Eine sehr kurze Geschichte der politischen Öffentlichkeit

Das Verhältnis und das Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit scheint sich im Zeitalter der Pandemie und durch die Möglichkeiten sozialer Medien zu verändern. Über diese ambivalente Transformation schreibt der Soziologe Harald Welzer.

TEXT Harald Welzer BILD Tobias Maurer

Wechselseitige Zersetzung von Privatheit und Offentlickeit: Der Künstler Tobias Maurer hat die luxuriösen Häuser von Youtuber*innen in virtuellen 3D-Modellen rekonstruiert – der private Raum wird öffentlich und das Öffentliche somit zur Bühne des Privaten. Maurer hatin Basel und Eindhoven Innenarchitektur und Szenografie studiert. Seine Arbeit «I have found my dream home» ist derzeit im Forum Schlossplatz im Rahmen der Ausstellung «my home is my castle» zu sehen.

Jürgen Habermas hat die Entwicklung der Öffentlichkeit in seinem Werk "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (1962) rekonstruiert und unsere moderne Form der politischen Öffentlichkeit aus der Entstehung von Marktgesellschaften hergeleitet. Diese brauchen einerseits den öffentlichen Austausch, andererseits Räume privater Abgeschlossenheit, in denen geschäftliche und politische Pläne und Strategien entwickelt werden können. Daraus entsteht peu à peu jenes Wechselspiel von Privatheit und politischer Öffentlichkeit, wie es bis heute in den liberalen Demokratien besteht.

Die Entwicklung dieses Verhältnisses von privat und öffentlich setzt mit der Erfindung des Buchdrucks und damit eines ersten Massenmediums an, dessen Bedeutung vor allem Martin Luther erkannte. Seine Reformationsschriften und Predigten verbreiteten sich in Windeseile. Wie der Historiker Marcel Hänggi schreibt, hatte Luther 1520 "bereits 27 Schriften mit insgesamt 900 Druckseiten in einer Gesamtauflage von einer halben Million publiziert. Selbst die von Luther übersetzte, immer noch teure Vollbibel erreichte bis zu seinem Tod 1546 eine Auflage von 200 000 Exem­plaren. In den ersten acht Jahren der Reformation sollen in Deutschland drei Millionen Flugschriften im Umlauf gewesen sein." Die Reformation kann also als "das erste große Medienereignis der Weltgeschichte" (Heinz Schilling) verstanden werden, Luther als der erste moderne Medienstar.

In der Aufklärung beginnen Zeitungen und Zeitschriften eine Rolle zu spielen. Es entstehen Kämpfe um Aufmerksamkeit, und es entwickelt sich eine mediale Wirkmächtigkeit der politischen Artikulation, die in der Französischen Revolution einen ersten Kulminationspunkt erreicht. Öffentlichkeit wird umkämpfter Raum politischer Gestaltung, die Kategorie des Massenmediums entsteht. Das Massen­medium par excellence wird der Rundfunk, aber das Radio ist zunächst primär nicht Medium politischer Auseinandersetzungen, sondern Unterhaltung, Reportage, Nachricht.

Erst eine gewisse Zeit nach seiner Erfindung und Einführung erfolgt seine Entdeckung als Formierungsmedium einer totalitären Öffentlichkeit. Notwendig dafür ist die perfekte Synchronisierung von Sender*in und Hörer*in; der Volks- empfänger von Propagandaminister Goebbels ist der perfekte Synchronisierungsapparat der Volksgenossen. Neben Führerreden, Liveübertragungen von Großveranstaltungen und später Kriegsberichterstattung hatte auch "weiche Propaganda" in Form von Unterhaltungssendungen und Formaten wie etwa dem Wunschkonzert insbesondere ab Mitte der 1930er eine wichtige Funktion für die Formie­rung einer exklusiven Volksgemeinschaft. Aber das Radio ist wie jedes Medium polyvalent: Während die choreographierte Radiopropaganda zweifellos als formatives Medium funktioniert, können doch auch andere Nachrichten empfangen werden. Man kann zum Beispiel "Feindsender" hören und ein anderes Bild vom Kriegsverlauf gewinnen als die Propaganda zeichnet.

