Eine Stimme für alle, die nicht gehört werden

Unterwegs mit Siga

TEXT Florian Binder BILD Florian Binder

Siva Ganesu.

Im ländlichen Aargau, umgeben von Feldern und Wäldern, fühlt sich Siga, der bürgerlich Siva Ganesu heisst, am richtigen Ort: "Die Ruhe in Othmarsingen ist super", meint Siga auf der Terrasse seines neu gebauten Einfamilienhauses und lässt den Blick übers Bünztal schweifen. "Seit ich in der Schweiz bin, kann ich zum ersten Mal sagen: Hier bin ich zu Hause." Heimat sei, "wo du dich wohlfühlst und willkommen bist".

Seit sieben Monaten lebt der 35-jährige Rapper, der als Sicherheitsbeauftragter bei einer Schweizer Grossbank in der Zürich arbeitet, gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern an diesem idyllischen Ort. Und wenn Siga seiner grössten Leidenschaft, der Musik, frönen will, steigt er in den Keller hinab, wo sich das Musikstudio befindet. Dort feilt er an Texten, nimmt Raps auf oder widmet sich dem kommenden Filmprojekt über seine Geschichte namens "Siga – Vom Flüchtling zum Sieger".

Denn eigentlich nimmt sein Leben am anderen Ende der Erde seinen Anfang. Die ersten drei Jahre verbringt Siga in einem Dorf im Norden Sri Lankas, nahe der Hauptstadt Jaffna. Die Mutter ist Bäuerin, der Vater Maurer, die Auftragslage wegen des damaligen Bürgerkriegs schlecht: "Man kam knapp über die Runden", erzählt Siga. Als das Nachbarhaus von Bomben getroffen wird, entschliesst sich der Vater, das Ersparte für die Flucht der Familie einzusetzen. "Er flog nach Deutschland voraus, um unsere Ankunft vorzubereiten."

Im Gegensatz zu ihm müssen Siga und seine Mutter jedoch über den Land- und Wasserweg flüchten: "Wir waren oft ohne Essen unterwegs, mussten nachts durch Wälder gehen und auf Lkws mitfahren. Die meiste Zeit trug mich meine Mutter auf den Armen." Die Odyssee, die er vor allem aus den Erzählungen der Mutter kennt, dauert zwei Monate und endet in Hildesheim: "Ich weiss noch, wie mein Vater uns mit Tränen in den Augen abgeholt hat."

Kurz darauf ziehen die Neuankömmlinge nach Bielefeld, wo Siga die nächsten Jahre verbringt. Schon bald nach seiner Einschulung stösst der Junge aufgrund seines Aussehens auf Feindseligkeiten: "Das fing früh an", erinnert er sich, "in der 2. Klasse wurde ich erstmals wegen meiner schwarzen Haut beschimpft." Doch die Lehrpersonen verhalten sich gleichgültig. Damals habe er viel geweint, gesteht Siga, "ich habe die Ablehnung nicht verstanden."

Der Heranwachsende begegnet den Erniedrigungen auf unterschiedliche Art. Einerseits habe sich eine Aggression gegenüber seinen Peinigern aufgestaut, bis er sich eines Tages schwört: "Es reicht! Jetzt wehrst du dich." Im Kampfsport gewinnt Siga Selbstvertrauen: "Ich war mehrfacher deutscher Meister im Kickboxen sowie Europameister im Taekwando und Kickboxen." Andererseits beginnt er mit 14 Jahren seine Erfahrungen niederzuschreiben. "Dadurch konnte ich die Sachen, die ich mit mir rumgeschleppt hatte, loswerden. Musik ist meine Medizin und befreit mich."

Während der Lehre zum Industriemechaniker lässt sich Siga aber von dubiosen Freunden und der Aussicht nach Gesetz in Konflikt. Der Vater redet dem Delinquenten ins Gewissen – "Dafür sind wir nicht geflüchtet!" – und bringt ihn so zur Umkehr. Siga löst sich vom alten Umfeld, bildet sich in der Sicherheitsbranche weiter und findet daraufhin einen Job in Zürich. Die folgenden Jahre im neuen Land arbeitet er sieben Tage die Woche: wochentags als Personenschützer, am Wochenende als Türsteher.

Seine Fähigkeiten sind gefragt, er erfährt Respekt und Wertschätzung – doch stösst er immer noch auf rassistische Vorbehalte: "Ich erlebe schnellem Geld blenden und gerät schliesslich mit dem es täglich. Manche Leute nehmen sofort Abstand, wenn sie mich sehen." Mittlerweile lasse er den Hass aber nicht mehr so nah an sich heran und wisse sich davon zu distanzieren.

Parallel zur Arbeit an der Tür und im Personenschutz veröffentlicht Siga mit wachsendem Erfolg weitere Songs im Internet, die "vom alltäglichen Leben erzählen und den Menschen Mut machen sollen". Er wolle all jenen eine Stimme geben, die Rassismus, Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt erlebt haben, darüber aber nicht sprechen können.

Auf diesen Gedanken aufbauend verfolgt er seit einigen Jahren mit der Gebärdensprachdolmetscherin Vanessa Feller-Jung das Projekt "Du - Musik für Gehörlose": Dabei werden seine Auftritte von Feller-Jung begleitet, die seine (meist jugendfreien) Texte simultan überträgt. Auch seine Soloprojekte erfreuen sich in der folgenden Zeit immer grösserer Beliebtheit, die Auftritte häufen sich – doch Corona macht den Plänen, alles auf die Musikkarte zu setzen, einen Strich durch die Rechnung. Bis sich die Lage stabilisiert und Siga seine Rapperkarriere fortführen kann, will er deshalb vorerst weiter im Sicherheitsbereich arbeiten.

Obwohl Siga viel erreicht hat und mittlerweile angekommen ist, beschäftigt er sich seit der Geburt seines Sohnes immer intensiver mit seiner tamilischen Herkunft: "Mehr denn je will ich wissen: Wer bist du eigentlich? Woher kommst du? Was sind meine Wurzeln?" Aus der Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist auch das Drehbuch zum Dokumentarfilm "Siga – Vom Flüchtling zum Sieger" entstanden. Das Biopic soll im nächsten Jahr erscheinen und wird Siga beim ersten Besuch seines Heimatlandes nach über 32 Jahren Abwesenheit begleiten. Er wolle zeigen, wie er seine Geschichte entdecke, sagt Siga. "Ich muss jetzt diese Reise machen, um mich selbst zu finden."

Florian Binder ist Barkeeper und freier Autor


SIVA GANESU (36) aka Siga stammt aus Sri Lanka, wuchs nach seiner Flucht in Deutschland auf und lebt heute mit seiner Familie in Othmarsingen. In seiner Musik thematisiert der ehemalige Bodyguard und erfolgreiche Kampfsportler seine Erfahrungen mit Immigration, Identität und Rassismus.