Erforschung der dunklen Materie

BÜHNE Expert*innen für schwarze Löcher laden zum Tanz: Das Bühne Aarau Ensemble thematisiert mit Laiendarsteller*innen in einem Tanztheater psychische Krisen, zwischen individuellem Erleben und gesellschaftlichen Reaktionen. Mit «Dancing in the Dark» werden Tabus. Daneben schaffen Begleitveranstaltungen Raum und Zeit zum Reden – oder Tanzen.

TEXT Michael Hunziker BILD Chris Iseli

Die Kleider der Tänzer*innen glitzern im Dunkeln. Das Gravitationsfeld einer grossen Diskokugel biegt den Raum, wie ein schwerer Planet. Der Bass legt einen Teppich aus und Erzählstimmen geben Einblicke in schwere, dunkle Geschichten, aus denen die Held*innen entstammen, die hier auf der Bühne stehen. Geschichten, die sie ungewollt zu Expert*innen gemacht haben. Expert*innen für psychische Ausnahmezustände. Welten, die manche nur vom Hörensagen kennen. Welten, deren Existenz nicht selten vom Umfeld bestritten wird. Ein Affront für alle, die sie tatsächlich durchleben.

«Dancing in the Dark», so heisst die neue Produktion des Bühne Aarau Ensemble, ist ein Tanztheaterabend, der unter die Haut geht. Die Tänzer*innen übersetzen ihre Krisenerfahrung in Bewegung, finden im Tanz eine Sprache, mit der sie ausdrücken, wie sich ihre schwersten Stunden anfühl(t)en und was ihnen dabei Kraft gibt. Es sind Erkenntnisse, ja Wissensbestände, die sie aus ihren Krisenepisoden zurückgebracht haben und ihnen zuzuhören und zuzusehen hilft, Betroffene und auch sich selbst, die eigene Psyche, besser zu verstehen. Denn, man mag es vielleicht nicht wahrhaben wollen, aber eine Krise kann jede und jeden treffen, jederzeit.

Nach dem Publikumserfolg von «Krebskaraoke» nimmt sich Jonas Egloff, Leiter des Ensemble Bühne Aarau und Regisseur, zusammen mit der Autorin Anna Papst nun dem Thema psychische Gesundheit an. Er und sein Team verfolgten bei der Erarbeitung von «Dancing in the Dark» einen sehr induktiven Ansatz: Im Zentrum stehen die Tänzer* innen mit ihren Geschichten. Bevor sich die Gruppe aus nun 18 Menschen gebildet hatte, gab es weder ein Skript noch eine Choreo. Bloss eine wage Idee: «Anna Papst und ich hatten das Gefühl, dass die Coronakrise auf seelische Nöte und Depressionen wie ein Brandbeschleuniger gewirkt hat. Wir fanden, es sei höchste Zeit, ein Stück zum Thema zu machen», erklärt Egloff. Nach ersten Gesprächen mit Organisationen wie der Pro Mente Sana und im Austausch mit einem Soundingboard aus Betroffenen entwickelten sie ein ungefähres Vorgehen. «Es ging uns explizit nicht darum, ein therapeutisches Setting aufzubauen, dazu hätten wir auch schlicht keine Kompetenzen. Wir wollten eine Gruppe aus Laienschauspieler*innen finden, die zu ihren Krisen stehen und Lust haben, sie in Bewegung zu übersetzen.» Als sich nach einer Ausschreibung rund 20 Menschen gemeldet haben, hat die Autorin Anna Papst in verschiedenen Interviews die biografischen Geschichten zusammengestellt, auf denen das Stück nun basiert. Selbstverständlich anonymisiert, denn, das sei hier vorausgeschickt, zusammengekommen ist ein schwerer Stoff aus tiefen, sehr persönlichen Einblicken, die ebenso in übertragenem Sinne bewegen. 

Auch die Choreografie, die Irène Wernli begleitet, haben die Laien zu einem grossen Teil selbst entwickelt: «Es sind ihre Bewegungen», sagt Wernli, «durch die Improvisation sind wir auf die Formen gekommen. Wir haben uns etwa gefragt, wie könnte eine Statue der Verzweiflung aussehen, wie zeigen wir, wie es sich anfühlt, wenn Blei vom Kopf bis in die Füsse fliesst.» Das sind sehr konkrete Bilder, die durch diesen konsequenten partizipativen Ansatz entstanden sind. «Durch die Arbeit mit echten Expert*innen können wir Facetten aufzeigen und ohne Berührungsängste echte Erfahrungen auf die Bühne bringen, die dem Ernst des Themas gerecht werden», sagt Egloff. Vorerst sind vier Aufführungen geplant. Es wäre der Gruppe und dem Thema zu wünschen, dass sich im Anschluss viele Gastspiele ergeben.

