Im Klostergarten Wettingen

Unterwegs mit Jasmin Peterhans aka Sensu.

TEXT Florian Binder BILD Florian Binder

Back to the roots: Sensu auf der Klosterhalbinsel in Wettingen.

Wo früher die Gebete und Gesänge von Zisterziensermön- che zum Himmel aufstiegen und heute Gymnasiast*innen die Schulbank drücken, verbrachte die Musikproduzentin Sensu die ersten 22 Jahre ihres Lebens. "Hier bin ich aufgewachsen und habe auch mit dem Beatmachen angefangen", erzählt die Aargauer Electro-Musikerin am Treffpunkt ihrer Wahl, der Kantonsschule Wettingen.

Auf dem Gebiet der Klosterhalbinsel, die von der Limmat umspült in Sichtweite der Stadt Baden liegt, wurde 1256 das Zisterzienserkloster Maris Stella (Stern des Meeres) eingeweiht. Die imposante und bis heute gut erhaltene Klosteranlage, die zahlreiche Gebäude und einen grosszügigen Park mit verschiedenen Gärten umfasst, wurde 1841 in ein weltliches Lehrerseminar samt Internatsbetrieb umgewandelt; seit 1976 ist sie Standort der Kantonsschule Wettingen und der Fachmittelschule.

"Immer, wenn ich hier bin, habe ich schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend", sagt die 28-jährige Sensu beim Betreten der Parkanlage. Gross geworden ist Jasmin Peterhans, wie die bei Universal unter Vertrag stehende Produzentin mit bürgerlichem Namen heisst, in einem der Wohnhäuser, die am Eingangstor des Parks liegen. Dort, in ihrem Zimmer, macht Sensu die ersten Schritte als Produzentin und Beatmacherin. Mithilfe des Musikprogramms Fruity Loops Studio und einer Drummachine produziert die junge Sensu ihre ersten Hip-Hop-Beats - und befreit sich zugleich von alten Zwängen: "Nach zehn Jahren Klavierunterricht wuchs mir das ganze Theoriebüffeln über den Kopf, und mir wurde bewusst, dass ich kreativ eingeschränkt war."

In dieser Zeit geht die Jugendliche fast wöchentlich an Hip-Hop-Konzerte und taucht immer tiefer ein in die Jugendkultur der nordamerikanischen Grossstädte, von der sie so fasziniert ist. Sie kommt dabei nicht nur mit Rappern, sondern auch mit Produzenten in Kontakt, denen sie bald schon beim Beatbasteln über die Schulter schauen darf. "Dass ich mit Hip-Hop angefangen habe, hört man meinen Tunes an", findet sie. Typisch für die US-Hip-Hop-Produktionen der 1990er-Jahre ist der repetitive Bumm-Tschakk-Sound, bei dem melodische Samples mit hart-trockenen Drums unterlegt werden.

Doch nach einigen Jahren im Zeichen des Sprechgesangs sucht sie wiederum nach neuen musikalischen Ausdrucksweisen, um sich weiterentfalten zu können – und wird bei der elektronischen Musik fündig. Sie entdeckt neue Produzent*innen, die mit ihrer Musik beweisen, dass sich hip-hopsche Drums mit Elementen der elektronischen Musik und des Souls verbinden lassen. "Mir sind keine Grenzen gesetzt, und ich kann meinen Ideen freien Lauf lassen", erkennt sie damals und schafft sich daraufhin neue Geräte an – ein neuer Abschnitt unter dem Leitstern der elektronischen Musik beginnt für sie und hält bis heute an. "Im Gegensatz zu früher sample ich jetzt weniger und spiele dafür mehr Melodien selbst ein."

Heute lebt und arbeitet Sensu, die im letzten Jahr als "SRF 3 Best Talent" für die Swiss Music Awards nominiert wurde, im nahe gelegenen Turgi, wo Wohn- und Kreativraum zu ihrem Homestudio verschmolzen sind: "Meine Stube ist auch mein Studio", wobei vor allem Letzteres immer weiter wachse – ihre Wohnung sei "plötzlich mehr Studio als Stube", lacht sie. Dort kann sie sich problemlos einschliessen und stundenlang sounden, obwohl sie den direkten Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Musiker*innen im Studio noch mehr schätzt: "Beim Austausch von Ideen entsteht das Feuer; das beflügelt mich."

Aber Corona hat auch ihre Pläne durcheinandergebracht: Seit dem Spätsommer sind alle Projekte mit anderen Künstler*innen vorerst auf Eis gelegt, was aber o.k. sei. "Ich hatte in diesem Jahr umso mehr Zeit, mir Wissen über produktionstechnische Aspekte und Arrangements anzueignen, und kann jetzt verschiedene Soundelemente noch besser ineinanderfliessen lassen." Momentan interessiere sie sich vor allem dafür, ihre Musik warm, druckvoll und sphärisch klingen zu lassen, erklärt Sensu, deren Name im Japanischen übrigens "Falt- fächer" bedeutet, und versucht, einen eigenen, unverwechselbaren Sound zu finden. Obwohl sie diesbezüglich noch Unsicherheiten habe, ist sie überzeugt: "Ich bin auf einem guten Weg."

Besonders kreativ ist Sensu, die eine KV-Lehre abschloss und heute zum Broterwerb noch als Marketing-Fachfrau arbeitet, vor allem am Nachmittag: "Ich höre auf mein Gefühl und will mich zu nichts zwingen." Sie muss Bock haben und Drive spüren. Wenn sie beginnt, dann ohne Hintergedanken oder Ziel. "Ich habe selten eine konkrete Melodie im Kopf." Unvoreingenommen setzt sie sich an ihre analogen Synthesizer, beginnt nach Gefühl zu spielen und lässt sich vom Resultat überraschen: "Ich schaue, was passiert. Wenn mir etwas gefällt, baue ich darauf den Rest auf."

Sie sucht nach dem passenden Sound und wählt dementsprechend Instrumente, Pads, Plug-ins und Vocal-Chops aus, "um alles grösser wirken zu lassen und Gefühle reinzubringen". Schliesslich folgt im letzten Schritt das Einspielen der Drums. Der schönste Teil an ihrer Arbeit sei, "wenn ich am Schluss ein paar Schritte nach hinten gehe, mir alles anhöre und finde: Das ist geil und berührt mich!" Die Musik sei der Mittelpunkt ihres Lebens, schliesst Sensu: "Sie ist die einzige Sache, die mich wirklich erfüllt. Sie motiviert mich, kreativ zu sein und neue Sachen zu versuchen."

Florian Binder ist freier Journalist und Barkeeper