«Es gibt einen Hunger, der über das Leibliche hinausgeht»

Die Schriftstellerin Priya Basil hat mit «Gastfreundschaft» einen Essay geschrieben, der Kulinarik, Weltgeschichte und Gesellschaftskritik verbindet. Wir haben mit der Wahlberlinerin, die im Juni zu Gast am Aargauer Literaturhaus Lenzburg ist, über das Spannungsfeld «Gastfreundschaft» gesprochen.

TEXT Michael Hunziker BILD Heike Steinweg

«Offen für das Unbekannte bleiben»: Priya Basil zur bedingungslosen Gastfreundschaft.

Sind Sie auch jemand, der zum Frühstück immer dasselbe isst?

Priya Basil: Ja absolut, ich bin ein Gewohnheitstier. Es gibt zwar ein paar Variationen, Müsli, Spinatomelette oder Humus und Avocado auf Tost. Aber wenn ich eine bestimmte Phase habe, kann ich diese Frühstücksroutine nicht leicht ändern. Zudem esse ich nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Ohren. Ich höre Podcast und möchte am liebsten mit niemandem reden.

Sind unsere Essgewohnheiten ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft?

Gerade beim Essen zeigt sich sehr viel. Wie wir mit wem, was, wo, wie langsam essen – das sind alles mehrdeutige Momente. Gerade die Pandemie hat mich diesbezüglich nochmals sensibler gemacht.

Inwiefern?

Wir haben ein empfindlicheres Sensorium für Gemeinschaft und Abhängigkeiten erhalten. Dieses Virus ist auch ein Zeichen für eine Fehlentwicklung geworden – der Umgang mit Essen, die globalisierten Warenketten, wie wir mit der Erde umgehen, der ganze Exzess. Beim Spazieren fallen mir die vielen Essenszusteller*innen auf, die meisten haben Migrationshintergrund. Die Wanderarbeiter*innen, die die Spargeln ernten, können nicht mehr so leicht einreisen. Ich stelle mir also die Frage, wer kann zu Hause bleiben und wer ist in dieser Zeit exponiert und schutzlos. Die sozialen Fragen, etwa nach Gerechtigkeit, werden durch diese Sichtbarkeit von Ungleichheit deutlicher gestellt. Die Zustände sind eine Chance, der Realität in die Augen zu blicken, und eröffnen Möglichkeiten, die Welt anders zu betrachten.

Ihr neues Buch liest sich wie eine Dialektik der Gastfreundschaft. Der Tisch ist ein delikates Terrain, und der Mensch zeigt sich mitunter als gefrässiges nimmersattes Wesen. Wie haben Sie das Thema für sich erkannt?

Die Dualität des Themas ist mir erst spät klar geworden. In meiner Familie ist die Gastfreundschaft sehr übertrieben, es wird zu viel gekocht, und die Gäste werden gedrängt, mehr zu essen, als sie können. Die Mütter und Grossmütter erachten es als den einzigen Weg, eine perfekte Gastgeberin zu sein. Mich irritierte der Widerspruch: Gastfreundlichkeit bedeutet Grosszügigkeit. Dabei geht die Nachhaltigkeit, die Zurückhaltung vergessen. Je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto facettenreicher wurde dieser Widerspruch und betraf plötzlich mehrere Ebenen und reichte von der Paarbeziehung bis in die politische Dimension.

Kann "Gastfreundschaft" auch eine Art von Machtausübung sein?

Ja, aber dann ist sie nicht bedingungslos, sondern instrumentalisiert. Man sieht das an Partys, die die Gastgeber*innen zur Selbstinszenierung veranstalten.

Sie bezeichnen Gastgeber- und Gastsein als zentrale Aspekte des Lebens...

Interessant ist, dass hinter dem Wort "Gast" etymologisch das indoeuropäische Wort ghosti steht, das gleichzeitig Gast, Gastgeber und Fremder bedeutet. Das sind die drei Rollen, die wir ein Leben lang spielen. Diese Erkenntnis war für mich ein erleuchtender Moment. Wobei sich die Beziehungen zwischen den Rollen nicht immer harmonisch gestalten. Neben Hospitality (Gastfreundschaft) wurzelt auch Hostility (Feindseligkeit) in ghosti. Manchmal muss Gastfreundschaft auch eine Zumutung sein. In Situationen, in denen mehr geboten ist, als wir bereit sind zu geben, können wir erkennen, dass wir viel mehr leisten können, als wir dachten. Dann wird aus der Zumutung eine Offenheit.

