Frank Wedekind – Ein Dichter und sein Schloss

Die Objekt-Kolumne

TEXT Rudolf Velhagen

«Glück ist, seinen Anlagen gemäss verbraucht zu werden.»

Frank Wedekind

 

Frank Wedekind (1864–1918): Ein Name, den viele untrennbar mit dem Deutsch-Unterricht in Verbindung bringen. Sein bis heute bekanntestes gesellschaftskritisches Drama «Frühlings Erwachen» von 1891 polarisierte im damaligen deutschen Kaiserreich, was bis hin zu einem Verbot wegen angeblicher Obszönität führte. Sein Vater war ein umtriebiger Mann, der mit Grundstückspekulationen in Amerika reich wurde und 1872, aus Widerstand gegen das neu gegründete Kaiserreich, in die Schweiz emigrierte. So kam es, dass der junge Frank, mit vollem Namen Benjamin Franklin seine Jugendzeit im Aargau, genauer auf Schloss Lenzburg, verbrachte. Er besuchte als Jugendlicher die Gemeinde- und Bezirksschule in Lenzburg und wollte nach der Matura eigentlich in Lausanne studieren, was aber der Vater ungern sah. Auf seine Empfehlung hin wechselte er nach München, beendete aber auch dort das angefangene Jurastudium nicht.

Als sein Vater 1888 starb, änderte sich das Leben des jungen Frank schlagartig. Nun vermögend konnte er sich der Schriftstellerei und seinen Dichtungen widmen und siedelte nach München über. Dort beteiligte er sich unter anderem an der Gründung der Satire-Zeitschrift Simplicissimus, in der er unter verschiedenen Pseudonymen auch selbst Texte veröffentlichte.

Die vorliegende Radierung stammt aus dieser Aufbruchszeit und wurde vom Grafiker und einem Freund von Wedekind, Willibald Wolf Rudinoff (1866–1925) geschaffen. Ein Vermerk weist darauf hin, dass die Arbeit auf dessen eigener Handpresse gedruckt worden war. Sie zeigt Frank Wedekind im Jahre 1890 mit einer Laute in der Hand. Die Radierung fand über Wedekinds Tochter, Pamela Regnier-Wedekind (1906–1986) Eingang in die Sammlung und bildet mit weiteren Objekten zu ihrem Vater ein oft übersehenes Konvolut an Zeichnungen, Karikaturen, Manuskripten und Fotografien.

Auf dem Schloss selbst erinnert heute nicht mehr viel an die Zeit der Wedekinds. Eine Ausstellung mit einer Vitrine im Südturm, im sogenannten «Besucherraum», wurde 2009/2010 abgebaut. Bei der Stiftung des Schlosses kann zu Sitzungszwecken ein Wedekind-Zimmer gemietet werden.

Obwohl in unserer Region das Vermächtnis der Wedekinds kaum mehr präsent ist, so haben auch sie mit dem Besitz des Schlosses von 1872 bis 1892, also immerhin zwei Jahrzehnte, das Aussehen und die Geschichte des Schlosses mitgeprägt. Daher ist es wohl angebracht, dass diese Schweizer Episode aus dem Leben des weltbekannten Dichters hier gewürdigt wird. Wenn auch nur in Prosa.

 

Rudolf Velhagen ist Chefkurator Sammlung und Ausstellungen Museum Aargau.