Die Jugend, das Dorf, das Leiden und Schreiben

LITERATUR Aus demselben Dorf, aus derselben Generation und mit derselben Berufung blickt Klaus Merz auf fünfundzwanzig gemeinsame Dichterjahre mit Hermann Burger zurück. Zum 80. Geburtstag des verstorbenen Wortzauberers Hermann Burger hat das Tab Reinach ein vielfältiges Programm kreiert, um den Autor wieder zu entdecken. Klaus Merz stand dem Projekt Pate.

TEXT Michael Hunziker BILD David Zehnder

Klaus Merz spricht über zwei Dichterleben – über das Seinige und das von Hermann Burger.

Die Felder im Wynental sind ockerfarben. Es ist ein Sommer­ tag, der kein Datum braucht, weil er uns gleich aus der Zeit führen wird. Die Jalousien in Klaus Merz Stube sind herunter­ gelassen, wie vor einer Filmprojektion. Wir sitzen an einem Tisch und starten die Reise in die fünfziger Jahre. In ein Dorf namens Menziken­Burg, in die Kindheit von Klaus Merz, dessen Leben und Schaffen sich an mehreren Stellen mit jenem des verstorbenen Hermann Burgers berührte, ab­ stiess, spiegelte. Es wird eine Tour, entlang innerer und äusserer Horizonte – Kindheit, Schreiben, Erfolg und Wahnsinn: Ein Blick auf zwei Dichterleben, die sich nebeneinander und sehr unterschiedlich entfalteten.

 

Klaus Merz, wie fühlt es sich an, auf Hermann Burger und somit auch auf das eigene Leben zurückzuschauen?

Das Erinnern ist ja Teil unseres Geschäfts. Davon zehren wir Schriftsteller. Als mir die Leute vom Tab ihr schönes Vorhaben vortrugen, ist mir vieles wieder in den Sinn gekommen. Vorab der 28. Februar 1989. Ich war eben von einem Berlinaufenthalt zurückgekehrt, als ich einen Anruf erhielt. Der Tages Anzeiger bat mich, etwas zu schreiben. Als wüsste ich bereits, worum es ginge, dass nämlich mein Kollege Hermann Burger gestorben sei. Dieser Schock kam mir als erstes hoch. Und der Gedanke, dass man jetzt besonders aufpassen muss, nicht über einen fiktiven Hermann  zu sprechen und zu schreiben, wozu er einen ja selber permanent verleitet hat. Sich also nicht nur an Anekdoten oder seine Illustrizität zu verlieren. Es wurde über die Jahre ja so viel kolportiert, seine vermeintliche Zugehörigkeit zur Stumpendynastie Burger etwa, die er mit seinem eigenen Zigarrenrauch augenzwinkernd vernebelte. Oder sein roter Ferrari, der sich in unserer kollektiven Erinnerung, nebst der Zauberei, als sein oberstes Markenzeichen geradezu festgefahren hat. Dabei wäre Hermann Burger vor allem in seinen eindrücklichen Texten zu begegnen.

 

Wie haben Sie Hermann Burger überhaupt kennengelernt?

Unsere Väter hatten sich schon von früh auf gekannt. Später warben die Burgers meine Eltern für die Moralische Aufrüstung an. Die MRA, eine frühe evangelikal­konservative Bewegung aus den USA, richtete sich zur Zeit des Kalten Krieges pauschal gegen alles Links-Abweichlerische, forderte den schmalen Staat und propagierte einen moralischen Absolutismus. Für meine Eltern mit ihrem strengen Bäckerei­ Alltag und unserer steten Sorge um meinen kranken Bruder war das Programm der MRA rein zeitlich, aber auch vom rigiden ideologischen Inhalt her, nicht lange mitzuhalten. Was aber blieb, war eine lose Verbundenheit mit den Burgers.

 

Gab es so etwas wie eine erste Begegnung?

Wahrscheinlich war das in unserer Bäckerei. Nach Schulschluss drucksten sich oft die grossen Schüler, die ich be wunderte, in unserem Laden herum. Sie lachten zusammen, warteten auf eine überzählige Crèmeschnitte meines Vaters und hänselten Hermann, sie nannten ihn Daniel Düsentrieb. Er war ja so vielfältig begabt, und er blieb ihnen auch nie eine Antwort schuldig.

