Durchs «Mausloch», vorbei am virtuellen Gefängnis, in den öffentlichen Raum

Unterwegs mit Andrea Gsell

TEXT Miriam Suter

Der Spaziergang mit Andrea Gsell startet bereits in der Unterführung im Bahnhof Brugg. Die Treppe vom Perron runter, schon stehen wir am Anfang einer Achse, die quer durch die Stadt führt und die sie mir als ihren Wirkungsraum zeigen möchte. Damit befinden wir uns mittendrin in den Themen, die Gsell sowohl in ihrem Schaffen als Künstlerin als auch in ihrer Rolle als Leiterin des Zimmermannhauses am wichtigsten sind: Vermitteln, Verbinden, Zugangschaffen – und dabei Überraschen. Hier in der Unterführung liegt einer der wichtigsten Orte der «Stadtereignisse», ein Projekt, das Gsell 2017 zusammen mit den beiden Kulturschaffenden Lilian Beidler und Nica Giuliani durchgeführt hat.

In der Unterführung – «Mausloch» genannt, die einzige Verbindung für Fussgänger zwischen Windisch und Brugg – fand ein Flashmob mit Oberstufenschüler*innen statt: Die Gruppe nahm einen Grossteil des Platzes ein und bewegte sich im Zeitlupentempo als Formation, die Pendler*innen mussten sich an ihnen vorbei zu den Perrons drängen – eine Aktion, die heute dank Corona noch ferner scheint. «Das war sehr beeindruckend, die Intervention löste unerwartet starke Aggressionen aus. Vor allem bei älteren Leuten, die sich wahrscheinlich dadurch bedroht fühlten. Die Jugendlichen wurden angerempelt und beschimpft.»

Ein paar Schritte aus dem Mausloch heraus können wir unsere Masken ausziehen, sehen uns zum ersten Mal so richtig, und stehen auf dem Neumarktplatz, direkt vor dem Einkaufszentrum. «Das ist ein spezieller Ort, an dem es aus meiner Sicht grosses Potenzial gäbe, etwas zu kreieren.» Potenzial, sagt Gsell, sei sowieso eine Art Schlüsselwort für sie in ihrem Schaffen: Wie wir uns im öffentlichen Raum bewegen, wie er auf uns wirkt und vor allem, was man mit und in ihm anstellen kann, diese Fragen beschäftigen die 46-Jährige in ihrem Wirken immer wieder: «Für mich ist öffentlicher Raum Inspiration wie auch Reibungsfläche. Hier treffe ich öfter auf Widerstände, muss mich mit anderen Meinungen und Haltungen auseinandersetzen – was aber auch immer wieder anspornt.»  

Irgendwo in diesem Spannungsfeld findet Gsell ihren Antrieb. Auch auf dem Neumarktplatz fand im Rahmen der «Stadtereignisse» eine Aktion statt. Was Projekte des Zimmermannhauses angeht, ist der Platz bisher aber nur peripher bespielt worden. Hier besteht für Gsell noch eine weitere Ebene der Reibung: Während sie als Kunstschaffende vor allem draussen arbeitet, in direktem oder indirektem Einbezug der Öffentlichkeit, ist das Zimmermannhaus schon fast eine Art White Cube: Ehemalige Galerieräume, in denen die Strukturen mehr oder weniger klar vorgegeben sind. «Ich versuche, auch Einschränkungen wie beispielsweise bauliche Nachteile als Chance zu begreifen und daraus Möglichkeiten abzuleiten», erzählt Gsell. 

Wir spazieren durch die pittoreske Altstadt und sprechen über den Zugang zu freien Räumlichkeiten, als wir ein leerstehendes Ladengeschäft passieren: «Es ist einiges möglich in dieser Stadt», sagt Gsell. Aber mehr wäre natürlich immer besser. Schliesslich stehen wir vor dem Wahrzeichen Bruggs: dem Schwarzen Turm, einem ehemaligen Gefängnis. Auch diese Räume hat Gsell im Rahmen eines Kunstprojekts schon einmal bespielt: In einer der Zellen befand sich eine raumfüllende Installation der Künstlerin Agatha Zobrist, das Projekt kann via 3D-Rundgänge auch digital angeschaut werden. Nach Beendigung des Projekts wurden die Aufnahmen aus der Gefängniszelle in Google Maps eingespeist – wer möchte, kann Zobrists Installation also noch immer in der Zelle des Schwarzen Turms bewundern.

Wir überqueren die Brücke neben dem ehemaligen Gefängnis, hier ists vorbei mit der Schönheit der Altstadt: Zu unserer Rechten rasen Autos die Hauptstrasse entlang, links von uns hat eine Kneipe ihre Türen geschlossen, durchs Fenster sieht man ein vereinsamtes Bierglas auf dem Tresen. Keine reizvolle Gegend, in der sich vor uns das Zimmermannhaus aufbaut, die Adresse in Brugg für zeitgenössische Kunst und Kammermusik. 

«Es ist echt schade», führt Gsell aus, «dass die städtebaulich gefühlte Verbindung zur Altstadt gekappt wurde. Und dass uns die so wichtige Zugänglichkeit fehlt.» Es gibt strassenseitig keinen Eingang ins Haus, die Türen wurden vor vielen Jahren entfernt und befinden sich nun auf der Rückseite des Hauses. Drinnen bauen zwei Kunstschaffende ihre aktuellen Ausstellungen auf: Jonas Studer und Marianne Badertscher, die beide jeweils einen Raum bespielen. Gsell erklärt fasziniert einen fehlerhaften Farbverlauf an einer neu gestrichenen Wand: Das Schwarz ist nicht ebenmässig, dort, wo der Scheinwerfer auftritt, sieht man eine Unregelmässigkeit. «Das entsteht wohl, weil sich die Farbpartikel durch die Pinselstriche anders richten. Darum erscheint es hier schwarz und hier beinahe grau!» 

Gsell ist eine Kunstschaffende, eine Vermittlerin aus vollem Herzen. Beim Rundgang durch das Zimmermannhaus macht sie immer wieder auf vermeintliche Feinheiten aufmerksam, die der normalen Besucherin nicht auffallen dürften. Etwa die Doppelwände im unteren Ausstellungsraum, die den Blick durch die Fenster auf den Garten im Hinterhof versperren. Oder ein kleiner Zwischenraum zwischen einer Mauer und dem Treppengeländer: «Diesen Raum könnte man doch auch wunderbar bespielen». Seit drei Jahren ist Gsell Leiterin im Zimmermannhaus. Man wünscht der Stadt von Herzen, dass sie noch viele weitere dranhängt.

Miriam Suter ist freie Journalistin

ANDREA GSELL ist Kunstschaffende und seit 2017 Leiterin des Zimmermannhauses in Brugg.