Im Zeichen der Verbindung

Das Aargauer Kunsthaus hat verschiedene Künstler*innen eingeladen, partizipativ und kollektiv an einer Ausstellung zu arbeiten. In «Art as Connection» reflektieren sie die merkwürdigen letzten zwei Jahre. Herausgekommen ist eine vielfache Vernetzung von Aktivist*innen, Themen und Werken.

TEXT Michael Hunziker BILD Sandra Pointet

Unser Vorhaben war, über vier Künstler*innen die neue Gruppenausstellung im Aargauer Kunsthaus zu erschliessen. Schnell wurde klar, dass es sich beim Titel «Art as Connection» nicht nur um eine thematische, sondern auch eine programmatische Setzung handelt und demnach jede Betrachtung sich wie von selbst in einen kaleidoskopartigen Blick öffnet. Im Gespräch mit Sabian Baumann, Romy Rüegger, Gregory Stauffer und Rolf Winnewisser – vier von zwölf involvierten Akteur*innen (Kollektive einzeln gezählt) – lernten wir, neben einem Kosmos an Referenzen, auch ihre politischen Perspektiven kennen, aus der sie Themen wie Ausgrenzung, Unterdrückung und Macht bearbeiten.

Die Künstler*innen nahmen das übergeordnete Thema «Verbindung» und den grossen Handlungsspielraum, den sie von der Direktorin Katharina Ammann erhalten hatten (siehe Interview), als Anlass, selbst zu Kurator*innen zu werden. Experimentell, partizipativ, diskursiv sollte die

Ausstellung entstehen. Ein Wagnis. Denn ob die vielen unterschiedlichen Positionen, die verschiedenen Verständnisse es vermögen, in einen Dialog miteinander zu treten, war nicht selbstverständlich (und liegt letztlich im Auge der Betrachtenden).

Manche Künstler*innen haben ihrerseits weitere Kunstschaffende eingeladen, ihre Räume zu bespielen. Die nächsten Monate im Kunsthaus werden also zu einem interdisziplinären Happening, mit unterschiedlichen Veranstaltungen und Performances, bei denen selbst das Publikum seinen Teil zur diskursiven Auseinandersetzung leisten wird, sei es tanzend oder als virtuelle Leihgebende. Wer weiss, vielleicht lassen sich Antworten oder noch besser, neue, kritische Fragen auf die zunehmende Fragmentierung unserer Welt entdecken. Auf jeden Fall eine Gelegenheit, mit dem Andern in Kontakt zu kommen. 

 

Gesten der emanzipativen Intervention

Der Aargauer Kunstpreisträger* Sabian Baumann bespielt mit «An unhappy Archive Part II», einer kollektiven Arbeit mit Karin Michalski, und mit «Signes et Sentiments», einer Einzelarbeit, mehrere Räume. In «Signes et Sentiments» lässt Baumann etwa 60 unterschiedlich dimensionierte Hände aus ungebranntem Ton von der Decke hängen. Die Form der Hände erinnert an Emojis oder an Comicfiguren – ein typisches Element in Baumanns Werk: «Als Kind habe ich viel Comics gelesen. Eine Welt des Storytellings, der Unverletztlichkeit. Im Comic wie in der Kunst können Sachen verarbeitet werden, die in der ‹Wirklichkeit› vielleicht nicht überlegt, ausgeklammert oder nicht hinterfragt werden.» Abgesehen davon, dass die Formensprache des Comics auch heute noch das klassische Kunstverständnis zu irritieren vermag und auf einen offenen Kanonbegriff insistiert, weist die Materialität des ungebrannten Tons und die Schnur, an der die Hände hängen, auf ein Memento-Mori-Moment des Werks: «Die Hände bestehen aus Erde. Auch wir werden wieder zu Erde», sagt Baumann. Die Hände, entweder zur Faust geballt oder flach geöffnet, eröffnen einen ganzen Katalog an möglichen Zeichen und Befindlichkeiten. Hier reflektiert die Arbeit gesellschaftliche und politische Situationen: Die gereckte Faust, das Zeichen, das an Demonstrationen für politische Forderungen steht, bittende und betende Hände, die Faust im Sack. Zwischen den zwei Händen spannt sich ein grosses Spektrum der Gefühle auf, von Anspannung und Aggression bis innere Ruhe und Zuneigung. Unsere realen Hände als Ausdrucksmittel dieser Gefühle vermögen Wirklichkeiten zu verändern, Verbindungen zu schaffen oder zu kappen.