 

Wie sah der Junge Klaus den drei Jahre älteren Hermann? Wirkte er cool, war er nahbar?

In meiner heutigen Erinnerung sehe ich ihn als einen grossen, schlaksigen «Löigu», wie man im Dialekt sagt. Vif, lustig, etwas linkisch. Und auf unserem Schulhausplatz dennoch ein passionierter Rad­ und Fussballspieler.

 

Ist er nie mit Autoritäten kollidiert?

Ich selber erlebte ihn als eher angepasst, schon als junger Mann ist er ja dem Rotaryklub beigetreten, während in Aarau die gleichaltrigen Maler am Ziegelrain in Sachen Kunst experimentierten. Thomas Mann war ihm wohl als Künstlerfigur näher als ein Jackson Pollock. Später dann nannte er Thomas Bernhard seinen eigentlichen «Prosalehrer».

 

Wie war es bei Ihnen?

Ich fühlte mich in der Nähe von Günter Eich oder Giorgio Morandi wohler. Und stand den gesellschaftlichen Tonangebern zunehmend skeptisch gegenüber. Dennoch hat ten wir viele gemeinsame Verwandte: Gottfried Benn etwa, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, und auf dem Kapf natürlich Erika Burkart. Sie war nicht nur Vorbild. Sie war ein Ort, eine Seele, nahm uns ernst. Ich war mit 18 das erste Mal bei ihr, wie Hermann wohl auch. Und eines Tages sagte Erika zu mir, jetzt kommt dann noch ein komischer Vogel vom «Du» (Kulturzeitschrift, Anm. d. Red.) vorbei. Das war Ernst Halter. Ihr späterer Gemahl (lacht).

 

Wurden Burger und Sie je Freunde?

Freunde vielleicht nicht, aber wir waren einander freund schaftlich verbunden. Schon als junge Autoren sind wir einander mit viel Respekt begegnet. Wir trafen uns auch
mit anderen Autoren, mit Hans Boesch, Silvio Blatter, Arthur Hächler, Gastgeber war Jannis Zinniker, Lyriker und Lehrer in Schiltwald. Im Estrich des Schulhauses diskutierten wir zusammen eigene Texte. Die Gruppe 47 liess grüssen. 1967 debütierten Hermann und ich dann beide mit Lyrikbänden, «Rauchsignale» von ihm, «Mit gesammelter Blindheit» von mir. Seine feinsinnige Rezension dazu, die anfangs 1968 im Aargauer Kurier erschien, eröffnet nun auch die Materialiensammlung, die im Herbst im Rahmen meiner Werkausgabe erscheint. Aber eigentlich blieb uns gar nicht so viel gemeinsame Zeit. Circa fünfundzwanzig kurze Schriftstellerjahre.

 

Wie kann man sich Menziken-Burg in den 50er-Jahren vorstellen?

Es gab mehrere Bäckereien, Metzgereien, Bauernhöfe, die Aluminiumindustrie, Stahlwerke etc. Es war einfach alles da, von den Büezern bis zu den Direktoren. Eine ganze Welt eben. Zudem lag das Dorf an der Demarkationslinie der beiden grossen Konfessionen: Fasnacht oder nicht Fasnacht. Sünden vergeben, Sünden nicht vergeben. Das war auch für Hermann wichtig. Seine Tante war unsere Sonntagsschul lehrerein. Und der Landessender Beromünster blieb stets in Reichweite, unsere Verbindung zum Rest der Welt.

 

War dieser Kosmos nicht auch eng?

Bestimmt ... aber es war eine Welt! Um abzustossen, brauchst du einen Ort, der dagegenhält. Und das hat uns das Dorf geboten. Hermann zog es mehr ins Phantastische, mich mehr in die Tiefebenen unserer Existenz hinaus. Er war ein Planer, Text­Architekt, hatte über Celan dissertiert. Ich hatte das Lehrerseminar Wettingen mit seinem legendären Hang zur humanistischen Breitenbildung durchlaufen. Ich wurde ein literarischer Wünschelrutengänger, der nach Wasser-, nein, Lebensadern sucht. Hermann ein gewiegter Wortjongleur.

