Die Rolle der Kunst in Zeiten des Kriegs

Unterwegs mit Ira Zaichenko und Katya Che

TEXT Donat Kaufmann

Thematisieren ihre Fluchterfahrungen im Stück «L’viv vivid»:Katya Che (r.) und Ira Zaichenko (l.). Selbstporträt.

Die Sirenen heulen. Aus Lautsprechern dröhnt eine motorische Stimme: Alle 18 bis 60-jährigen Männer im Saal sollen sich beim rechten Bühnenrand einfinden. Es herrscht allgemeine Wehrpflicht. Sie sollen eingezogen werden. Die Anspannung im Publikum ist spürbar. Einige Männer blicken sich verunsichert an. «Müssen wir jetzt tatsächlich …?» Niemand steht auf. Plötzlich strömen von allen Seiten Menschen in die Halle. Viele Frauen, einige Kinder, wenige Männer. Die ersten Sekunden ihrer Flucht sind auch die ersten Sekunden des aussergewöhnlichen Stücks «L’VIV VIVID», welches vergangenen Mai in der Aarauer Aeschbachhalle erstmals aufgeführt wurde und über die Sommermonate weiter gezeigt werden soll.

«L’VIV VIVID» (Deutsch: Lemberg lebendig) ist eine Genre einschmelzende Aufführung zwischen Theater, Konzert und Zirkus, von und mit geflüchteten ukrainischen Artist*innen, Musiker*innen und Tänzer*innen. In Zusammenarbeit mit dem Schweizer Showproduzenten Dominic Ulli haben sie ihre individuellen Fluchtgeschichten zu einem kollektiven Narrativ verwoben. Das Stück erzählt davon, wie die Menschen ihre Heimat Hals über Kopf verliessen, ohne Plan nach Westen aufbrachen und schliesslich in der Schweiz landeten – zumindest körperlich. Wie sie hier in einem paradoxen Zustand leben. Physisch in Sicherheit, untergekommen in Aarau, Oberfrick oder Basel. Mit den Gedanken aber weit weg: In Odessa, Mariupol oder Kiew. Bei Partnern, die nicht ausreisen dürfen oder viel schlimmer: es nie mehr werden. Bei Eltern, die nicht wollten, bei Freund*innen, die nicht konnten.

«L’VIV VIVID» entstand innerhalb von 10 Tagen, mit einem absoluten Minimum an Budget und Requisiten. Bühnenbild und Kostüme gibt es nicht, die Artist*innen tragen, was sie trugen, als sie hier ankamen. Das Stück lässt sich schwer einordnen, schon gar nicht emotional. Sie wüssten selbst nicht genau, was «L’VIV VIVID» eigentlich sei. «Eine Performance im engeren Sinn ist es aber nicht» sagen Katya Che und Ira Zaichenko einstimmig. «Wir spielen ja nichts». Es ist ein sonniger, viel zu warmer Nachmittag. Wir sitzen im verschlafenen Café vor der Aeschbachhalle. Um die Ecke spielen ukrainische Kinder, die mit ihren Familien die ehemalige Garderobe der Halle bewohnen. Die Rapperin und Sängerin Katya Che und die Tänzerin Ira Zaichenko kommen gerade aus der Probe. Im Sommer soll ihr Stück wieder aufgeführt werden. Keine Frage, das sei anspruchsvoll. «Wir kehren jeden Abend zum ersten Kriegstag zurück, durchleben wieder und wieder die gleichen Momente» sagt die 33-jährige Katya Che, die vor dem Krieg in Kiew lebte und zuletzt bei der ukrainischen Ausgabe von «The Voice» mitwirkte. Dennoch fühle sich das Stück nie identisch an. «Ich weiss zwar, dass ich weinen werde während der Aufführung. Ich weiss aber nicht, wann». Sie sagt das mit einem Lachen, das so ungefiltert wirkt wie das Stück selbst. Sie befinde sich in einem emotionalen Schleudergang. Denn was neben dem Schmerz ebenfalls alle Abende verbinde, sei dieses überragende Gefühl der Solidarität und Gemeinschaft. Zwischen den Artist*innen auf der Bühne, aber auch zwischen ihnen und dem Publikum. «Selbst wenn das nur ansatzweise gelingen kann: Unsere Gefühle, aber auch unser Talent mit dem Schweizer Publikum zu teilen, ist befreiend ». Ganz zu schweigen davon, was es auslöse, «L’VIV VIVID» mit den zahlreichen ukrainischen Staatsangehörigen zu durchleben, die den Weg in die Aeschbachhalle fanden. «Als wären wir plötzlich eine grosse Familie.»

Ira Zaichenko neben ihr nickt zustimmend. Wie Katya Che kam die 30-jährige Tänzerin, die in einem Kiewer Tanzstudio arbeitete und ein Modelabel betrieb, durch einen Zufall in die Schweiz und zu dieser Aufführung. Über eine Chatgruppe erfuhr sie von Dominic Ulli und dem Plan, dem Krieg künstlerisch zu begegnen. Es habe allerdings einige Zeit gedauert, bis sie sich habe einlassen können auf das Stück. In den ersten Tagen nach der Ankunft sei sie wie gelähmt gewesen. Die Musik lief, aber ihr Körper wollte sich nicht bewegen. 

Irgendwann verwandelte sich die Blockade in eine kathartische Energie. In «L’VIV VIVID» steht Ira Zaichenko einmal ganz alleine vor der Bühne. Sie hält inne, beginnt zu tanzen, ihre Bewegungen sind so flüssig und hypnotisch, dass man den Moment verpasst, als sie sich – nun auf der Bühne – vor dem Publikum aufbaut und ihre weisse Bluse rot verschmiert ist. Das Blut klebt an ihren Händen, an den Armen, es ist überall.

«Ich wollte dem Schmerz der ukrainischen Frauen eine Form geben – der psychischen und physischen Gewalt, denen sie in diesem Krieg ausgesetzt sind». Sie holt Luft, richtet sich auf. «Wir haben keine Wahl. Der Weg aus diesen Erfahrungen führt einzig nach vorne. Wir müssen sie thematisieren».

Erst allmählich beginne sie zu verstehen, zu was Kunst fähig sei, sagt Katya Che. «Sie kann dort Erklärung liefern, wo die Sprache aufhört.» So habe sich auch ihr Verhältnis zum eigenen Schaffen verändert. Die Texte, die Musik, «sie kommen nun von einem tieferen Ort». Suchte sie früher nach Worten für Songs, sprudelten diese nun plötzlich wie von selbst aus ihr heraus. Die Rolle der Kunst in Kriegszeiten wird auch im Stück verhandelt. Wenn Katya Che über diese spricht, presst sie immer wieder ihre Finger zusammen und drückt sie gegen den Brustkorb, als wolle sie etwas herauszuziehen. So schmerzhaft es sei, die Erlebnisse und Gefühle Abend für Abend an die Oberfläche zu holen: «Kunst hat die Kraft, sie zu transformieren.» Von Donat Kaufmann

 

KATYA CHE UND IRA ZAICHENKO

33 und 30, leben derzeit beide in Basel. Sie sind Teil von «L’VIV VIVID», einer Produktion von geflüchteten Artist*innen aus der Ukraine. Derzeit suchen die Macher*innen von «L’VIV VIVID» nach weiteren Spielorten.

Kontakt: mail@the-art-of-show.ch