Hanf – Wunderpflanze, die vor Sonne schützt

Das Objekt

TEXT Rudolf Velhagen

Wenn es etwas gibt, dass in der Sammlung des Museum Aargau reichlich vorhanden ist, dann sind es Hüte. Da gibt es grosse, runde, kleine, gelbe, blaue, grüne und rote Hüte. Hüte für Frauen, Hüte für Männer, Hüte für die Arbeit, Hüte für den Sonntagsspaziergang. Hüte aus Stroh, Seide, Leder und Stoff … Und einen Hut aus Hanf.

Dieser Hut besteht nicht nur aus einem ungewöhnlichen Material, sondern hat auch eine interessante Entstehungsgeschichte. Er stammt aus dem Jahr 1931, ist von Hand in Kobe, Japan gewoben worden und seine Krempe hat einen stolzen Durchmesser von 38 cm. Er ist formbar und besitzt ein wellenförmiges Muster.

Die Geschichte beginnt im 17. Jahrhundert, wo erstmals sogenannte «Schinhüte» (umgangssprachlich für Strohhüte) schriftlich erwähnt wurden. Mit ihrem Verkauf konnten die Bauernfamilien ihren Bodenzins bezahlen. In den folgenden Jahrhunderten florierte die Strohflechterei, insbesondere im südöstlichen Teil des heutigen Kantons Aargau und im Freiamt. Von dort eroberten sie die Welt.

Mitten in diese Blütezeit wurde Jacob Leonz Fischer (1797–1887) in Dottikon geboren. Er war Gesamtlehrer der Dorfschule, aber wie so viele zu dieser wirtschaftlich unsicheren Zeit hatte er mit einem Detailgeschäft auch einen kleinen Nebenerwerb. An dieses wurde 1828 eine kleine Strohmanufaktur angefügt. Es sollte der Beginn eines rasanten Aufstiegs sein.

Doch zuerst kam die Krise. Der hauptsächliche Markt in den Vereinigten Staaten von Amerika war zusammengebrochen und die Fabrikation, die in erster Linie durch Heimarbeit erledigt wurde, war auf den heimischen Markt ausgerichtet. Zudem bekam das Unternehmen auch die ernsthafte Konkurrenz aus der Toskana zu spüren.

In den 1860er-Jahren begann die Umstellung auf eine maschinelle Herstellung und in Südamerika und Asien entstanden neue Vertretungen. Der Sohn des Firmengründers Jacob Julius Fischer (1828–1903) profilierte sich als die treibende Kraft hinter dem Ausbau. 1902 wurde die nach ihm benannte Firma J. J. Fischer’s Söhne im Handelsregister eingetragen. Die Leitung übernahmen seine drei Söhne.

Wo ist nun die Verbindung zu Japan? Nun, der Konkurrenzdruck und die Kurzlebigkeit der Mode liess die Fabrikanten immer ausgefallenere Designs und Kreationen auf den Markt bringen. In Japan gab es bereits eine traditionelle Verarbeitung von Hanffasern, unter anderem auch zur Herstellung von Hüten.

Vermutlich hat ein Vertreter der Fischer & Söhne auf einer Asienreise diesen Hut mitgebracht, um die bestehende Kollektion mit einem aussergewöhnlichen Exemplar zu erweitern. Leider musste die Firma am 30. Dezember 1935 ihre Liquidation bekanntgeben. Auch wenn der Strohhut heutzutage nicht mehr sichtbar ist, hat er sich dennoch einen festen Platz in der Modegeschichte erobert. Auch unter grosser Mithilfe aus dem Aargau.

 

Von Rudolf Velhagen, er ist Chefkurator Sammlung und Ausstellungen Museum Aargau.