Explosiv und rein: Die Glycerin-Seifen von Mettler

Das Objekt

TEXT Rudolf Velhagen

Glycerin-Seife in Originalverpackung Mettler, Sammlung Museum Aargau, Inv.-Nr. K-19887.

Glycerin ist ein interessanter Wirkstoff. In den unterschiedlichsten Anwendungsgebieten, von der Lebensmittelindustrie über Tabakwaren bis hin zum allgemein bekannten Nitroglycerin, wird es seit seiner Entdeckung im 18. Jh. verwendet. Seine Haupteigenschaften als Feuchtigkeitsspender und Wasserbindemittel machten es schon Mitte des 19. Jh. zu einem wichtigen Bestandteil von sogenannten Transparentseifen. Bis heute werden sie wegen ihres samtigen Reinigungseffekts geschätzt.

Seifen gibt es in allen Farben und Formen. Die Seife, wie wir sie kennen, stammt aus dem 7. Jh, wo im arabischen Raum erstmals Öl mit Laugen verkocht wurden. Danach fasste die neue Art, sich zu waschen, im südlichen Europa Fuss, wo bis heute die traditionellen Seifenhersteller lokalisiert sind (etwa Savon de Marseille). Bis es aber Mode wurde, sich mit Seife zu waschen, vergingen nochmals einige Jahrhunderte, da Pestausbrüche die irrtümliche Annahme stärkten, Wasser helfe der Krankheit, in den Körper zu gelangen. Erst die Blüte des Versailler Hofes durch Louis XIV. sowie dessen Einführung eines Reinheitsgebotes für die Seifenherstellung verhalf der Körperhygiene zu ihrem Durchbruch: Der Sonnenkönig scharte Ende des 17. Jh. nicht nur die besten Seifensieder um sich, sondern erliess mit dem besagten Gebot, dass mindestens 72 Prozent einer Seife aus reinem Öl bestehen musste.

Etwa 210 Jahre später fand auch ein Schweizer, auf Reisen in Grossbritannien, eine neue Art von Seife. Ein Arzt hatte ihm eine Rezeptur für eine Glycerin-Seife überreicht. Seit 1860 ist die Herstellung solcher Seifen bekannt, wo- bei die Fettsäure in Alkohol gelöst und dann in Formen gegossen wurde. Durch das Glycerin sind sie leichter als Wasser und reinigen die Haut besonders schonend. Dabei wird heutzutage neben synthetischem auch pflanzliches Glycerin verwendet.

Gotthilf Mettler brachte das neu erworbene Know-how zurück in seine Fricktaler Heimat und gründete 1929 in Hornussen eine kleine Seifenmanufaktur. Der Familienbetrieb bestand damals aus fünf Mitarbeitenden und stellte bis 2019 in einem eigenen Herstellungsverfahren luxuriöse und medizinische Seifen, Desinfektionsmittel, Duschgels und Shampoos her. Der Verkaufsschlager blieb aber die Seife mit Glycerin, die mit ihren desinfizierenden Eigenschaften auch als «Seife für den Arzt» angepriesen wurde.

Die vorliegende Seife aus einem Privathaushalt ist von circa 1985 und befindet sich noch in der Originalverpackung. Sie ist oval, orangefarben und mit dem typischen Schriftzug «Glycerin Mettler» versehen. Am auffälligsten ist zweifellos der Aufdruck auf der Kartonschachtel. Ein grosser orangefarbener Fisch wäscht einen kleinen blauen Fisch mit einer gelben Glycerin-Seife mit dem Firmenschriftzug «G. Mettler / Hornussen». Die beiden Fische waren bereits kurz nach der Gründung der Firma die meist verwendeten Werbefiguren.

Die älteste Seifenmanufaktur der Schweiz gibt es immer noch: Seit 2019 aber nicht mehr in Hornussen selbst. Nach der Übernahme 2014 durch die Sodecos SA aus Henniez (VD), wurde der Betrieb nicht eingestellt. Unter der Marke Mettler 1929 Switzerland (www.mettler1929.ch) werden pro Jahr bis zu drei neue Kreationen auf den Markt gebracht. Die Geschichte dieser kleinen Manufaktur zeigt, dass die faszinierende Welt der Moleküle je nach Kombination die eine oder andere explosive Wirkung haben kann.

 

Rudolf Velhagen, Chefkurator Sammlung und Ausstellungen Museum Aargau.