Dreampop zwischen Gent und Baden

Unterwegs mit Hilke

TEXT Miriam Suter

Die Türen vom Royal in Baden sind an einem Samstagnachmittag Anfang November noch geschlossen, an der Tür hängt ein Zettel, dass man bitte das Coronazertifikat und seinen Ausweis bereithalten soll. Hilke Ros steht vor dem Eingang und sagt: «Du meinsch, so ein typisches Royal-Foto, gäll?». Der Schweizer Akzent hat sich in ihre Sprache geschlichen, genauso wie das Kulturzentrum der Stadt vor ein paar Jahren. Wobei, eigentlich war es ein bisschen anders: An der Afterparty, nach ihrem Auftritt am One Of a Million Festival, damals, als wir alle noch um einiges bedenken- und ein bisschen gedankenloser Tanzen konnten, lernte Hilke jemanden kennen. «Wie es halt manchmal so ist an solchen Partys», erzählt sie kichernd. In der Schweiz geblieben ist sie wegen der Liebe, auch wegen derjenigen zur Kulturszene: «Baden ist so interessant, hier passiert so viel, die Leute haben Herzblut für das, was sie machen. Und das alles kommt im Royal auf eine wunderschöne Weise zusammen». Aufgewachsen ist Hilke im belgischen Gent, wo sie Linguistik, Literatur und anschliessend Jazz-Kontrabass studiert hat. Als Kind habe sie klassische Stücke komponiert, erzählt sie, die Faszination für organisches Musikmachen entwickelte sich schon früh. Heute klingt Hilkes Musik zwar eher elektronisch, immer wieder verirren sich darin aber auch analoge Instrumente. Während des Studiums rutschte sie in die Künstler*innenszene, gründete die belgische Dreampop-Band Amatorski mit und tourte international – so landete sie schliesslich in der Schweiz. Es ist diese künstlerische Energie, der enge Austausch zwischen den Künstler*innen, der sie unter anderem hier behielt. Vor ein paar Wochen erschien ihre erste EP als Solokünstlerin, die Aargauer Urgesteine Frank Powers, Odd Beholder und der Belgier Gregory Frateur sind darauf auch zu hören.

Samtig-düsterer Trip

«Corona war diesbezüglich eigentlich eine gute Zeit», sagt Hilke. Plötzlich hatten alle sehr viel Zeit für die Musik, und nachdem der erste Schock, die erste Existenzangst überwunden waren, sprudelte die Kreativität. Ungefähr vier Jahre arbeitete Hilke insgesamt an ihren Songs, sieben Stücke ergeben zusammen das Erstlingswerk «Silent Violent». Es ist ein düsterer Trip, immer wieder samtig eingepackt in Hilkes Stimme. Zu Beginn habe sie gar nicht so viel selber singen wollen, erzählt sie. Die eigene Stimme zu finden war ein Prozess, der mehrere Jahre in Anspruch nahm – sowohl metaphorisch als auch physisch. Die Stücke auf «Silent Violent» setzen sich vor allem mit Genderanliegen auseinander. Auf «The T» erklärt Hilkes melancholische Stimme, wie Männer an machoidem Verhalten scheitern, wie sie daran zerbrechen können – und sich trotzdem immer wieder dahinter verstecken. «Ich habe in meinem eigenen Umfeld gesehen, wie Männer immer wieder gewaltvoll auf Konflikte reagieren, statt sich mit ihren Emotionen auseinander zu setzen», sagt sie. Der Gesang auf ihrem Album soll nicht klar einem Geschlecht zugewiesen werden können, so Hilkes Vorhaben. Wie singt ein Mann? Und wie eine Frau? Und was ist mit allen Geschlechtsidentitäten dazwischen? Dort, wo sich alles verwebt, wird es für Hilke spannend. Heute, sagt sie, würde sie die Songs wohl anders aufnehmen. Anders singen. Vielleicht sogar andere Texte schreiben. «Aber ich bin keine Perfektionistin, für mich ist Musikmachen immer auch eine Art Abbild der momentanen Lebenssituation, in der ich den Song aufgenommen habe», erzählt Hilke.

Dass sie sich in ihrer Kunst immer wieder mit dem Thema Gender beschäftigt, hat auch einen ganz direkt persönlichen Hintergrund: Hilke ist nicht als biologische Frau aufgewachsen, also auch nicht biologisch weiblich sozialisiert worden. Vor ungefähr acht Jahren lernte sie in ihrem queeren Umfeld in Gent eine Musikerin kennen, die vor kurzem ihre Transition – also die körperliche Anpassung an ihr soziales Geschlecht – angefangen hatte: «Ich fühlte mich von ihrer Geschichte so abgeholt, ich dachte: Das bin ja ich, bei mir ist das auch so.» Die Frage, wie sich Frauen und Männer in unserer Gesellschaft bewegen, bewegen können, und wo sie eingeschränkt werden, bekam also über die nächsten Jahre einen direkt persönlichen Bezug für die Musikerin: «Erst nachdem ich die Texte für mein Album geschrieben habe, begann ich, mehr feministische Literatur zu lesen. Und für mich kristallisierte sich die Frage heraus, wie es ist, als Frau aufzuwachsen. Ich habe das selber ja so nicht erlebt.»

Ist Belgien fortschrittlicher als die Schweiz, was Genderfragen und Gleichberechtigung angeht? Nicht unbedingt, findet Hilke. Dass wir hierzulande jüngst nochmals über die Ehe für alle abstimmen mussten, sei natürlich beschämend, «das haben wir in Belgien ja schon lange eingeführt.» Trotzdem: In den letzten Jahren, in denen Hilke in der Schweiz ihr neues Zuhause gefunden hat, hat sie eine ganz klare Entwicklung im politischen Bewusstsein der Bevölkerung festgestellt: «Der Frauenstreik 2019 war zum Beispiel ein absolutes Highlight für mich, so etwas habe ich in Belgien nie erlebt». Es ist dieses politische Bewusstsein, das Hilke auch in ihrer Kunst widerspiegeln will. Eigentlich hätte sie gern mit viel mehr Frauen zusammengearbeitet – aber die meisten hätten zu lange gezögert, oder wieder ganz abgesagt. Trauen Frauen sich auch in der Musik noch immer zu wenig zu? «Ich glaube, auch da ändert sich gerade einiges. Aber damit ich für mein nächstes Album problemlos aus mehreren Mischerinnen auswählen kann, braucht es schon noch einen weiteren Schritt in diesem Prozess.» Ein Prozess, zu dem Musikerinnen wie Hilke mit ihrer Kunst einen wertvollen Beitrag leisten.

 

Miriam Suter ist freie Journalistin

 

ZUR PERSON

Von Gent nach Baden, von Linguistik, Literatur und Kontrabass zu elektronischer Musik und Medienkunst: Hilke Ros thematisiert in ihren Werken Geschlechteridentitäten