Eine Bühne für alle

Es ist so weit: Die neue Reithalle öffnet ihre Tore. Das neue Mehrspartenhaus wird mit einer grossen Feier und einer eigenen Produktion der Bühne Aarau feierlich eingeweiht. Das AAKU hat sich im Vorfeld mit dem Künstlerischen Leiter Peter-Jakob Kelting durch die Katakomben führen lassen und hinter die Vorhänge geblickt.

TEXT Michael Hunziker BILD Chris Iseli

Tanzhalle Reitpalast

Am frühen Morgen öffnet sich eines der glänzenden Stahl­tore der neuen Reithalle und Peter-­Jakob Kelting, Künstlerischer Leiter, betritt einen Traum, der sich nach langen Jahren in der Schwebe in den letzten 24 Monaten sukzessive materialisierte. Im Innern hängen zehn Meter hohe Vorhänge von der Decke, die Scheinwerfer leuchten bereits, in zwei Bereichen der Halle erheben sich die Reihen der Zuschauertribünen. Hinter der Westbühne befindet sich eine Art mehrstöckiger, langgezogener Betonmonolith. In diesen haben Barão­-Hutter Architekten, die für die Ausgestaltung des Traums verantwortlich sind, von der Garderobe über die sanitären Anlagen bis zum Sitzungszimmer sämtliche Funktionsräume untergebracht. Die Halle ist somit maximal freigeräumt und erlaubt eine sehr flexible Nutzung.

"Ich bin immer noch überwältigt", sagt Kelting, "obwohl die Halle für mich bereits zum Alltag geworden ist." Techniker proben gerade zusammen mit Hansueli Trüb für ein Figurentheater. Viel High-­Tech, viele Funktionen, viele Möglichkeiten, die die Halle kommenden Produktionen bieten wird. "Wir befinden uns in einer wichtigen Phase, in der wir uns den neuen Bau aneignen müssen", sagt Kelting. Erfahrungswerte sammeln, erkennen, was geht und was nicht. Sämtliche Elemente der Halle sind modular und können verschoben werden. "Theoretisch ist beinahe alles in diesem Bau möglich. Es sind die personellen Ressourcen, die uns die Grenzen aufzeigen werden", erklärt Kelting, der den Bau bereits auswendig zu kennen scheint. Kein Wunder, schliesslich begleitet er seit 11 Jahren die Transformation von Reithalle zur Bühne.

Bereits vor fünfzehn Jahren kursierte die Idee unter Kulturschaffenden, die Aarauer Reithalle als kulturellen Veranstaltungsort zu nutzen. Ein solches Gebäude mitten in der Stadt ungenutzt zu lassen, war Luxusindiz und Armutszeugnis zugleich. Die Reithalle als Bühne – diese Idee fand Eingang in der Aarauer Bewerbung um das damals vom Kanton ausgeschriebene Projekt der sogenannte Mittleren Bühne. 2006 erhielt die Stadt vor anderen Mitbewerberinnen wie Brugg oder Baden den Zuschlag, das Projekt ausarbeiten zu dürfen und 2008 konnte ein Projektierungskredit gesprochen werden. Nachdem 2012 der Entwurf von Barão-­Hutter Architekten aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangen war, verfiel das Vorhaben jedoch beinahe in einen Dornröschenschlaf.

Immerhin erreichten engagierte Theaterschaffende unter der Leitung der damaligen Tuchlaube eine Zwischennutzung für die Sommermonate, die in der Aarauer Bevölkerung allmählich die Bedeutung und den Wert dieses Ortes als Kulturstätte bewusst werden liess. Als dann mit argovia phiharmonic ein weiterer Akteur sich für die Reithalle einsetzte, kam Bewegung in die Sache und der bereits etwas angezweifelte Traum wurde politisch wieder mehrheitsfähig. 2018 stimmten 61 Prozent der Aarauer*innen für die städtische Beteiligung am Baukredit von 20,45 Millionen Franken und der Rest ist heute Geschichte.