In den europäischen Nachkriegsgesellschaften tritt dann ein weiteres Leitmedium neben das Radio: das Fernsehen bestimmt die Öffentlichkeit in den 1960er- und 1970er-Jah­ren nachhaltig. Das bei allen sozialen Schichten unabhängig von Alter, Bildungsstand und politischer Orientierung beliebte Fernsehen strukturierte wie kein anderes Medium zuvor den Alltag der Menschen bis hin zur Gestaltung der Wohnzimmer und des Zeitplans der Wochenenden. Seit 1961 gibt es Samstags um 18.30 Uhr die "Sportschau", danach folgt die Familienshow, "Einer wird gewinnen", "Der goldene Schuss", "Dalli Dalli" oder "Wünsch Dir was". Auch durch "Straßenfeger" wie mehrteilige Kriminalfilme oder spektakuläre Live-Übertragungen von Weltereignissen wie der Mondlandung wirkt das Massenmedium Fernsehen formativ und verändert damit auch die politische Kultur.

Eine stärkere Personalisierung und die Inszenierung des Privaten sind Strategien, die in amerikanischen Wahlkämpfen – besonders von John F. Kennedy – vorgeprägt wurden und in der Bundesrepublik etwa auch für den Politikstil Willy Brandts eine wichtige Rolle spielten. Politische Souveränität wurde nun auch über starke visuelle Gesten vermittelt. Die Bildmächtigkeit des Fernsehens konnte aber auch ganz unerwartet politische Mobilisierungen befördern, wie das Beispiel der Proteste gegen den ersten in die Wohn­zimmer überspielten Krieg, den Vietnamkrieg, verdeutlicht. Strategien der Nutzung des starken visuellen Mediums werden dann von terroristischen Gruppierungen übernom-men, die es zur unbegrenzten Kommunikation von der Wirkung nach eigentlich begrenzten Anschlägen nutzen.

Und damit wäre man bei einer unmittelbar damit verknüpften nächsten medialen Formierung, nämlich den digitalen Medien und dem Internet und den gerade im Zuge der Terrorismusbekämpfung legimitierten ausufernden Überwachungs- und Kontrollfunktionen. Dabei sind die demokratischen Hoffnungen, die sich mit den medialen Möglichkeiten, die der Siegeszug des Personal Computers in den 1980er-­Jahren und das world wide web zu eröffnen schienen, schnell enttäuscht worden. Erfindungen wie personalisierte Suchmaschinen, soziale Netzwerke und insbesondere das allgegenwärtige Smartphone ermöglichen seit Mitte der 2000er­-Jahre ein massenhaftes Sammeln von Nutzerdaten, das die neuen persönlichen Einflussmöglichkeiten überraschend zügig in neue Möglichkeiten der Überwachung, der Verhaltensvorhersage und der Manipulation hat kippen lassen.

In dieser medialen Umgebung verändern sich wiederum Politikstile, am deutlichsten vielleicht dort, wo das hoch sensible und professionelle Feld der Aussenpolitik von spontanen Twittereien mehr oder weniger reflektierter Politiker*innen ersetzt worden ist. Und die politische Landschaft wird volatiler: Online mobilisierte Bewegungen von der neuen Rechten bis hin zu Fridays for Future gewinnen neues politisches Gewicht. Die künftige Entwicklung von Medien und Öffentlichkeit ist offen; wir alle sind gegenwärtig Teil eines rapiden Strukturwandels der Öffentlichkeit mit einstweilen offenem Ausgang.

Aber die fast globale Bewegung des Populismus deutet an, dass die demokratische Öffentlichkeit zunehmend unter Druck gerät. Fake news, Filterblasen, Hetz- und Hasskommunikation, Mobbing auf der einen Seite und die Formierung eines historisch erstmalig perfekten totalitären Überwachungsstaates im Fall von China zeigen an, dass die Universalisierung von Kriterien der redaktionellen Prüfung von Fakten und Tatbeständen, von qualifizierter Berichterstattung, von einer Balance­-Wirkung der "Vierten Gewalt", von demokratischer Partizipation, an eine Grenze gekommen ist, jenseits derer sie sich erstmal nicht weiter ausbreiten wird.

Der Text wurde im Rahmen der Ausstellung "Von Luther zu Twitter. Medien und politische Öffentlichkeit" im Blog des Deutschen Historischen Museums (Berlin) publiziert (10.9.2020). Harald Welzer hat die Ausstellung mitkuratiert.