 

Hattet ihr in diesem ländlich konservativen Milieu auch Personen, die euch förderten?

Wir hatten Mathilde Rey. Sie war eine Bezirksschullehrerin, die jahraus­jahrein ein blaues strenges Kleid trug. Im Winter einen grauen breitkrempigen Goethehut, im Sommer einen Strohhut. Sie war im Dorf die erste Gender­ Person, wenn man so will. An der Schule hatte sie es als emanzipierte, ausserordentliche Frau nicht einfach. Aber sie prägte uns als Deutschlehrerin. Und alle, die an eine Mittelschule wollten, gingen bei ihr zum privaten Stützunterricht. Zudem war sie die Erfinderin der Leuchtstifte. Wir hatten die Wortarten sorgfältig mit Farbstiften zu markieren. Und wenn wir diese mit der Zunge etwas anfeuchteten, leuchteten die Farben, unvergesslich. So sind wir auch grammatikalisch gut gerüstet ins Leben hinausgetreten.

 

Wussten Sie damals schon, dass Sie das Lehrerseminar besuchen wollen?

Eigentlich wusste ich nur, dass ich das Geschäft meines Vaters und Grossvaters nicht übernehmen wollte. Mein Vater, dem mein Entscheid recht war, hatte für mich eine kaufmännische Lehre bei der Bank in Menziken vorgesehen. Für das mittlere Gewerbe war ein solcher Schritt das Naheliegendste. Dann kam aber Mathilde Rey vorbei, kaufte ihr rundes ruches Pfünderli und sagte zu Vater: «Hören Sie, ihr Sohn sollte ins Lehrerseminar eintreten, so wie er Aufsätze schreibt. Ich helfe ihm.»

 

Eine verdankenswerte Person ...

Ja, sehr! Seltsamerweise haben sowohl Hermann wie ich sie literarisch praktisch beiseite gelassen. Dabei war sie doch unsere Förderin. Nein, nicht ganz, im letzten Buch «firma» habe ich ihr ein kurzes Kapitel gewidmet.

 

Auch Ihre Familie entsprach nicht den Normen. Ihr Bruder hatte eine Behinderung, der Vater eine späte Epilepsie, die Mutter Depressionen. In diesem kleinen Kosmos, der nichts vergisst und alles registriert, stelle ich mir das sehr belastend vor.

Durch meinen Bruder Martin, der einen sogenannten Wasserkopf hatte und nicht selber gehen konnte – er schrieb übrigens sehr feine Gedichte – standen wir gesellschaftlich sowieso etwas am Rand. In unserer Familie hat sich dadurch aber eine ungemeine Wärme entwickelt. Mein Grossvater etwa ging fast jeden Tag mit Martin spazieren. Er hatte ihm ein Spezialrad bauen lassen, und so waren sie zusammen unterwegs. Ein denkwürdiges Paar. Wir genossen im Dorf wohl auch so etwas wie Immunität, was das Tratschen betraf. Bei uns in der Bäckerei liefen ja auch viele private Geschichten zusammen. Die Leute kamen zum Erzählen, nicht nur für Brot. Für mich als kleiner Verkäufer hinter dem verglasten Tresen spielte sich in unserem Laden die ganze menschliche Komödie ab, lange bevor ich diesen Begriff überhaupt kannte.

 

Wie hat denn bei Ihnen das Schreiben angefangen?

Gleich ab der ersten Klasse des Lehrerseminars. Unser Deutschlehrer ist mit uns nicht im Mittelalter eingestiegen, sondern hat uns zuerst neue Nachkriegsliteratur zu lesen gegeben. So habe ich gemerkt, dass das Schreiben für mich eine Möglichkeit ist, das Leben auszubuchstabieren, ihm eine Sprache zu geben. Die Fremdheit, in die wir hineingeboren werden, zu benennen. Schreiben heisst Namen geben. Das klingt fast biblisch.

