Geschlecht: Entdecken, berühren, bedenken

AUSSTELLUNG Das Stapferhaus in Lenzburg eröffnet eine Ausstellung zum Thema Geschlecht. Dabei tauchen die Besucher*innen durch die biologischen, geschichtlichen und kulturellen Facetten des Themas und entdecken sich in einer farbenfrohen Vielfalt wieder.

 

TEXT Alain Gloor BILD Stapferhaus

Das Stapferhaus in Lenzburg eröffnet eine Ausstellung zum Thema Geschlecht.

Stellen wir uns vor, unsere Geschlechtsteile reden bei allem, was wir tun, ein Wörtchen mit. Skurrile Vorstellung, nicht? Und dennoch ziemliche Wirklichkeit. Das Geschlecht ist sowohl bei individuellen wie bei gesellschaftlichen Fragen präsent. Manchmal offensichtlich, manchmal subtil. Trotz den seit mehreren Jahren intensiv geführten Genderdebatten polarisiert das Geschlecht nach wie vor.

Das Stapferhaus greift dieses relevante Thema auf und trägt seinen Teil gegen eine Schwarz-weiss-Logik bei. "Bei unserer Recherche haben wir festgestellt, dass hinter den ersten polarisierenden Reaktionen unglaublich viele spannende Geschichtenwarten", sagt Sybille Lichtensteiger, Leiterin des Stapferhauses. "Wir möchten, dass die Ausstellung dazu anregt, diese Erfahrungen miteinander zu teilen und gemeinsam sowie jenseits der polarisierten Debatten auszuloten, wie wir in Zukunft als geschlechtliche Wesen zusammenleben wollen."

In einer farbigen und humorvollen Ausstellung, die durch Kopf, Körper, Geschichte und Gegenwart führt, kommen die unterschiedlichsten Menschen zu Wort, und das Publikum wird involviert. "Es ist unglaublich, wie berührend all die vielen Geschichten sind: Sie handeln von Freude und Trauer, Liebe und Schmerz, manche bringen zum Lachen, andere zum Weinen. Sie alle führen mitten ins Leben", sagt Lichtensteiger.

Und wie hält es die Leiterin des Stapferhaus eigentlich selbst mit dem Thema? "Während meiner Mutter in der Schule noch das Tragen von Hosen verboten worden ist, bin ich sehr froh darüber, dass mir mein Geschlecht nicht im Weg stand bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie", sagt sie, so hätten sie und ihr Mann sich die Kinderbetreuung, Haushalt und Erwerbsarbeit gleichberechtigt aufgeteilt. mh

LENZBURG Stapferhaus
Bis 31. Oktober 2021


"Geschlechtsidentitätentwickelt sich stetig weiter"

Die zwei Psychoanalytiker*innen Lisa Schmuckli und Patrick Gross loten die spannungsvollen gesellschaftlichen Dimensionen unserer normierten binären Ordnung aus. Das AAKU veröffentlicht exklusiv einen Auszug aus dem Gespräch, das in der Publikation zur Ausstellungerschienen ist.

Sie beide begleiten in Ihrer Arbeit Menschen, die sich nicht mit ihrem anatomischen Geschlecht identifizieren können und eine Geschlechtsangleichung an ihr inneres Gefühl erwägen. Was ist bei diesen Menschen anders als bei sogenannten cis Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde?

Gross: Häufig ist am Anfang ein nicht in Worte zufassendes Gefühl, anders zu sein, es aber nicht verorten zu können. Dazu kommt die Marginalisierung, der Minderheitenstress.

Schmuckli: Als Psychoanalytiker*innen gehen wir davon aus, dass sich die Psyche, also das Unsichtbare und Unbewusste, irgendwo zeigen muss. Sei es über Träume oder Sehnsüchte, vor allem auch über Symptome. Bei trans Menschen können diese Symptome möglicherweise operativbehandelt werden. Das ist ein grosser Unterschied.

Gross: Vermeintlich. Es ist ja auch häufig nur eine Illusion, dass sich das, was sich am Körper festmacht, auch am Körper beseitigen liesse.

Schmuckli: Die Illusion, dass sich das Leiden beseitigen liesse. Trans Menschen haben oft diffuse Vorstellungen in sich, dass da etwas nicht stimme mit dem Geschlecht, das sie verkörpern. Viele sagen zum Beispiel: "Ich bin im falschen Körper." Aber was heisst das? Wo ist dann der richtige Körper? Da entsteht ein Spannungsbogen, auch ein Unbehagen, das der Rede wert ist. Aber wir wissen nicht genau, wie wir es zur Sprache bringen können.

