Grosse Reise mit Wolf

KUNST Zwanzig Künstler*innen sind auf die Reise gegangen. Zwei Jahre lang haben sie auf den Spuren von Caspar Wolf eigene Arbeiten entwickelt. Herausgekommen ist eine inspirierende Schau im Museum Caspar Wolf in Muri, die die Herausforderungen der Gegenwart, von Klimakollaps bis Artensterben, in den Blick nimmt. Ein Streiflicht, ein Essay und Stimmen zum Projekt.

TEXT Michael Hunziker

Caspar Wolf, Pontis diaboli delineationem (Vues remarquables no. 20), Farbaquatinta. Sammlung Museum Caspar Wolf, Muri

Dass Kunst und Wissenschaft sich gegenseitig inspirieren können, davon zeugt das Werk des Landschaftsmalers Caspar Wolf (1735–1785) auf eindrückliche Weise. Der gebürtige Murianer war seinerzeit mit dem Naturwissenschaftler und Theologen Jakob Samuel Wyttenbach in die unerforschte Alpenwelt aufgebrochen und hatte seine Eindrücke malerisch exakt festgehalten. Einerseits lässt sich aus Wolfs Bildern heute ablesen, wie sich die Natur innerhalb von knapp 250 Jahren verändert hat – die riesigen Gletscherzungen sind drastisch zusammengeschrumpft, in den Tälern staut sich das Wasser hinter grossen Staumauern. Andererseits geben sie auch Einblick in das (vorromantische) Selbstverständnis des Menschen. Caspar Wolf taucht in seinen eigenen Bildern auf, als kleiner Mensch in einer überwältigenden Natur. Die Verhältnisse haben sich heute – im Anthropozän – umgedreht. Darauf deuten die verschiedenen Arbeiten der zwanzig Künstler*innen, die den Spuren von Caspar Wolf gefolgt sind.

«Man kann die Bilder von Caspar Wolf nicht betrachten, ohne an Nachhaltigkeit zu denken», sagt Peter Fischer, der Kurator, der das auf zwei Jahre angelegte Projekt initiiert hat. Kunst vermöge es, den bisweilen abstrakten wissenschaftlichen Diskurs um Klimaerwärmung komplementär zu ergänzen und sehr greifbar werden zu lassen. Es tönt wie eine Rückbesinnung auf die Zeit Wolfs und die damalige «Aufgabenteilung» von Wissenschaft und Kunst. Die Ausstellung zeigt beispielhaft, wie dieses Verhältnis aktualisiert werden kann. Es mag heute weniger darum gehen, Daten mit Mitteln der Kunst zu generieren, als Erkenntnisse, innere Auseinandersetzungen anzuregen und zu reflektieren und nicht zuletzt greifbar zu machen. Das nehmen sich die hier versammelten Positionen spielerisch vor, ohne je mit moralischem Zeigefinger zu dozieren.

«Kunst kann der Wissenschaft und den Menschen zeigen, wie sie mit Ambivalenzen und Aporien umgehen können», sagt Peter Fischer. Da sitzt beispielsweise George Steinmann auf dem Rhonegletscher, der zum Schutz vor der Sonne und der Hitze mit Tüchern behelfsmässig zugedeckt wurde und spielt einen Blues. Der Wind fährt währenddessen in die Tücher und unterstreicht die Melodie mit seinem Trauerspiel. Wenn das Künstler*innen-Duo Amrein/ de Andrade Boss Wolf’sche Berglandschaften in glasierter Keramik als Tortenstücke nachbilden, erinnern sie im Querschnitt nicht nur an geologische Formationen, sondern es schwingt durchaus auch Konsumkritik mit. Vergleicht man die Perspektiven Wolfs mit denen des Fotografen Georg Aerni, wähnt man sich zwischen zwei fiktiven Welten. Wolf hatte 1774 den Grimselsee gezeichnet, so wie er ihn vorfand. Für unsere Begriffe beinahe verzaubert, auf einem märchenhaften Plateau. Bei Georg Aerni, 248 Jahre später, ist der Wasserspiegel des Grimselsees 40 Meter höher, eine imposante Staumauer steht an seinem Kopfende und fügt sich mit einer Sciencefiction-Ästhetik in die Landschaft ein. Im Gebäude des ehemaligen Kloster Muri begegnen die Werke der eingeladenen Künstler*innen in thematisch geclusterten Räumen jenen von Caspar Wolf. Die Ausstellung «Grand Tour» setzt sich aber zusätzlich in einer Dependance fort: Die Villa Wild in der Nähe des Bahnhofs ist zum temporären Resonanzraum des Museums Caspar Wolf geworden. Hier finden sich ein Paranatur-Forschungslabor von Andrina Jörg, deren künstliche Pflanzen sich im Garten der Villa ausgebreitet haben, ein anachronistisches «Teenagerzimmer » der Künstler*innen Steinemann/Schwingruber, die auf einer Mofa-Tour die Stationen von Wolf abgefahren sind, eine Art dunkler okkulter Meditationsraum von Dario Cavadini und viele weitere Überraschungen.

Die kuratorische Geste führt bei all der Vielfalt und unterschiedlichen Medien immer wieder auf die Frage zurück: Wo stehe ich? Was weiss ich? Die Kunst wird so zur Vermittlerin von Erkenntnissen, Auslöserin von Assoziationen, Türöffnerin in neue Möglichkeitsräume. Und hier lässt sich vielleicht wieder eine Schlaufe zur Wissenschaft ziehen: Was wir wissen und verstehen bedingt unser Erkenntnisvermögen. Sowohl in der Kunst wie in der Wissenschaft.

 


GRAND TOUR CASPAR WOLF

In dem Forschungs- und Ausstellungsprojekt begaben sich Künstlerinnen und Künstler seit 2020 an ausgewählte Schauplätze von Caspar Wolfs Wirken. Ihre Werke geben Einblicke in faszinierende Landschaften und in unser (zwiespältiges) Verhältnis zur Natur. Mit: Georg Aerni, Esther Amrein und Rosângela De Andrade Boss, Brigitt Bürgi, Dario Cavadini, Jeroen Geel, Moritz Hossli, Andrina Jörg, Sara Masüger, Monika Müller, Victorine Müller, Bruno Müller-Meyer, Sadhyo Niederberger, Chantal Quéhen, George Steinmann, Nina Steinemann, Claudia Schwingruber und Corina Schwingruber Ilíc, Andreas Weber, Véronique Zussau. 

MURI Museum Caspar Wolf, www.grandtourcasparwolf.ch

Jeden Sonntag um 11 Uhr Führung im Beisein ausstellender Künstler*innen. 

Neben oder mit den Wissenschaften? Was hat Kunst zu bieten in Sachen Nachhaltigkeit. Podiumsgespräch, Sa, 2. Juli, 16 bis 18 Uhr 

Finissage und Projektrückblick So, 8. August, 14 Uhr