 

Mit Tanz eine Sprache finden

Daniel Leuenberger, 41, Aarau

«Es war eine spontane Entscheidung, am Projekt mitzumachen. Ein aufgehängtes Plakat hat mich gewissermassen ins Rampenlicht gezogen. Ich arbeite als Beleuchter immer vor und hinter der Bühne, aber selbst Theater zu spielen, habe ich mir bis vor Kurzem nicht vorstellen können. Nachdem ich den Aufruf gesehen habe, hat sich das aber bald geändert. Beim Titel «Dancing in the Dark» dachte ich gleich an Björks melancholischen Film. Die Möglichkeit, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die auch Krisenerfahrungen haben, hat mich angesprochen. Im Theater kann ich eher mich selbst sein. Hier geht es nicht nur um die schönen Seiten des Lebens. Das kreative Umfeld der Bühne zieht auch Menschen an, die nicht immer voll der Norm entsprechen. Zu sehen, wie jede*r seine Ecken und Kanten hat, hat mir selbst viel gebracht, um mich zu entfalten. Bei der Arbeit geht es ja oft hauptsächlich ums Funktionieren. Bei den Proben kann ich etwas diesem Zwang entfliehen. In Krisen fehlen einem manchmal die Worte. Über Gefühle zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer. Die verschiedenen Kunstformen helfen dabei, diese Emotionen auszudrücken, auch ohne Worte. Tanz ist für mich eine Sprache, mit der ich meine Gefühle herauslassen kann. Ich möchte den Besucher*innen unseres Stücks mitgeben – auch wenn sie selbst vielleicht gar nicht betroffen sind – dass man keine Angst haben sollte. Ein schwarzes Loch ist nicht das Ende und von der Krise rennt man besser nicht davon. Wir zeigen auf, dass es sich lohnt, den Mut zu behalten.»

 

«Wir haben alle gelernt zu schauspielern»

Verena Stevanin, 69, Aarau

«Depressionen sind etwas Alltägliches. Wir sollten darüber sprechen und das Thema nicht unter den Tisch wischen. Zum Glück verändert sich die gesellschaftliche Haltung gegenüber psychischen Krankheiten allmählich. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, aber viele Menschen sind unglücklich und einsam. Wir haben alle gelernt zu schauspielern. Äusserlich geht es uns gut, das heisst aber noch lange nicht, dass es drinnen auch so ist. Wir sollten authentischer werden. Wir haben eine Verantwortung uns selbst gegenüber, auch nach innen zu schauen. Schwarze Löcher kenne ich gut, sowohl beruflich wie auch persönlich. Als Kunsttherapeutin versuche ich mit Bildern und Bewegung eine Sprache für das Unsagbare zu finden. Im Theaterprojekt erweitere ich nun mein Instrumentarium durch Tanz. Ich bin die Älteste in der Gruppe und das Projekt hat mich aus der Komfortzone herausgeholt. Ich musste meinen inneren Kritiker auf die Seite schieben, was letztlich sehr befreiend war. Wir lachen viel, weinen auch und können so sein, wie wir sind. Das Format von Dancing in the Dark ermöglicht einen Dialog mit der Öffentlichkeit. Eine psychische Krankheit ist immer noch mit Tabus belastet. Es ist halt nicht wie bei einem Beinbruch, wo die Ursache und die Lösung so klar sind. Man weiss nicht genau, was abläuft, darum scheint es unheimlich zu sein. Mit dem Stück betreiben wir Aufklärung. Ich hoffe, dass es bei den Zuschauer*innen rüberkommt, dass eine Krise eine Chance ist, und dass wir daran reifen können.» 

 

