Freier Geist zu Gast

LITERATUR Der Poet, Musiker und Autor mit dem wunderbar ominösen Namen «Kunst» (Vorname Thomas) wird als erster von im Jahr 2021 insgesamt fünf eingeladenen Literat*innen im Schreibatelier Müllerhaus einen Monat lang die Ruhe eines Residenzaufenthaltes geniessen können.

TEXT Kristin T. Schnider BILD zvg

Thomas Kunst schreibt mit Wut gegen die betriebsbedingte Verödung der Poesie an.

Im Januar wird das ehemalige Gartenhaus des "schönsten" Aargauer Bürgerhauses des 18. Jahrhunderts (gem. Literaturhaus) für Thomas Kunst ein temporäres Zuhause. Kunst, 1965 in Stralsund an der Ostsee, also in der DDR geboren, lebt seit 1987 in Leipzig, wo er sein Brot als Bibliotheksassistent in der Deutschen Nationalbibliothek verdient und bis heute mit 27 Publikationen als Autor und Mitwirkender selbst vertreten ist.

1991 erschien sein erstes Buch im einstigen Leipziger Stammhaus des Reclam-Verlags. "Besorg noch für das Segel die Chaussee": Der Titel dieses Bandes mit Gedichten und einer Erzählung, wie auch diejenigen weiterer Werke - so etwa "Was wäre ich am Fenster ohne Wale" oder seiner letzten Veröffentlichung "Manschettenknöpfe und Kolonien" - sind Wegweiser zu einem Werk, das vor Sprache glüht.

Der Leserschaft begegnet Thomas Kunst mit Witz und Tiefsinn, mit Ernsthaftigkeit, manchmal leiser Melancholie und einem Zorn, der mehr ist als Sprachschaffenswut, nämlich dichterische Notwendigkeit. So sagt Kunst in seiner leidenschaftlichen und zärtlichen Brandrede gegen betriebsbedingte Verödung der Poesie, der Eröffnungsrede zum Lyrikpreis Meran, den er 2018 erhalten hat: "Es muss einfach und immer wieder diese Wut geben, den Momenten die Ewigkeit anzuvertrauen."

Zusätzlich zur spannenden Hybridität der Texte, die sich zeigt, wenn Kunst die Formen Prosa und Lyrik an ihre Grenzen bringt, ist es diese spürbare Dringlichkeit, die Bettina Spoerri, Leiterin des Literaturhauses und Mitglied in der Jury, die jeweils die Residenzen vergibt, besonders gefällt. Am 11. Januar treffen sich Thomas Kunst und Zsuszanna Gahse, furchtlose Autorin von über 30 Veröffentlichungen, in denen sie immer wieder die Sprache als solche auslotet, zum Gespräch über ihre Inspirationen und den Klang und Rhythmus ihres Schreibens.

Jenen, die vorher schon die Stimme des Dichters hören möchten, seien die Gedichte, die er auf lyrikline.org liest, herzlich empfohlen. Neues von ihm zu lesen wird es im Februar geben, wenn sein Roman "Zandschower Klinken" im Suhrkamp Verlag erscheint.

LENZBURG Aargauer Literaturhaus
Mo, 11. Januar, 19.30 Uhr, Lifestream www.aargauer-literaturhaus.ch