Im Buch tönen Sie die Geschichte Ihrer Grossmutter an, die ihren Grossvater durch Kochen und Bemuttern an sich binden konnte.

Er hatte sich während der Teilung von Indien und Pakistan in einem Flüchtlingslager mit Typhus angesteckt. Sie pflegte ihn, um ihn heiraten zu können und nach Kenia zu migrieren. Es war ihre einzige Chance, der sozialen Ächtung zu entkommen. Sie hatte ein uneheliches Kind, das sie verheimlichte. Die ganze Geschichte erzählte ich in meinem ersten Roman. Für meine Grossmutter war die Küche eine Art Schlachtfeld. Um das Gefühl, nicht gut genug zu sein, zu überschatten, kochte sie beinahe um ihr Leben. Das ist traurig, aber andererseits entfaltete sie so eine Handlungswirksamkeit und hatte Erfolg. Sie versucht, uns auch heute noch zu verführen.

Haben Sie Ihre Tante je kennengelernt?

Ja, sie ist Teil meiner Familie, obwohl sie nicht "offiziell", also von meiner Grossmutter, anerkannt ist. Eine komische Konstellation, die wohl nie gut genug aufgelöst werden kann. Das ist etwas, das ich akzeptieren musste. Ich dachte, darüber zu schreiben, würde etwas heilen.

Wurde es schlimmer?

Sagen wir so, meine Versuche trafen auf einen starken Selbstverteidigungsmechanismus. Das Geschriebene war nicht machtvoll genug.

Ihre Biografie ist vom Kolonialismus geprägt. Sie sind als Inderin in Kenia aufgewachsen. Was waren Ihre prägenden Kindheits- und Jugenderfahrungen?

Als ich 1978 im Alter von eins mit meinen Eltern von London nach Kenia umsiedelte, war das Land erst 15 Jahre unabhängig. Die koloniale Vergangenheit war also noch sehr präsent, und die Strukturen der Apartheit existierten inoffiziell fort. Die Menschen aus den verschiedenen Communities begegneten sich kaum. Auch in meinem Elternhaus und in der Schule wurde eine Weiss-Braun-Schwarz-Hierarchie gelebt. Als Kind fühlte ich ein undefinierbares Unbehagen, ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Es dauerte eine Weile, bis ich wirklich realisierte, was da falsch lief. Als Jugendliche begleitete ich meinen Grossvater in einen Sikhtempel. Dort wurde stets betont, dass er für alle offen stehe und es für alle Essen gebe. Trotzdem waren wir immer unter uns, während es draussen vor den Toren viele bedürftige Menschen hatte. Es war also eine schöne Idee, die nicht gelebt wurde. Diese Einladung war nicht so offen, wie sie selbst behauptet hatte. Natürlich kann das jetzt auch als eine Analogie auf die Ideale der Aufklärung und zur aktuellen Migrationspolitik von Europa gedacht werden.

Neben den vielen anspielungsreichen Anekdoten auf gesellschaftspolitische und geschichtliche Verhältnisse schreiben Sie auch von einem anderen, einem abstrakten Hunger. Was verstehen Sie darunter?

