Gedanken zum runtergefahrenen Jahr

Spätestens letzten März wurde klar: Das Virus wird auch uns nicht verschonen. Ausserordentliche Lage, Lockdown. Eine sonderbare Zeit brach an. Das AAKU hat vier Aargauer Autor*innen gebeten, anlässlich dieses zweifelhaften Jubiläums die vergangenen Monate literarisch zu reflektieren. Herausgekommen sind lyrische und prosaische Miniaturen über eine grenzübergreifende Erfahrung, die wir alle teilen.

 

BILD zvg

Eva Seck.

Ngalax

von Eva Seck

Sie schliesst die Augen, das Sonnenlicht wärmt ihr Gesicht. Es ist Frühling, die Zeit ganz bewegungslos wie eine Libelle in der Luft. Sie starrt auf ihr Telefon, scrollt durch Artikel und schreibt schliesslich eine Whatsapp­Nachricht an ihre Tante. Es gehe allen gut, schreibt diese kurz darauf zurück, sie hätten noch keinen Lockdown, dafür eine Ausgangssperre ab zehn. Was das bedeutet, liest sie in einem Zeitungsartikel von Felwine Sarr: Der Präsident und die Polizei nutzen die Sperre für harte Repressionen. Wer sich nicht um Punkt zehn Uhr zu Hause befindet, wird von der Polizei zusam­mengeschlagen. Wer Dakar kennt, kann sich die Stadt kaum leer vorstellen, vor allem nicht nachts – die Dunkelheit kommt jeweils früh, aber die Halogenröhren sind hell, und die Stimmung elektrisiert von der Hitze des Tages. Sie blickt wieder auf ihr Telefon, liest weiter, dass der Erzbischof von Dakar die Ostermesse alleine in der Kathedrale feiert, über­ tragen im Fernsehen und via Whatsapp. Die traditionelle Verteilung des Ngalax-­Desserts von den christlichen an die muslimischen Familien findet nicht statt. Sie erinnert sich an diese dunkelbraune Sauce, von der sie dachte, sie sei warm und salzig. Als sie den Löffel in den Mund schob, brauchte ihr Gehirn einige Sekunden um zu begreifen: kalt und sehr süss, eine seltsame Konsistenz auch, breiig und körnig zugleich. Nach dem ersten Bissen wollte sie die Schüssel zurückgeben, aus Höflichkeit nahm sie einen zweiten, er schmeckte bereits viel besser und beim Dritten schloss sie für einen kurzen Moment die Augen.

Eva Seck (*1985) aus Rheinfelden lebt und arbeitet in Basel. 2015 erschien ihr erster Gedichtband "sommer oder wie sagt man" im Wolf­bach Verlag. Der Kurztext ist ein Auszug aus ihrem aktuellen Roman­projekt "Das Terrain".


Parfüm in den Wäldern

von Sascha Garzetti

Clubs, Restaurants, Museen, Kinos und Casinos sind ge­schlossen. Die Liste liesse sich weiterführen. Geöffnet sind: zum Beispiel die Wälder. Hier begegnen einem Menschen, die aussehen, als wären sie zum ersten Mal im Wald. Oder: Als wären sie auf dem Weg in den Club, ins Restaurant, ins Museum, ins Kino oder ins Casino. Auf einem Waldspazier­gang traf ich neulich Dustin Finn. Dustin Finn sass auf einer Holzbank. Als er mich sah, schlug er den Kragen seines Mantels hoch, was ihm aus der Ferne betrach­tet das Aussehen eines Versehrten gab, dessen Kopf in einer Halskrause steckt. Als ich näher kam, roch ich Parfüm. Ich beschloss nachzufragen, was das für ein Duft sei. Schliesslich war es auch mir schon geschehen, dass mich ein Fremder angesprochen hatte: um mir eine Zigarette anzubieten, um mir ein Kunststück zu zei­gen, um mir eine Geschichte zu erzählen. Es war eine verkehrte Welt. Dustin Finn fuhr sich mit den Händen durch die Haare, hob sie nach hinten und leicht an und liess sie fallen. Die Bewegung erinnerte mich an Lina: Wie sie im Frühling den Strauss Freesien beidhändig in die Vase auf dem Küchentisch stellt und wie sich die Blumen, aus dem Griff der Hände Seekranke denkt, die sich über die Reling übergeben. Rochas Man, sagte er: Lavendel, Maiglöckchen, Jasmin, Amber, Vanille, Kaffee, Sandelholz und Patchouli. Ich nickte und es fehlte nicht viel und ich hätte Dustin Finn die Hand um die Kehle gelegt, so wie man die Hand um einen Blumenstrauss legt, und ihm ein Blütenblatt aus dem Haar gezupft.

