Eignungstext

Kolumne von Jens Nielsen

TEXT Jens Nielsen

Bald ist wieder Lock-up. Oder wieder nicht. Oder abwechselnd, mal up, mal down. Als Freiberufler, also Barfüssler, denkt man sich, man sollte sich vielleicht verändern, flexibilisieren, um sich anpassen zu können, falls ein Karrierewechsel nötig wird. Man erkundigt sich nach Möglichkeiten. 

Man recherchiert, verschickt die eine oder andere Bewerbung. Und siehe da, man wird zu einem Eignungstest geladen. Bald sitzt man bei dem Test an einem Tisch, vielleicht mit anderen, weil andere den gleichen Plan gefasst. Man denkt etwas. Man schaut sich um im Raum. Und man bemerkt, die Mitbewerberinnen haben keine Tische, keine Stühle. Sie sitzen direkt auf dem Boden. Sie sind in Begleitung, angebunden. Und sie hecheln, geben aber acht. 

Der Test muss kurzfristig geändert worden sein. Wo hat man sich genau beworben? Man merkt, man braucht hier keinen Kugelschreiber, kein Papier liegt einem vor, auch kein Gerät. Und keine Fragen sind gestellt. Nur Anweisungen tönen. Man sieht, man ist in keinem Raum, sondern auf einer Wiese. Dieser Tisch, an dem man plötzlich steht, er ist im Gras, auf Nasenhöhe. Und auf dem Tisch sind interessante Häppchen. Eben will man eines schnappen, das war der Gedanke, den man hatte, keinen sonst. Und los. Da hört man eine Stimme: Pfui! Es rupft einem am Hals. Aha, man ist auch angebunden. Man wendet seinen Kopf, sieht schöne Beine. Sitz! Na gut, man setzt sich ohne Stuhl ins Gras. Brav, hört man sagen. Klingt nicht schlecht. Man beschliesst, es auf sich zu beziehen, warum auch nicht. Und man hofft, trotz unerwartet neuer Situation, dass man geeignet sei.

 

Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule besuchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt: www.jens-nielsen.ch