Sound. Das Aargauer Kuratorium unterstützt diese begabte, impulsive und vorwärtsdrängende Künstlerin mit einem Förderbeitrag von 10 000 Franken.

Markus J . Frey, J urymitglied J azz & Rock/ Pop

 

Verschiebungen der Wahrnehmung

 

Mattia Comuzzi (*1992, Schafisheim) überzeugt durch die subtile Kombination ästhetischer Elemente, die er ihrem ursprünglichen Kontext entnimmt und neu zusammenfügt. Sein Umgang mit Objekten, mit Sound und mit Mode ist von einer in die Zukunft weisenden Offenheit geprägt und trägt gleichzeitig die Ahnung eines ritualistisch-animistischen Urverständnisses in sich. Es sind Verschiebungen der Wahrnehmung eines Objekts und seiner Umgebung, die Comuzzi interessieren. Die Fotografie stellt ein zentrales Element seiner künstlerischen Herangehensweise dar und ist Teil des Denkprozesses. Das Kuratorium fördert seine Arbeit mit einem Werkbeitrag von 30 000 Franken. In Berlin möchte der Künstler wieder verstärkt auf die analoge Fotografie zurückgreifen. Parallel dazu wird er sich mit der Wahrnehmung, Produktion und Performance von Musik befassen. Der Atelieraufenthalt mit einem Beitrag an die Lebenskosten von 9000 Franken verschafft Comuzzi zudem die Möglichkeit, mit den Designern Julia Seemann und Flavio Zimmermann an dem Projekt Body Sensations weiterzuarbeiten und hybride, intermediale Konzepte in den Bereichen Sound und Performance zu entwickeln.

Barbara Signer, Jurymitglied Bildende Kunst und Performance

 

AARGAUER KURATORIUM

Das Aargauer Kuratorium vergibt einmal jährlich an Künstler*innen aus allen Sparten Werk-, Lektorats- und Förder- beiträge sowie Atelierplätze in Nairs, London, Paris und Berlin. Im Jahr 2021 haben 29 Kunstschaffende eine solche Unterstützung zugesprochen bekommen. Die geförderten Künstler*innen werden in digitaler Form geehrt: Ihr überaus vielfältiges Schaffen wird in einer Webpublikation vorgestellt. www.2021.jurierungen.aargauerkuratorium.ch.