 

Schreiben Sie zur Bewältigung?

Ich glaube nicht, dass man sich durchs Schreiben therapieren kann, aber man kann sich austarieren. Das Beste am Schreiben sind sowieso nicht die Auftritte und das fertige Buch, sondern das Dransein. Am Tisch zu sitzen, zu arbeiten und Abenteuer zu erleben. Das ist die Sensation, das ist das Beglückende. Von den ersten Versuchen an erlebte ich das Schreiben auch als Stütze. In einem frühen Tagebuch habe ich das gezeichnet (zeigt eine Kopie einer Zeichnung). «Am Schreiben gehen» hat viele Jahre später Paul Nizon für sich formuliert. Das bringt es auf den Punkt. Auf der Zeichnung ist es sogar noch deutlicher: Schreiben ist keine Krücke, sondern in den Körper integriert. Als «Brunsleben», der erste Band der bereits angekündigten «Brenner»­ Tetralogie, erschienen war, war der Bleistift bei Hermann vielleicht schon etwas zu weit heruntergeschrieben. Und das kann Angst machen. Nur einen Tag nach Erscheinen des Bandes ist Hermann aus dem Leben geschieden.

 

Waren Sie und Burger, als beide Erfolg hatten, auch Konkurrenten?

Wir hatten schon solche Situationen. Als «Vier Vorwände ergeben kein Haus» im Herbst 1972 erschien, brachte es Hermann als Feuilletonredaktor beim damaligen Aargauer Tagblatt fertig, erst im kommenden Januarloch eine Besprechung zu publizieren. Das nahm ich ihm schon übel und wir hatten einen kurzen Briefwechsel. Das hat sich dann aber gelegt. Ein paar Jahre später hat er mir zu «Tremolo Trümmer» eine Karte geschrieben: «Klaus, dieses Buch hätte ich auch gerne geschrieben.» Ihm blieb nur noch ein Jahr. Aber seine Hauptwerke standen schon unverrückbar da.

 

1984 hätten Sie beide, gewissermassen gegeneinander, am Bachmannpreis wettlesen sollen.

Ja, das stimmt. Er war von Reich­Ranicki eingeladen, ich von Adolf Muschg. Auf einmal hiess es, Hermann käme nicht. Langsam machte das Gerücht die Runde, er hätte den Siege-Text noch nicht fertig geschrieben. Und prompt nahm er das folgende Jahr teil und gewann. Wenn Reich­Ranicki jemanden im Köcher hatte, so hiess es, dann musste es auch was werden. Sonst bestand zwischen Hermann und mir aber kein heftiges Konkurrenzverhältnis, wir gingen ja sehr eigene Wege. Und ich bin mir sicher, Hermann hätte sich mit mir über den Friedrich Hölderlin-Preis von 2012 gefreut, den er als erster Preisträger 30 Jahre zuvor schon erhalten hatte: Ausgerechnet zwei «Menziker» in der Stadt Bad Homburg vor der Höhe ...

 

Gelungene Prosa funktioniert ja wie ein Zaubertrick. Steht man als Autor in der Versuchung, herauszufinden, wie es der andere macht?

Natürlich schaut man genau hin. Aber wir beide haben doch sehr unterschiedliche Ausdrucksträume mit uns herumgetragen. Wenn ich aber nur einen Text von ihm nennen sollte, dann wäre es, vor «Schilten» oder «Diabelli» die Erzählung «Blankenburg». Hier komme ich Hermann am nächsten. Nicht nur dem Künstler, auch dem Menschen.

 

Gab es bei Ihnen selbst Texte, bei denen Sie der eigenen Geschichte zu nahekamen?

