Im Teufelskreis der Ideen

Der in Erlinsbach (AG) aufgewachsene Künstler Elias Kurth (37) verbringt mit einem Atelierstipendium des Aargauer Kuratoriums drei Monate in Paris. Im Studio in der Cité Internationale des Arts trifft sich die Privatperson Sebastian Kurth mit dem Künstler zu einem Gespräch – ein Selbstinterview.

TEXT Elias Kurth BILD Anni Katrin Elmer

Elias Kurth bei der Performance Cy-Co (The Cyborg Condition).

Sebastian Kurth: Schöne Blumen auf dem Tisch!

Elias Kurth: Ja, oder? Ein Geburtstagsgeschenk. Für drei Monate kriege ich jede Woche frische Blumen.

Kurth: An was arbeitest du gerade?

Kurth: Ich lege gerade alle Ideen, die sich in den letzten Monaten in meinem Kopf, oder besser gesagt in meinen Laptop, angestaut haben, auf den Tisch. Schaue, wo es spannend ist, weiter zu recherchieren, und wie sich meine performative Arbeit auf Installationen und vielleicht auch zu Skulpturen erweitern kann. Ausserdem arbeite ich an ei­ner Collagen-­Serie für einen Buchbeitrag, schreibe Anträge, oder treffe andere Bewohner der Cité zum Austausch.

Kurth: Du hast zeitgenössischen Tanz an der London Contemporary Dance School und einige Jahre später Architektur an der Universität der Künste in Berlin studiert. Zwei sehr unterschiedliche Disziplinen?

Kurth: Ja, total! Die kontext-­ und materialbezogene Herangehensweise der Architektur mit der intuitiven und radikalen Arbeit der Performance zu verbinden, das eröffnet einen aufregenden Möglichkeitsraum.

Kurth: Wie gehst du denn an ein neues Projekt heran?

Kurth: Es sind eher die Projekte, die zu mir kommen. Ich beobachte viel, skizziere, schreibe oder mache Fotos und sehr sehr viele kleine Videos mit meinem Handy. Es kann eine räumli­che Situation, ein Material, die tote Ratte auf der Strasse oder die Attitüde einer Person sein. Aus die­ser Fragment-­Wolke formen sich dann urplötzlich immer wieder neue Verbin­dungen, die mich nicht mehr loslas­sen. Es hat also eigentlich viel mit Zu­ hören und Aufmerk­sam­-Sein zu tun.

Kurth: Und wie entsteht daraus ein konkretes Projekt?

Kurth: Dann er­ zähl ich das vielleicht den Menschen, mit denen ich gerne zusammenarbeiten möchte und entwickle mit Texten, Collagen, räumli­chen Modellen oder choreographischen Skizzen die Ideen weiter. So nimmt das Projekt langsam Form an. Und beim Machen und Kollaborieren kommen dann schon wieder neue Ideen – es ist ein Teufelskreis (lacht).

Kurth: Was hat dich in den ersten Wochen hier in Paris inspiriert?

Kurth: Die Skulptur Untitled (2011) von Urs Fischer in der von Tadao Ando umgebauten Bourse de Commerse. Im Zentrum eines riesigen Betonzylinders, unter einer von einem Kolossalgemälde umrandeten Glaskuppel, schmilzt eine scheinbar aus Marmor bestehende Skulptur vor sich hin, grandios! Und dann noch der Dokumentarfilm "Bad Boy Kummer" über den Journalisten, der in den frühen 2000ern Interviews mit Stars erfunden hatte.

Kurth: Und was hast du heute noch vor?

Kurth: Jetzt gehe ich im Marais, wo ich wohne, spazieren und tu' so, als wäre ich ein reicher, berühmter, schwuler Künstler (lacht laut heraus). Ich darf das sagen.

Kurth: (lacht). Und nach Paris?

Kurth: Noch mehr Paris? Zuerst die Shows von Cy­Co Anfang Oktober im Südpol Luzern und eine Buch­ vernissage. Und dann, wer weiss...