Es gibt einen Hunger, der über das Leibliche hinausgeht, eine Sehnsucht gewissermassen, nach einer gerechten Welt. Was kann ich mit meinen Privilegien tun? Sehr inspirierend war für mich die Auseinandersetzung mit dem französischen Philosophen Jacques Derrida und dessen Konzept der "absoluten Gastfreundschaft". Frei nach ihm gilt es, nicht zu entscheiden, wer kommen darf, sondern offen für das Unbekannte zu bleiben. Das Fremde zulassen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Diese Haltung ist eine Herausforderung, an der auch ich persönlich oft scheitere. Aber es gibt keine Alternative. Die Grenzen zu schliessen, andere nicht zu akzeptieren, das geht für mich nicht. Die globalen Probleme, Klima, Migration, betreffen uns alle. Ich trete entschieden gegen Xenophobismus ein. Ich wollte eine Vision, neue Ideen gegen die alten Argumente entwickeln, wie "es können nicht alle kommen, es gibt nicht genug" und so weiter. Wir sollten zeigen, dass wir uns als Teil der Welt verstehen. Ein europäisches Greencard-System würde ich beispielsweise sehr begrüssen. Und wenn die Menschen die Möglichkeit haben, sich frei zu bewegen, um zu arbeiten, gibt es auch eine andere Dynamik. Viele wollen gar nichtlang fristig anderswo bleiben. Europas Aussengrenzenpolitik führt dazu, dass viele ihr Leben riskieren müssen, um überhaupt hierherzukommen: Rückkehr ist keine Option, wenn man sich nicht frei zwischen Europa und dem Rest der Welt bewegen kann.

Sie sind Menschenrechtsaktivistin und politisch stark engagiert. Gibt es in Ihrer Biografie einen Initiationsmoment dafür?

Als meine Eltern in Kenia alles verloren hatten, das Geschäft meines Vaters ging Konkurs, mussten wir in relativ kurzer Zeit umziehen. Zum Glück hatten wir die britische Staatsbürgschaft und somit Recht auf die Unterstützung des Sozialstaats. Ich lernte, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und realisierte, wie wichtig ein Sozialstaat ist. Als wir nach England zogen, war ich 19 Jahre alt, und diese Erfahrung hat etwas Grundlegendes in mir verändert. Später in Deutschland habe ich angefangen, mich in Initiativen zu engagieren, etwa für die inhaftierten Schriftsteller Liu Xiaobo und Ashraf Fayadh. In den gemeinschaftlichen Aktionen habe ich ein spezielles Zugehörigkeitsgefühl erfahren. Wenn man mit anderen zusammen denkt und handelt, entdeckt man so viel, überschreitet Grenzen und ist überrascht. Sachen, die unmöglich scheinen, werden greifbar. Diese Erfahrungen sind ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. Ich bin immer politisch engagiert.

Bald sind Sie selbst wieder Gast, am Literaturhaus in Lenzburg. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Überhaupt wieder einmal reisen zu können! Ein enormer Luxus. Ich freue mich auf neue Landschaften, das Schwimmen im Hallwilersee. Seit letzten Oktober habe ich mich fast ausschliesslich nur in meiner Nachbarschaft bewegt. Dann natürlich auf die Kultur und das Essen. Ich wollte schon mein Müsli mitnehmen, da haben mir Leute gesagt, dass es in der Schweiz sehr gute Müslis gibt (lacht).

Und die Arbeit, nehmen Sie die mit?

Ich habe mir vorgenommen, diesen Zeitraum möglichst freizuhalten und mir bewusst Zeit zu nehmen, nichts zu tun. So habe ich also nicht vor, zu schreiben. Aber ein Text entsteht nicht nur in den Momenten des Schreibens. Für mich gibt es einen weiten Raum des Lesens, Denkens und Suchens, der stets ein wesentlicher Teil des Schreibens ist. Also, ich nehme viele Bücher mit, die ich lesen will. Ich wünsche mir, in einen Zustand von Offenheit zu kommen und dann zu schauen, was entsteht. Das kommt so selten vor, ich bin immer zu verplant.


PRIYA BASIL wurde in London als Kind von Eltern mit indischen Wurzeln geboren. Ihre Familie zog nach Ostafrika, als sie ein Jahr alt war; sie wuchs in Kenia auf und studierte später in Grossbritannien. Sie hat zwei Romane, eine Novelle, zwei narrative Sachbücher und zahlreiche Essays veröffentlicht. Ihr Buch "Gastfreundschaft" wurde vom Deutschlandfunk Kultur zum Sachbuch des Jahres gewählt. Ihr neustes Buch "Im Wir und Jetzt. Feministin werden" ist im März 2021 bei Suhrkamp erschienen. Priya Basil schreibt und lebt in Berlin.