Um gesellschaftliche Interventionen geht es im Projekt «An Unhappy Archive Part II», das eine Fortführung der bereits im Badischen Kunstverein in Karlsruhe (2014) und bei Les Complices* in Zürich (2012) gezeigten Arbeit ist eine Kollaboration mit der Künstlerin Karin Michalski auf konzeptioneller und kuratorischer Ebene. Ausgangspunkt bilden Figuren der australisch-britischen Theoretikerin Sara Ahmed und weiterer feministisch-queerer Theoretiker*innen. Während sich das «An Unhappy Archive» zum einen um die Entlarvung gängiger Glücklichkeitsformeln und um die Politisierung individuell erlebter negativer Gefühle dreht, so stellen die 11 Positionen von lokalen und internationalen Künstler*innen im nun erweiterten Archiv einen Protest dar gegen die aktuellen rassistischen Asyl- und Gesellschaftspolitiken, gegen Sexismus, Homo- und Transphobie, gegen Ableismus und andere Formen der Diskriminierung. Zudem war es Michalski und Baumann wichtig, dass das Archiv die Pandemie und ihre weitreichenden Folgen für die gesellschaftlichen Verhältnissen thematisiert. «Nach all den Bewegungsbegrenzungen in der Corona-Krise, wollten wir in einer Art international companionship künstlerische Ansätze betonen, die kollektive Arbeitsweisen oder temporäre Allianzen widerspiegeln», sagen Baumann und Michalski.

Die Beiträge sind emanzipativ und eröffnen einen ermächtigenden utopischen Raum. Das «An Unhappy Archive Part II» schließt sich der Kritik Judith Butlers an gegen paternalistische Politiken vieler Regierungen gegenüber sogenannten vulnerablen Gruppen, die bei gleichzeitigem Abbau von materiellen Grundlagen für ein gutes, selbstbestimmtes Leben, Passivität erzeugen. Dieser zugewiesenen Passivität widersetzt sich das Projekt und zeigt, wie eine widerständige Zukunft aussehen könnte. 

 

Wunschbibliothek als Imaginationsraum Romy Rüegger

An Fragen zum Archiv knüpft Romy Rüegger mit ihrer Arbeit «The Wishful Library» an. Ausgangspunkt für den Ausstellungsbeitrag ist unter anderem eine Recherche im Aargauer Staatsarchiv. Die gefundenen Archivalien, wie Fahndungsfotos und Fahndungslisten von Fahrenden zeigen, wie Identitätskategorien und Normalitätsvorstellungen institutionelle Praktiken prägen. Fahrende wurden systematisch steckbrieflich erfasst, Fahndungsfotos zirkulierten im deutschsprachigen Raum im Dreiländereck und Ausschaffungen per Schiff nach Amerika von Schweizer und Süddeutschen Gemeinden bezahlt. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte liess Romy Rüegger weiter nach Leerstellen im kollektiven kulturellen Gedächtnis forschen. «Das Verständnis einer Institution lässt sich an ihren Archiven ablesen. Im Fall der Kunsthäuser auch an ihren Bibliotheken. Welche Werke halten sie verfügbar, welche nicht?», fragt Rüegger. So lud sie für die Wunschbibliothek verschiedene Künstler*innen ein, ihre künstlerischen Arbeiten, Objekte, Medien und Bücher zur Verfügung zu stellen. Ihre Bibliothek wird zu «einem Imaginationsraum, der die institutionelle Geschichte, den tradierten Kanon von Kunsthäusern be- und hinterfragt.» Die kurative Arbeit Rüeggers umfasst auf einer Plattform und auf verschiedenen Regalen Positionen von 22 Beitragenden: «Es ist eine Wissensplattform, die aktuelle Fragen zu strukturellem Rassismus, Eigentum, Nationalismus und Ausschliessung thematisiert.»