Sascha Garzetti (*1986) schreibt Gedichte und Prosa und unterrichtet an der Kantonsschule Baden.


Über die Dächer

von Nathalie Schmid

Das Dorf liegt da wie ein Adventskalender
Schnee auf den Dächern auf den Rippen
der Ziegel.
Irgendwo kocht jemand Kaffee,
stellt jemand die Backofenuhr,
fährt sich langsam über die Stirn.
Irgendwo holt jemand Schnaps aus
der Vitrine,
hört ein altes Lied, schliesst leise die Tür.
Irgendwo topft jemand eine Pflanze um, beginnt
jemand ein Rätsel, sagt jemand nie wieder,
sagt jemand das wünsche ich dir.
Irgendwo legt jemand seinen Kopf in die Hände,
berührt jemand Papier.
Irgendwo spricht jemand mit dem Spiegel,
starrt lange in ein Gesicht.
Irgendwo macht jemand ein Feuer,
sucht jemand einen Namen, vergisst
jemand das Licht. Irgendwo
steigt weisser Rauch über die Dächer
sagt jemand wie Hoffnung irgendwo
öffnet jemand ein Fenster sieht
Schnee auf den Dächern Glitzer
auf den Rippen der Ziegel.

Nathalie Schmid (*1974) lebt und arbeitet in Freienwil. Im Frühling 2019 erschien ihr jüngster Gedichtband, "Gletscherstück", im Wolfbachverlag Zürich.


Das war ein Jahr!

von Hejerat Anwari

So oft schien die Sonne, und doch war es, als ob ein närrischer Nebel über der Erde läge und alles in einen Schlummerschlaf versetzte. Ich zwitscherte meine lustigen Lieder, aber die Menschen, die früher meine Melodien liebten, blieben Monate fern. Alle waren weit weg vonein­ander und konnten sich kaum etwas zuliebe tun. Freunde und Bekannte trafen sich lange nicht. Der Himmel hatte eine traurige Stirn, aber kein Mitgefühl für die Erde. Die Erde sah schön aus, aber sie war doch trocken und freudlos. Kein reinigender Regen half. Die Luft war frisch und doch fiel das Atmen schwer. Zuweilen schien der Sauerstoff zu fehlen, obwohl es genug davon gab. Manchmal hatte man den Eindruck, es sei das Ende der Zeit. Der Sohn konnte den Vater nicht besuchen, die Mutter die Tochter nicht umar­men. Die Menschen fühlten sich wie Vögel in einem Käfig, wie Hühner im Stall. Sie dachten nur noch an ihr eigenes Schicksal. Selbst die sonst so spassigen Spatzen waren irri­tiert und fragten sich, was los war, dass sich die Leute nicht einmal mehr richtig grüssten wie früher. Ich rief allen zu, die atmeten, aber sie antworteten kaum. Ich wusste nicht, was tun, an wen ich mich wenden sollte. Alles wirkte aus­ gestorben wie in der Wüste. Selbst die Bäume spürten, dass etwas anders war, und liessen die Äste hängen. Dennoch flog ich zu einem grossen, alten Baum und setzte mich mit meinen leichten Füssen auf seinen wohltuend stützen­ den Ast. Er sagte endlich, was ich so dringend brauchte: "Ach, mein lieber Freund, lehn dich an mich an!"

Hejerat Anwari (*1996) kam 2015 als Flüchtling aus Afghanistan in die Schweiz. Derzeit arbeitet er an seinem Gedichtband "101 Gedichte für die Menschlichkeit". Auf www.hejerat.ch gibt es einige Kostproben zu lesen.