«Ein Tresen ist ein Geschichten-Ort»

BÜHNE Simon Libisg und Aaron Hitz laden im Kurtheater zur „letzten Runde“: In „Greatest Hitz“ besingen sie die Bäderstadt und erzählen sich ihre lokalen Alltagsmythen. Ein Interview übers Zechen, das dramaturgische Potential von Bars, das Weggehen und Heimkehren.

TEXT Michael Hunziker BILD Tanja Dorendorf

Schauen mit uns tief ins Glas und in die Stadt: Aaron Hitz und Somon Libsig.

Wo kann man in Baden am besten «zechen» oder auf gut deutsch «id Möscht goh»?

Aaron Hitz: Moonlight!

Simon Libsig: Ja genau, Moonlight, das ist dann aber die letzte Station, nach dem Zechen. Dort triffst du auf alles, was noch kreucht und fleucht. Einsame Nachtfalter, die ums letzte Disco-Licht schwirren.

Hitz: Hat glaub ich kürzlich zu gemacht.

Libsig: Man musste dort klopfen, dann hat der Betreiber sich überlegt, ob er dich reinlässt. Ich bin da auch mal um 10 Uhr morgen wieder rausgekommen. Das ist aber 15 Jahre her.

Hitz: Die Pascha Bar gibt es noch…

Libsig: … mit dem Menu Uno!

 

Was ist das?

Libsig: Eine Stange und dazu ein Kaffee mit Schnaps!

Hitz: Schade, dass es die Seerose nicht mehr gibt. Dort habe ich das Barleben zum ersten Mal so richtig entdeckt.

 

Simon, als Vater gibt es die Gelegenheiten zum gepflegten Zechen nicht mehr so oft …

Stimmt, und das ist gut so. Es gibt einfach mehr Apéros. Und eher Wein als Bier.

 

Habt ihr euch am Tresen kennengelernt?

Hitz: Ja wirklich. Wir sind uns im Trotamundos zum ersten Mal begegnet. Leider hat diese Bar auch dicht gemacht. Alle guten Orte sterben langsam aus, könnte man meinen.

Libsig: Wir hatten dort beide einen Auftritt. Ich mit meinen Slampoetry-Texten, Aaron später mit seiner Band.

Hitz: Ich erinnere mich, einer deiner Texte begann so: Baden ist eine ganz kleine Nummer – Baden ist die Nummer eins.

Libsig: Und du hast dort Tom Waits gesungen! Das hat mich voll reingezogen, «läck du mir». Das Wohnzimmer hat gebebt!

 

Das tönt nach einer wahren Bar-Bromance…

Hitz: Ja, das kann man so sagen. Wir haben uns lange nur in solchen Zusammenhängen getroffen.

Libsig: Ja, immer nur flüchtig. Haben aber die Arbeit des Anderen schon cool gefunden. Zehn Jahre später haben wir es endlich geschafft, etwas zusammen zu machen.

Aaron hat eben gesagt, die guten Orte sterben aus. Euer Stück spielt am Tresen, dreht sich um Lokal- Geschichten, um Erlebtes an teils vergangenen Lieblingsorten. Sehnt ihr euch in diese Zeit zurück?

Libsig: Ich bin ein sehr nostalgischer Typ – nicht im Sinn früher war alles besser, aber es gibt so viel Wertvolles, das ich in den vergangenen Jahren gesammelt habe und von dem ich zehren kann.

 

Was macht den Tresen dramaturgisch interessant?

Libsig: Vielleicht die letzte Runde … In unserem Stück treffen wir uns am Schluss nochmal. Es geht ums Abschiednehmen. Gibt es noch eine, haben wir noch eine letzte Runde? Wir beide lieben Geschichten. Und in einer Bar kommen einfach viele Storys zusammen. Ein Tresen ist ein Geschichtenort.

Hitz: Ich bin wiedermal in der Go-In-Bar gewesen, um mir den Ort anzuschauen, weil wir dort einen Fototermin hatten. Sonst gehe ich da eigentlich selten hin. Es ist dann gleich ein Typ auf mich zugekommen und hat mir seine ganze Lebensgeschichte erzählt, während wir zusammen ein Bier getrunken haben. Solche Begegnungen, flüchtig und sehr intim, gibt es oft nur an der Bar.

 

Oder im Traum …

Hitz: Schall und Rauch. Wie nach einem Theaterabend.

Libsig: Unser Stück wird ja ein Abend zum Nachschenken (lacht). Es soll beides haben, das Euphorische und das Melancholische. Die Party und die Ernüchterung. Die anderen sind nach Hause gegangen und nur du sitzt noch da …

 

… und denkst nach. So spielt der Rausch auch wieder ins Leben zurück.

