Entschleunigung

Die Jens-Nielsen-Kolumne

TEXT Jens Nielsen

Ach, wie herrlich, meinem Alltag fehlt der Stress. Alles Tempo ist aus meinem Leben raus. Das habe ich einer Wohnwand zu verdanken. Nie hätte ich gedacht, dass sie mir so vieles ersetzen kann. Letztes Jahr hatte ich noch keine, dafür alles andere. Häuser, Autos, Arbeit, Einfluss, allerlei Beziehungen. Und einen strengen Stundenplan. Ständig war ich unterwegs in Eile. Aber jetzt ist alles weg. Besitztümer, Verpflichtungen, mein Geld. Dafür habe ich die Wohnwand. Etwas schief zwar, aber noch mit Dingen ausgestattet, habe ich sie am Strassenrand gefunden. Gratis zum Mitnehmen. Das war mein Turnaround. Seither schiebe ich die Wohnwand auf einer Vorrichtung mit Rollen vor mich her über die Gehsteige der Stadt. Nur noch die Dinge auf der Wohnwand sind jetzt meine. An denen hänge ich, das gebe ich zu. Und darum habe ich sie festgeklebt. Den Nippes, das Aquarium, die Schale voll mit Früchten, die nie faulen, etwas Origami. Und die beiden Bücher: Erfolgreich atmen und Wirf alles weg. Ja, einen Sinn für Ordnung habe ich noch. Ich nehme mir die Zeit, um meine Wohnwand mit dem Ärmel abzustauben, etwa wenn die Ampel rot wird an der Kreuzung. Während sich Passanten unruhig um mich herum am Strassenrand ansammeln. Sie bringen kaum Geduld auf, um zu warten. Ab und zu rennt jemand dennoch los, gefährdet sich. Wenn grün wird, hetzen auch die anderen Passanten weiter. Und ich stehe da und schaue zu, wie diese grosse Mehrheit vorwärts macht. Meistens kehre ich um, gehe den gleichen Weg zurück. Die Fische im Aquarium würden erschrecken, wenn die Wohnwand über einen Randstein absackt.

 

Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule besuchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt: www.jens-nielsen.ch