Im Rhythmus der Bahnhofs­universen

Die Aarauer Filmemacherin Sandra Gysi hat ihren Dokumentarfilm «Mahatah – Side Stories from Main Stations» in Co-­Regie mit ihrem Filmpartner Ahmed Abdel Mohsen fertiggestellt. Wie ist es, einen Film in Zeiten von Corona auszuwerten?

TEXT Michael Hunziker BILD Filmstill aus «Mahatah»

Ankommen und wegfahren – Bahnhofshalle in Kairo.

Ihr Film ist im Kasten, doch noch ist nicht klar, wann und wie er wo gezeigt werden kann: Für Sandra Gysi sind es ungewisse Zeiten. Die gebürtige Aarauerin, die je zur Hälfte in Zürich und in Kairo lebt, ist derzeit in ihrem "zweiten Zuhause" in Ägypten und arbeitet am Bewerbungsdossier: Sie schreibt die Synopsis und plant den Trailer für ihren Film "Mahatah", damit ihn die Produzentin Franziska Reck (ebenfalls Aargauerin) bei Festivals anmelden kann.

"Es ist schon komisch, einen Film fertig zu machen und nicht zu wissen, ob in den nächsten Monaten überhaupt Filmfestivals stattfinden." Natürlich bestünde die Möglichkeit, den Film auch online starten zu lassen, doch Sandra Gysi wünscht sich, dass er auf die Leinwand kommt. "Hätten wir einen Film ausschliesslich fürs Internet gemacht, hätten wir einen anderen Erzählrhythmus gewählt."

Da "Mahatah" nicht eine zwingende Aktualität besitzt, hat Gysi keinen Zeitdruck, "aber ich möchte ihn schon gerne bald loslassen und auf den Weg schicken". Geplant war, dass der Film bereits letztes Jahr fertig sein sollte, doch wegen Corona verschob sich die Postproduktion um Monate und dauert noch an. Zudem: Je länger die Situation besteht, desto schwieriger dürfte es für kleinere Produktionen sein, einen Festival- oder Kinoplatz zu finden. Die vielen Verschiebungen führen zu einem Stau.

Im Dialog der Sehnsüchte

Rhythmus und Zeit - das sind auch die Themen von "Mahatah". Gysi nähert sich in ihrem Dokumentarfilm den Menschen an, die in den Bahnhöfen der beiden Städte Zürich und Kairo arbeiten, und lässt sie mit ihren Leben und ihren Sehnsüchten in einen Dialog treten. Neben vielen kulturellen Unterschieden zeichnete sich eine Gemeinsamkeit ab: "Wir haben hier und dort Menschen kennengelernt, die total im Stress sind, um ein Auskommen zu erwirtschaften."

Der Film ist um rund ein Dutzend Protagonist*innen episodisch aufgebaut. Sie alle finden sich mit ihren Lebensentwürfen im Universum der Bahnhöfe wieder. In Schauplätzen wie einer Wäscherei, einem Kebabstand, oder in der "durch-eventisierten" Zürcher Bahnhofshalle zeigt Gysis Film subtile Ambivalenzen, das Grosse im Kleinen: "Ankommen und wegfahren, auf der Suche nach Sinn und, eben ja, hauptsächlich wirtschaftlichen Perspektiven."

Gysi porträtiert etwa einen brasilianischen Tänzer, der in Zürich den Bahnhof reinigt, oder begleitet eine Ägypterin, die ihrerseits zuständig ist für die Reinigung des Kairoer Bahnhofs und die über ihre Rolle als fünffache alleinerziehende Mutter über den Zwiespalt zwischen den eigenen Träumen und der Wirklichkeit nachdenkt.

Universelle Fragen

Wo und wie möchte man leben? Woher kommen wir, wohin wollen wir? Universelle Fragen, die sich Sandra Gysi auch in der Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie stellt. Die Ethnologin und Filmwissenschaftlerin kehrt seit 1995 immer wieder nach Kairo zurück. Seit sie damals im Rahmen des Studiums das Land kennenlernte (Recherchen zur Kunstszene in Ägypten), ist sie vom grossstädtischen Chaos begeistert. Ein Stück davon hat sie nun filmisch festgehalten, gewissermassen in eine Ordnung überführt, in der sich der Mensch in seiner existenziellen Geworfenheit wiedererkennen kann, egal ob in Zürich oder Kairo.


MAHATAH - SIDE STORIES FROM MAIN STATIONS

Der Film erzählt von den Parallelwelten, die sich durch die Bahnhöfe von Zürich und Kairo eröffnen. Sie verdeutlichen das Lebensgefühl der jeweiligen Gesellschaft, und in ihrer örtlichen Begrenztheit klingt stets das Echo der Welt. Über die Menschen, die sich als Reisende, Händler oder Personal dort kreuzen, findet der Film zu deren kollektivem Rhythmus des Alltags und wie dieser das individuelle Leben bestimmt. "Mahatah" ist das arabische Wort für Bahnhof, der Ort zum Verweilen, und steht für die Möglichkeit, jederzeit aufbrechen zu können.

Mahatah - Side Stories from Main Stations, 2021, 79', Schweiz / Ägypten, Reck Filmproduktion. Regie: Sandra Gysi & Ahmed Abdel Mohsen.