Eine Saga in Fragmenten

Bevor im Hotel Winkelried in Wettin­ gen die letzte Runde ausgerufen wird und die Abrissbirne auffährt, inszeniert eine Laien­ theatergruppe eine sagenhafte Hommage.

TEXT Jens Nielsen BILD Fredy Diener

Ein Hotel als Theaterbühne: An verschiedenen Spielorten fügt sich das Puzzle der Winkelried-Saga zusammen.

Was tut man als Neuzuzüger in Wettingen als erstes? Man gründet eine Laientheaterbühne, was sonst. Das taten Gisela Aeschbach und Fredy Diener vor zwei Jahren. Der Grund: Sie wollten auch an ihrem neuen Wohnort Theater spie­len, was sonst. Um zu spielen aber braucht es einen Ort, ein Team, eine Geschichte und ein Publikum.

Und was geschieht, wenn darum diese zwei Theaterangefressenen das Hotel Winkelried in Wettingen als Spielort wählen, die Regisseurin Martha Zürcher zu gewinnen, um die künstleri­sche Leitung und Regie zu übernehmen, sowie Fredi Spreng als Musiker und Komponisten, während Martha Zürcher die Kostüm­ und Bühnenbildnerin Bernadette Meier und den Autor Jens Nielsen einlädt, jeweils in ihrem Metier anzutre­ten? Dann entsteht mit einer frisch geformten Laientruppe übers Jahr "Verloren im Winkelried. Die Saga". Was sonst.

Die Geschichte wäre rasch erzählt, so sagen die Beteiligten auf Anfrage, doch sie erzählen nichts. Genauer, sie er­ zählen nichts im Voraus. Der Spannung halber, wozu sonst. Nur so viel ist vom Inhalt zu erfahren: Die Geschichte habe nichts mit der realen Saga des Hotels zu tun. Sie sei jedoch von den Legenden und Erzählungen des Wirtepaars Hanni und Sepp Willi geprägt, die seit 40 Jahren diese Wirtschaft führen. Dies allein macht Lust, das Stück zu sehen. Denn die wirkliche Geschichte des Hotels ist reich.

Und von der Form des Stücks, darf man davon wenigstens im Voraus etwas wissen? Ja: Das ganze Hotel Winkelried wird Bühne. Die Em­pore und der grosse Saal, der kleine Saal, die Kegelbahn, die eigentliche Bühne und der Garten. Und natürlich auch das Herz des Hotels, die Beiz. In allen Räumen wird gleichzeitig eine erfundene Geschichte dieses Hauses in Abschnitten so erzählt, als wäre es die wahre. Das klingt vielversprechend.

Wie aber soll das gehen? Nun, wir Zuschauer*innen werden in Gruppen durch das ganze Haus geführt. Wir sehen in diversen Räumen Teile der Geschichte. Doch nicht alle sehen wir die gleichen Teile. Noch sehen wir sie in der gleichen Reihenfol­ge. So trifft man im ganzen Haus nicht nur die Darsteller*innen in ihren Szenen an, die sie für uns spielen, sondern immer wieder andere Zuschauende, die in an­ derer Reihenfolge anderen Teilen der Saga begegnen.

Den Anfang und das Ende der Geschichte sowie Schlüsselszenen sollen alle miterleben. Das versichert uns die künstlerische Leitung. Denn es gehe nicht darum, Verwirrung zu stiften, sondern Anregung. Und Spielfreude zu zeigen. Für die Zuschauer*innen bedeute das ein hohes Mass an Kurzweil, ein Abend voller Überraschungen, pa­ralleler Aktionen sowie szenischer und musikalischer Erfrischung. So versprechen die Theaterma­cher*innen und man ahnt, dass sie nicht lügen.

Nach der Vorstel­lung sei zudem je nach Lust und Laune Platz im grossen Saal für Austausch über die verschiedenen Erlebnisse. Und etwas hebt die Regisseurin Martha Zürcher noch hervor: Die Hauptrolle spiele das Haus. Denn es wird wohl abgeris­sen irgendwann. Könnte sein, dass uns das reuen wird. Was sonst.

WETTINGEN Hotel Winkelried 10. September bis 1. Oktober, 

www.theater­winkelritt.ch