Grenzgänger zwischen Fantasie und Realität

Unterwegs mit János Moser

TEXT Florian Binder BILD Florian Binder

Mit dem Schreiben an unbekannte Orte gelangen und aussergewöhliche Dinge erleben: János Moser unter der Echolinde in Aarau.

Wo statt des Brummens der Busse nur Vogelgezwitscher zu hören ist und nicht Häuser, sondern grüne Riesen in die Höhe ragen und eine magische Freiluft-Kathedrale formen, findet der Autor János Moser neue Inspiration für seine Geschichten. "Bei der Entwicklung meiner Erzählungen gehe ich neben alltäglichen Situationen oft von Eindrücken und Bildern aus der Natur aus", sagt Moser und nimmt Platz auf einer schattigen Sitzbank unter der Echolinde, dem von ihm gewählten Treffpunkt. Bei seinen Spaziergängen durch den Wald, erzählt der junge Mann, komme er öfters hier vorbei: "Es ist ein schöner Ort." Der imposante Einzelbaum, unter dessen Blattkleid bereits viele Generationen von Menschen gegessen, gefeiert und sich verliebt haben, steht gut sichtbar unweit des Waldrandes auf einer Anhöhe über der Stadt Aarau.

In seinem soeben veröffentlichten dritten Kurzgeschichtenband "Der Leopardenmeister", erschienen im thurgauischen Caracol Verlag und mit dem Untertitel "Phantastika" ergänzt, setzt sich Moser erneut mit der Frage auseinander, wie Fantasie und Realität sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. In den grösstenteils 2020 entstandenen Erzählungen begegnen den Leser*innen beispielsweise fliegende Inseln über dem Bodensee, ein Volk von Vogelmenschen, menschenfangende Hasen und ein Mann, der sich in einen Leoparden verwandelt. In allen vorliegenden 13 Texten – jeweils zwischen drei und 16 Seiten lang und alle aus der Ich-Perspektive erzählt – durchbrechen immer wieder fantastische und übernatürliche Elemente die Fassade der Normalität, wodurch die den Leser*innen vermeintlich vertraute Wirklichkeit samt ihren Naturgesetzen ins Wanken gerät: Es "passieren Sachen, die sonst in der Realität nicht stattfinden können", wie es der in Aarau lebende Moser ausdrückt.

In seiner Definition der Fantastik meinte der französische Literaturkritiker Roger Caillois, dass sich im Fantastischen das Übernatürliche wie ein Riss im universellen Zusammenhang offenbare. "Wenn ich schon die Möglichkeit besitze, mit dem Schreiben an Orte zu gelangen, an denen ich sonst nicht bin, und dabei aussergewöhnliche Dinge erleben kann, dann will mich darin nicht einschränken müssen", meint der 31-jäh- rige Moser, der Deutsch und Geschichte in Zürich und Bern studiert und seine Masterarbeit über Hexenfiguren in der Literatur des 19. Jahrhunderts verfasst hat.

In der Literatur, die seiner Meinung nach idealerweise genauso unterhaltsam wie belehrend ist, sei für ihn gerade das Reale das Banale – weshalb er es sich auch nur schwer vorstellen könne, eines Tages einen rein autobiografischen Roman aufs Blatt zu bringen: "Ich wüsste gar nicht, was schreiben", gesteht Moser schmunzelnd. Auch wenn er wie seine schriftstellerischen Vorbilder E. T. A. Hoffmann, Franz Kafka oder Nikolai Gogol während des Schreibens erkundet, wie das Fantastische und die Wirklichkeit ineinander übergehen und worin sie sich unterscheiden, vermeidet Moser explizite Aussagen: "Diese Frage will ich in meinen Texten weder abschliessend beantworten noch das eine über das andere stellen."

Wenig verwunderlich also, dass Moser seine Geschichten am Ende offen lässt, passe dies doch gut zu seiner Art des übernatürlichen Schreibens, meint er: "Liesse ich keine Fragen offen, fände ich es uninteressant." Der Autor wünscht sich, dass die Lesenden längere Zeit über seinen Texten sitzen und darüber rätseln, was darin passiere. Man solle nicht immer krampfhaft nach einer Auflösung Ausschau halten und alles so ernst nehmen, ist er überzeugt. "Ich lade die Lesenden ein, ihre eigene Erfindungsgabe zu benutzen."

Für sein 112-seitiges Buch liess sich Moser, der wegen der Ruhe und schönen Atmosphäre am liebsten in der Nacht arbeitet, auch von eigenen Schriften und Konzepten aus seiner Kindheit und Jugend anregen: "Ich nahm ältere Geschichten zur Hand und stellte mir die Frage, wie ich diese mit meiner heutigen Schreiberfahrung umsetzen würde." Erste Versuche im Schriftstellern unternimmt Moser als 16-Jähriger, als er in Onlineforen eigentlich nach Cheats für Computerspiele sucht und dabei zufälligerweise einen Autorentreffpunkt entdeckt, wo er schon kurz darauf erste Geschichten präsentiert. "Es interessierte mich, wie man meine Storys aufnehmen würde", erinnert er sich.

Nach ersten positiven Rückmeldungen folgt 2008 dann der Schritt aus dem virtuellen Netz in die wirkliche Dichterstube aus Stein und Holz – Moser besucht eine Schreibwerkstatt im Aargauer Literaturhaus und realisiert dort: "Andere Schreibende gibt es nicht nur online, sondern auch in meiner nächsten Umgebung." Dieser Austausch schenkt dem jungen Autor, der diesen Juni sein Praktikum in Kulturvermittlung beim Kanton Aargau abgeschlossen hat, einen weiteren wichtigen Motivationsschub. 2011 wird dann mit dem Erhalt eines Werkbeitrags des Kuratoriums ein neues, wichtiges Kapitel in seiner schriftstellerischen Laufbahn aufgeschlagen. "Von da an wusste ich: Es ist nicht nichts, was ich hier mache." 2012 erscheint sein erster Kurzgeschichtenband "Das Kaninchen und der Stein", 2015 folgt der zweite Band "Der Graben", 2017 der Roman "Im Krater".

Nichtsdestotrotz schiele er beim Schreiben nicht aufs Veröffentlichen: "Es geht mir in erster Linie um den Spass. Die Hauptsache für mich ist, meine Ideen literarisch umsetzen zu können." Als nächstes Projekt hat sich János Moser vorgenommen, jeden Tag einen kurzen Text aufs Papier zu bringen, "als Herausforderung". Und wenn er danach wieder aufgetaucht ist aus den Parallelwelten seiner Fantasie und eine neue Geschichte in die Welt gezaubert hat, wird er hoffentlich auch das für ihn schönste Gefühl des gesamten Schreibprozesses erfahren: "Wenn ich den Eindruck habe, der Text ist fertig."

Florian Binder ist Barkeeper und freier Journalist