Auf den Zirkus gekommen

"Während der Zwischennutzung haben wir den Raum in seiner provisorischen Form gut kennengelernt und theatrale Formate entdeckt, die sich besonders dafür eignen", erzählt Kelting. So sind die Verantwortlichen durch die Zusammenarbeit mit dem Festival Cirqu', das in der Zwischennutzung mehrmals Gastrecht genoss, auch auf den Zirkus gekommen. Nun ist geplant, dass die Bühne Aarau in dem neuen Spielort Zirkustheater nachhaltig programmiert. Dieses Alleinstellungsmerkmal wird auch überregional wirken. Im gesamten deutschsprachigen Raum ist der Zirkus als Bühnenkunst untervertreten, im Gegensatz etwa zur Romandie, Frankreich oder Belgien, wo dieser selbstverständlich zu den darstellenden Künsten gehört.

Von Zirkus bis zum klassischen Orchester - das ist die Spannweite der neuen Reithalle. Das Programm ist dicht – gleichzeitige Aufführungen lässt die Halle nicht zu, Umbauzeiten müssen bei der Programmierung einberechnet werden. Zur komplexen operativen Organisation kommt eine komplexe Trägerschaft. Es wird ein herausforderndes, aber aussichtsreiches Einspielen für die Bühne Aarau und das argovia philharmonic. Der Verein ARTA (aus der Fusion verschiedener Interessenverbände hervorgegangen) ist Betreiber der Halle und für alles verantwortlich. Die Bühne Aarau ist Hauptnutzerin mit rund 120 Vorstellungen, argovia philharmonic Ankermieter mit rund 40 Nutzungstage pro Jahr und etwa 20 Konzerten. "Wir sind bereits im Ideenaustausch für gemeinsame Inszenierungen", sagt Kelting.

Die Reithalle gehört der Stadt (35 Jahre im Baurecht), dem Kanton die Nebengebäude, frühere Ställe, in denen sich Bar und Lager befinden. Auch diese Bauten bilden mit der Reithalle ein Ensemble, das durch einen attraktiven Hof verbunden ist, durch den die Reithalle erschlossen wird und der auch für sich bespielt werden kann. Die Ställe wurden in ihrer Struktur bewahrt. Sprechenderweise liessen die Architekten den Wänden entlang die früheren Tränken bestehen und konzipierten hier die zurückhaltende "Bar im Stall", die schon während der Zwischennutzungen zur Legende geworden ist. Künftig wird dieser Raum eine eigene Veranstaltungsreihe erhalten und an seine jüngere Geschichte anknüpfen können.

Kelting steht im Hof zwischen den Gebäuden, die meisten Hürden sind genommen, alle Eventualitäten scheinen aus dem Weg geräumt, die Eröffnung steht an. Der Termin wurde bloss einmal verschoben – nein, nicht Corona – wegen einer Baurechtsbeschwerde. Im Nachhinein wohl gar zum Glück der Reithalle, die ansonsten mitten in der Pandemie hätte eröffnen müssen. "Wir machen keinen Kaltstart" – wahrlich nicht, das Vorhaben ist längst warmgelaufen. Stichwort Hürden: Die Reithalle ist ebenerdig von mehreren Seiten zugänglich. Keine Schwellen. Das soll auch inhaltlich gelten: "Ich wollte nie Theater für die happy five percent machen", sagt Kelting, dessen erklärtes Ziel es ist, das Haus möglichst breit aufzustellen und Synergien mit Künstler*innen und Organisationen aus allen Disziplinen, Professionellen und Laien, zu suchen. Die Eröffnungsinszenierung "Tanzhalle Reitpalast" macht in diesem Sinne den Auftakt.


TANZHALLE REITPALAST

Die Eigenproduktion der Bühne Aarau, mit der die Reithalle einweiht wird, erreicht Dimensionen der Superlative. Über 80 Personen, Laien wie Professionelle, Tänzer*innen, Sänger*innen, Schauspieler*innen, bringen in einer Art Revue 100 Jahre Schweizer Geschichte auf die Bühne. Das ist gleichzeitig eine kritische Auseinandersetzung wie auch eine heitere Verneigung vor der Reithalle. Thematisch geht es um die Verflüssigung von Machtstrukturen, wovon die Transformation der Reithalle exemplarisch zeugt. Die Inszenierung übernehmen Tom Ryser (Hausregisseur von Ursus und Nadeschkin) und Lillian Stillwell. Eine lustige Geschichte, die in die Wirklichkeit übergeht. Getanzte und besungene Ent- und Ermächtigung.

AARAU Reithalle
Sa, 16. Oktober, 19.30 Uhr (Premiere), So, 17. Oktober, 19 Uhr. Di/Mi/Fr, 19./20./22. Oktober, 19.30 Uhr