Feministischer Kreis aus Aarau

AUSSTELLUNG Das Frauenstimmrecht wird 50 Jahre jung. Der Kampf um Gleichberechtigung ist aber mehr als 100 Jahre alt. Eine Ausstellung im Aarauer Rathaus legt einen Fokus auf diese Zeit und zeigt, welch bedeutende Rolle dabei die Pädagogin Elisabeth Flühmann spielte. Die Chronik eines aus- und andauernden Kampfes.

TEXT Michael Hunziker

Abbildung: Mit der sogenannten SAFFA-Schnecke machten Aktivistinnen an der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit 1928 auf das Tempo aufmerksam, mit dem die Realisierung des Frauenstimmrechts vorwärtsgeht. Foto: Gosteli-Archiv.

Die beiden Ausstellungsmacherinnen Verena Naegele und Sibylle Ehrismann sind bei ihren Recherchen für die Aarauer Neujahrsblätter und für die Ausstellung im Rathaus in verschiedenen Archiven und auch durch einen glücklichen Zufall auf Spuren gestossen, die zeigen, welch bedeutende Rolle Elisabeth Flühmann und ihr «Aarauer Kreis» in den Anfängen des Gleichberechtigungskampfes auf kantonaler und nationaler Ebene hatte. Das «aufklärerische agitative Wirken» der Pädagogin, wie Sibylle Ehrismann erklärt, wird bereits 1888 sichtbar, in der Gründung des Aargauer Lehrerinnenvereins, der sich für Lohngleichheit starkmachte und später, 1919, in der Initiierung des Schweizer Frauenblatts in Aarau, das den Anliegen der Frauen eine Öffentlichkeit verschaffte und den Gleichberechtigungsdiskurs auf nationaler Ebene lancierte. Auch die dazwischenliegenden Jahrzehnte sind geprägt von politischem Schaffen.

Auf Flühmann sind die Ausstellungsmacherinnen durch die Recherche zu einem Artikel über Marie Winteler gestossen (Albert Einsteins Jugendliebe). Dabei entdeckten sie, dass sowohl Winteler wie auch Maja Einstein (Einsteins Schwester) Flühmann als Dozentin am Lehrerinnenseminar hatten. Als dann Verena Naegele zufällig in einem Antiquariat in Berlin eine Karte fand, die 1918 von Lily Mühlberg verschickt wurde und die für Frauenrechte warb, «verdichtete sich das Bild, dass es in Aarau früh einen progressiven feministischen Kreis gab, der sich für die Gleichberechtigung engagierte», wie die Historikerin erklärt: Die Aarauerin Lily Mühlberg war die Tochter eines Lehrers von Einstein und dieser wiederum dürfte ein Kollege Elisabeth Flühmanns gewesen sein, die seinerzeit ebenfalls als Philologin an der Kantonsschule Aarau unterrichtete (auch da war sie Pionierin).

Mit interessanten Zeitdokumenten halten die beiden Kuratorinnen für die Ausstellung und die Neujahrsblätter die Geschichte der Aktivistinnen von damals fest und setzen ihnen ein Denkmal, das gleichsam weiterlebt. Denn die Chronik der Gleichberechtigung ist längst nicht abgeschlossen.

 

AARAU Rathaus, bis 14. Februar 2021. Ausführliches zu 50 Jahre Frauenstimmrecht und zu wichtigen Aarauer Frauenpersönlichkeiten: Aarauer Neujahrsblätter 2021.