Gross: Es ist ein Spannungsbogen, der bei cis Menschen wohl genauso da ist. Er wird aber, weil häufig der Leidensdruck fehlt, auch auf gesellschaftlicher Ebene nicht erfragt.

Wir können uns psychisch zwar vorstellen, beides zus ein, sind es aber anatomisch nicht.

Gross: Ja. Dort hatte Freud recht, wenn er sagt: Anatomie ist Schicksal.

Ja, aber immer weniger. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, den eigenen Körper zu bearbeiten. Die Schönheitschirurgie ermöglicht, unser Äusseres selbstbestimmt zu ändern. Für eine Geschlechtsangleichung braucht es aber eine ärztliche Diagnose.

Schmuckli: Es ist ein grosser Widerspruch, dass einerseits viele trans Menschen offensichtlich nicht krank sind, aber im Gesundheitssystem als solche behandelt werden und beispielsweise Anträge stellen müssen für allfällige Operationen. Da gibt es eine Spannung zwischen Pathologisierung und Selbstbestimmung. Ein zweiter Widerspruch ist, dass ich als Psychoanalytikerin letztlich nicht entscheiden will, auch nicht kann, wie sich ein Mensch in seinem Körperwohlfühlen und wie er glücklich werden könnte.

Wie entsteht Geschlechtsidentität? Was hat sie mitdem Körper zu tun?

Gross: Therapeutische Gegenfrage: Warum ist das so wichtig?

Weil wir viel davon reden, aber unklar ist, was sie eigentlich auszeichnet? Beim biologischen Geschlecht ist es für viele relativ klar.

Gross: Die Frage impliziert, dass Geschlechtsidentität etwas Fixes ist. Das stellt die Psychoanalyse fundamental infrage. Geschlechtsidentität entwickelt sich stetig weiter.

Schmuckli: Es geht um das Entwickeln des Geschlechts - aber nur des einen Geschlechts, weil wir, wie bereits gesagt, nicht beide verkörpern können. Mir hat immer die Unterscheidung zwischen "dem Sexuellen" und "der Sexualität" der Psychoanalytiker*innen Goldy Parin-Matthèy, Paul Parin und Fritz Morgenthaler geholfen: Jede Entwicklung braucht einen Motor, der antreibt. Dabei sind das Begehren, die Wünsche oder Sehnsüchte das Ungeformte, das "Sexuelle". Wird das "Sexuelle" normiert und geformt, entsteht "Sexualität", die akzeptierten sexuellen Praktiken. So kann man unterscheiden, was gilt und was Abweichung ist. Für mich ist es mit diesem Konzept einfacher, im Sexuellen zu bleiben: Wo ist das Antreibende? Wo ist das Begehren? Wo hat es noch keine Form? Welche Formen werden angeboten von der Gesellschaft, die dann wieder stören können, weil sie zu eng sind?

Es prallen heute zwei Momente aufeinander. Der Wunsch, vielfältiger zu leben, und der Wunschnach Eindeutigkeit. Warum ist das so?

Schmuckli: Die Individualisierung im kapitalistischen System geht einher damit, dass es keine übergreifende Ordnung mehr gibt: Weder Religion, Familie noch Staat stellen heute eine tragfähige symbolische Ordnung dar und damit sinnstiftende Welterklärungen her. Vielleicht kann man noch am ehesten von einer multinationalen Ordnung sprechen. Oder von der Globalisierung. Wir haben viel mehr Einblicke in kulturell und ökonomisch andere Lebensentwürfe. Das, kombiniert mit dem Individualisierungsschub, heisst ganz pointiert: Der Mensch ist entlassen aus übergeordneten Erklärungszusammenhängen. Folglich muss er sein Leben selbst entwerfen, gar erfinden. Daher rührt die Gleichzeitigkeit des Wunsches nach Eindeutigkeit: Dass man mich als mich erkennt - aber auch des Wunsches, sagen zu können: "Ich bin viele."

Gross: Das zeigt sich auch gut in der Queer-Bewegung. Sie war ja in erster Linie - und hier ist sie nahe an der Psychoanalyse - eine hinterfragende Bewegung. Letztlich hat sie sich aber gedreht - oder sie wurde gedreht - in eine identitäre Bewegung. Ich habe diese Bewegung nie als identitätsstiftendverstanden, sondern im Gegenteil als dekonstruktiv. Vielleicht ist das heute auch in diesem doppelten Sinne zu verstehen: Auf der einen Seite die Vielfalt und die Dekonstruktion, auf der anderen Seite die Suche nach Sicherheit, Orientierung und vermeintlicher Klarheit.