Libsig: Ja, und der Titel «Greatest Hitz» spielt, neben den Hits aus der Jukebox, auch auf die Situationen an, die die Hitze im Leben erzeugen. Natürlich ist mit Hitz auch Aaron gemeint, der Musik machen wird, zu der ich einsteige. Gemeinsam verlassen wir das vertraute Terrain, die Komfortzone.

 

Werden sich die Leute aus Baden wiedererkennen?

Libsig: Die Geschichten, die ich erzähle, spielen in Baden, und ennet am Fluss, die Leute von hier werden also Orte und Ecken erkennen, und ihre persönlichen Erinnerungen damit verbinden können. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären aber rein zufällig, oder wie das heisst (lacht). Nein, im Ernst. Mein Ziel ist es, dass die Leute bei meinen Geschichten etwas fühlen und sehen, und dass sie die Geschichten fast wie am eigenen Leib erfahren. Nicht, weil es sich in den Geschichten tatsächlich um sie persönlich handelt, sondern weil sie sich in die jeweiligen Figuren hineinversetzen können. Ich suche stets nach dem Universellen im Lokalen. Das Stück soll auch in Brugg oder Aarau oder Olten funktionieren. Es gibt an vielen Orten eine Holzbrücke, eine Schloss-Ruine oder eine Go-In-Bar. Heisst einfach anders.

 

Keine Stories, die du vom Hörensagen her kanntest?

Libsig: Beim Geschichtenschreiben fliesst alles ein was ich aufsauge, aufschnappe, sehe, höre, rieche, fühle, Gesprächsfetzen, Sprüche … es ist immer ein wilder Mix aus Erlebtem, Erfundenem und Geklautem.

 

An der Bar beginnen die Leute zu glühen. Träumen von der Ferne, entfliehen der Enge der Kleinstadt. Ist das auch ein Thema?

Libsig: Es gibt jetzt nicht eine Lobhudelei auf Baden, aber auch keine Breitseite.

Hitz: Genau. Wir werfen einen nicht ganz nüchternen Blick auf die Schlagseite einer Kleinstadt.

Libsig: Die Enge entsteht ja oft durch die Bubble, in der man sich befindet. Als Jugendlicher war ich Skater, da habe ich die Stadt nur aus diesem Blickwinkel wahrgenommen, kannte jede Treppe, jedes Geländer. Dann als junger Erwachsener habe ich Provisorien betrieben, Bars aufgemacht. Dann habe ich die Stadt nur in Bezug auf solche Möglichkeitsräume gesehen. Viele kennen wohl das Go-In nicht und die im Go-In kennen vielleicht nur das Go-In. Das coole ist doch, wenn man solche Bubbles, solche Welten verbinden kann.

 

Aber euch beide hat auch schon das Fernweh gepackt. Ihr seid Zurückgekehrte …

Hitz: Ja, das hatte aber eher pragmatische Gründe. Wegen der Ausbildung bin ich nach Bern gezogen, dann habe ich lange in Solothurn gewohnt, danach in Zürich. Während dieser Zeit bin ich viel an Baden vorbeigefahren und habe mich gefragt, warum eigentlich nicht wieder zurück. Ich befand mich gerade in einer Nomaden-Phase, wohnte drei Monate in Baden bei einem Freund und die Stadt fühlte sich bald wieder sehr nach Heimat an. Und darum wohne ich jetzt wieder hier.

Libsig: Bei mir war es ähnlich. Ich wohnte in den USA, in Paris, dachte ich müsse weitherum kommen, um etwas Bewegendes zu schaffen. Dabei spielt es gar keine Rolle, wo du bist, sondern dass du dich irgendwie zu Hause fühlst.

 

ZU DEN PERSONEN

Aaron Hitz (1984) studierte Schauspiel in Bern, arbeitet als freischaffender Schauspieler an verschiedenen Theaterhäusern, ist in Film- und Fernsehproduktionen zu sehen und als Sprecher für Hörspiele tätig. Simon Libsig (1977) studierte in Zürich und Paris Politikwissenschaften. Er ist als Slam-Poet und Autor von Kolumnen, Kinderbüchern und drei Kurzromanen.

 

LIBSIGS GREATEST HITZ

Simon Libsig und Aaron Hitz präsentieren in Zusammenarbeit mit dem Kurtheater Baden Lokal-Geschichten zum Nachschenken. Sie treffen sich am Tresen und plaudern, dichten und singen aus dem Nähkästchen.

BADEN Kurtheater, Di, 15., Mi, 16.,

Sa, 19. November, 20 Uhr