Der Mut lohnt sich

Beverly Achermann, 34, Baden

«Ursprünglich komme ich vom Theater und habe an der comart, Schule für Physical Theatre, meine Ausbildung absolviert. Nach der Ausbildung war ich jedoch total ausgebrannt. Ich konnte meinen Beruf nicht mehr ausüben. Jetzt stehe ich zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder auf der Bühne und es tut so gut. Als ich die Ausschreibung zu «Dancing in the Dark» gesehen habe, war ich mitten in einer Depression, aber das war ein Zeichen, mich wieder meinem ursprünglichen Beruf zuzuwenden. Aus den Proben konnte ich viel Kraft schöpfen. Die Arbeit mit dem Körper bringt mich weg von den kreisenden, selbstzerstörerischen Gedanken. Jetzt weiss ich, was mir in all den Jahren nach meiner Ausbildung gefehlt hat: Der kreative Ausdruck. Dies war auch einer der Gründe meiner Depression: Meine Fähigkeiten nicht zeigen zu können. Tanzen und Bewegen sind unheimlich heilsam: Auch für die Gesellschaft – die Menschen, die unser Stück schauen, sind entweder selbst betroffen, Angehörige von Betroffenen oder weder noch. In unserem Stück drücken wir mit den Mitteln des Tanzes aus, wie sich unsere Krisen anfühlen. Das Thema psychische Gesundheit geht alle an. Gerade in Zeiten der Selbstoptimierung. Ja keine Schwäche zeigen, stark sein, besser sein. Das ist eine toxische Haltung. Wir kriegen das tagtäglich zu sehen, es entspricht aber nicht der Realität. Die äussere Fassade ist nicht alles. Mit «Dancing in the Dark» möchten wir zeigen, dass es ok ist, schwach zu sein. Aber dass es auch Mut erfordert, sich zu seiner Depression zu bekennen, um ein stückweit sich selbst näherzukommen. Dieser Mut zahlt sich aus! Der Mensch hat so viele Schichten. Es ist wichtig, alle diese Facetten kennenzulernen und anzunehmen.»

 

«In der Bewegung loslassen»

Aysel Coşkun, 26, Region Aarau

«Obwohl ich ausgebildete Tänzerin bin, eröffnet mir die Bühne jedes Mal eine neue Erfahrung. Ich bin die Jüngste in der Gruppe. Ich hätte gedacht, dass mehr junge dem Aufruf folgen. Denn in meiner Generation besteht viel Offenheit für das Thema psychische Gesundheit. Wir haben gelernt, über Tabus zu reden. Wir wissen auch mehr über psychische Krankheiten als noch vor dreissig Jahren. Es ist eben keine Willensfrage, wenn oder ob du Depressionen hast. Tanzen war für mich immer ein Ventil. Die Stunden waren Lichtblicke in meinem Alltag. In dem Moment, als ich das Tanzen zum Beruf machte, hat sich das etwas verändert. Wenn man tanzt, setzt man sich auch immer mit der Psyche auseinander. Zu diesem Zusammenhang habe ich auch meine Diplomarbeit geschrieben und choreografiert. Es war schön, in der Gruppe zu sehen, wie gut allen das Tanzen tut. In der Bewegung kann man loslassen. Aber klar, wenn man keine Kraft zum Zähneputzen hat, hat man auch keine Kraft zum Tanzen. Und so sieht die Wirklichkeit in einer Depression aus. Es braucht manchmal viel Zeit, da wieder herauszukommen und es helfen kleine Schritte. Es muss nicht eine mega Bühnenshow sein. Tanzen kann auch bedeuten, in den Körper hineinzuhören, den Puls zu fühlen und sich nur ganz minim zu bewegen. Als Tänzerin ist es im Moment sehr schwer, nach Corona sowieso. Ich unterrichte Tanz in einem kleinen Pensum und arbeite sonst im Service. Einerseits ist es nicht einfach für mich, dass ich nicht voll vom Tanzen leben kann. Andererseits brauchte ich nach viereinhalb Jahren, in denen ich viel Herzblut und Zeit investiert habe, auch etwas Abstand.»


Tanztheater und Begleitveranstaltungen

Dancing in the Dark

Das Tanztheater des Ensembles der Bühne Aarau.

AARAU Alte Reithalle, Mi, Fr, Sa, 27./29./30. April, 20 Uhr; So, 1. Mai, 20 Uhr

 

Walking in the Dark

Mental-Health-Aktivist*innen von «Madnesst» gehen mit Interessierten auf einen Walk durch die Dunkelheit und beantworten Fragen, um Selbst- und Fremdstigmatisierung abzubauen. Die Aktion wird von der Regisseurin Sarah Gärtner und dem Moderator Robin Rehmann koordiniert.

AARAU Alte Reithalle, Fr, 29. April, 19 und 21.30 Uhr

 

Party in the Dark

Nach der Vorstellung weiter Tanzen: DJ Robin Rehmann legt die Songs auf, die man am liebsten im Dunklen hört: Dance as if nobody is watching.

AARAU Bar im Stall, Fr, 29. April, 22 Uhr

 

Art Colour Darkness

Was gibt es für therapeutische und künstlerische Projekte für Menschen mit Psychiatrieerfahrung? Eine Netzwerkveranstaltung von Pro Mente Sana in Kooperation mit dem Living Museum Wil. Kontakt und Anmeldung: Marcel Wisler, m.wisler@promentesana.ch

AARAU Tuchlaube, Sa, 30. April, 14 Uhr