 

Aus der Kammer der Fragen Rolf Winnewisser

Rolf Winnewisser, als Vertreter einer etwas älteren Generation unter den beteiligen Künstler*innen, zeigt in einer Perspektive der subjektiven Betroffenheit, welche existenti ellen Fragen ihn immer schon und verstärkt in den letzten Monaten beschäftigten. Er verwebt in seiner «Kammer der Fragen» Erinnerungsspuren aus dem eigenen Schaffen, aus dem Archiv des Museums und aktuelle Elemente. Da wird etwa eine leere Bühne zu sehen sein, die manche zurecht an «split horizon» erinnert, der Einzelausstellung von Winnewisser 2008 im Aargauer Kunsthaus, daneben ein Glastisch mit Material aus dem Vorfeld der Ausstellung, «als Brennpunkt für das, womit man verbunden ist und wovon man angestossen wird», so Winnewisser. An der einen Wand spannt sich «ein assoziativer Bogen» auf mit Bildern aus der Sammlung wie auch mit eigenen Werken – «als frag mentarischer Querblick auf das, was das Gedächtnis des Museums nährt.» Auf der anderen Wand wird eine auf acht Meter angelegte Wandmalerei mit Leerstellen zu sehen sein. Diese wirken wie ein Sucher, durch den auf eine ungewisse Zukunft geschaut wird. Ein weiteres Objekt, das die gedankli chen und inspirativen Verbindungen von einzelnen Kunstwerken verdeutlicht, ist der «Castle Room». Winnewisser hat auf Basis eines Bildes des gehörlosen Künstlers James Castle ein Modell entworfen, das die Malerei in die dritte Dimension überführt. «Dieses Bild hat mich im ersten Moment elektrifiziert», erzählt Winnewisser, «und lässt mich seit da nicht mehr los. Der abgebildete Innenraum ist rätselhaft und unergründlich.» Rolf Winnewisser wird jeweils an einem Tag in der Woche vor Ort eine kleine Publikation aus verschiedenen Materialien befreundeter Künstler*innen zum Thema «Verbindungen» produzieren. Für Besucher*innen werden diese Zines im Museumsshop aufgelegt.

 

Ein Club im Museum Gregory Stauffer

«Thursday is dance day»: So lautet das Vorhaben des Bieler Performancekünstlers und Choregraphen Gregory Stauffer. Jeden Donnerstag zwischen 17.30 und 18.30 Uhr wummern Bässe durch das Kunsthaus und aus Stauffers Raum wird der Sound von verschiedenen lokalen DJs tönen. Feierlichkeit wird sich ausbreiten, der Museums-Eintritt ist während dieser Zeit gratis, und der Raum, der sonst eine Videoinstallation zeigt, wird zum Club. Stauffer übernimmt also Aspekte des Nachtlebens und transferiert sie in einen musealen Kontext, schon das ist eine Referenz an die letzten zwei Jahre. «Den Besuchenden wird ein Mini-Club-Moment ermöglicht. Eine Stunde befreit tanzen, sitzen, dehnen.» Durch die Dunkelheit ist beinahe Anonymität gewährleistet, das Performen für fremde Blicke fällt weg: «Man kann sich frei und unbeobachtet bewegen und ist dennoch in ein kollektives Erlebnis eingebunden.» Ursprünglich wollte Stauffer diesen «Club» mit einem Raum draussen im Schlossgarten in Kontrast setzen. Er plante ein kleines Gebäude zu errichten, das mit der Fernwärme des benachbarten Krematoriums beheizt wird. Dieser «Heated Room» hätte die Besuchenden in eine direkte Verbindung mit den Verstorbenen und mit der eigenen Sterblichkeit versetzt. In dem gegebenen Rahmen von «Art as Connection» liess sich das Projekt (bis jetzt) nicht realisieren. Weil es aber konzeptionell und narrativ bereits einiges Auszulösen vermag, zeigt Stauffer die Visualisierung dieser bestechenden wie berührenden Idee.

 

Bild: Signes&Sentiments, Detail,Installationsansicht TOPIC, Genf, 2021, Grösse variabel. Foto: Sandra Pointet.