In «Latentes Material» beschreibe ich, wie wir (m)einen Bruder nach Königsfelden bringen mussten, weil der Druck in seinem Kopf wieder zu gross wurde und er zu halluzinieren begann. Das war schon sehr nahe an der eigenen Geschichte. Den autobiografischen Stoff von «Jakob schläft» aber hatte ich lange mit mir herumgetragen, bis ich 50 Jahre alt war. Als ich dann mit der Niederschrift begann, waren alle, über die ich schrieb, bereits tot. Ich sass zwei Jahre an «Jakob» und wusste, das ist ein Zentralstoff. Ich musste niemandem mehr Rechenschaft ablegen und das war für das Buch sehr wichtig. Ich konnte die Figuren freier miteinander mischen und fiktionalisieren. Die Sprache stand im Zentrum. Ich habe nie verstanden, warum Autor*innen in einem literarischen Werk, lebende Personen in die Pfanne hauen. Da lauert doch meist Häme dahinter, die in der Literatur nichts zu suchen hat.

 

Wie arbeiten Sie eigentlich? Machen Sie sich viel Notizen?

Mit 70 habe ich eigentlich aufgehört, regelmässig zu notieren. Vielleicht auch um den besagten Bleistift zu schonen. Und ich war immer überzeugt, man solle nicht nach dem Stoff grapschen, sondern warten, bis einen die Geschichte von selbst packt. Daran habe ich mich zumeist gehalten. Die ersten Rudimente zu «firma» lagen fast 20 Jahre auf dem Tisch. Wenn es dann los geht mit dem Schreiben, kann das erstmal in alle Richtungen gehen.

 

Und wenn Sie merken, dass Sie auf dem falschen Weg sind, kippen Sie dann seitenweise Material weg?

Nein, eigentlich nicht. Nur in zwei Fällen habe ich draussen im Garten Manuskripte verbrannt. Was ich mittlerweile etwas bedauere.

 

Warum denn? Haben Sie diese Texte am Weiterschreiben gehindert?

Ich hatte das Gefühl, wieder einmal reinen Tisch machen zu müssen. Und das war vielleicht im Nachhinein nicht sehr klug, aber auch gut. Ich bohre mich ja langsam in meine Stoffe hinein, gehe Satz für Satz vorwärts.

 

Sie schreiben los, ohne narrativen Bogen?

Nein, ich muss schon wissen, wo ich dann aus diesem Tunnelbau wieder herauskomme. Anfang und Schluss, wenigstens die Ahnung davon, stehen im Vornherein fest.

 

Und verirren Sie sich nie im Tunnelbau?

Eher selten, das hat mit meiner langsamen, beharrlichen Arbeitsweise zu tun. Ich kann mich gar nicht verrennen, weil ich gar nie renne.

 

Das braucht viel Selbstbeherrschung ...

Vielleicht, es fasziniert mich halt zu wissen, wo ich stehe, bevor ich weitergehe oder umkehren muss. Selbstbeherrschung? ... Sie meinen, ich sei ein Kontrollfreak?

 

Eher konsequent. Sie unterwerfen alles Ihren ästhetischen Regeln.

Ja, aber einen fixen Plan habe ich dennoch nicht. Der Text entfaltet sich im Rahmen meiner Ethik und Ästhetik. Ich habe es zwar immer bewundert, wenn Autorinnen
und Autoren ganze Pläne ihrer Werke aufgezeichnet haben. Das hat bei mir nie funktioniert. Auch Konzepte habe ich nicht erstellt, meine Texte jedoch erst abgeliefert, wenn
ich spürte, dass sie jetzt bei sich selber angekommen waren. Klar wird noch kritisch gegengelesen. Aber mir war immer wichtig, dass das Lektorat nicht zu viel Platz einnimmt.
Da gibt es ja auch andere Verfahrensweisen. Von einem Autor habe ich kürzlich gelesen, dass er seinem Lektor am Abend eine Mail schreibt und fragt, ob er am nächsten Tag so an seinem Text weiterarbeiten könne. Das wäre für mich undenkbar.

 

Burger wie auch Sie schreiben über gebrochene Menschen, die am Gewicht der Welt oder am eigenen Gewicht, den eigenen Ansprüchen leiden. Letztlich hat das psychische Leiden Burger selbst eingeholt. Wie haben Sie das miterlebt?

Wir haben von ihm vor allem die manische Seite gekannt. Viele Leute haben sein Verhalten lediglich als Geltungsdrang abgetan. In seinen Texten ist aber auch seine dunkle Seite stets gegenwärtig.

 

Was ist Ihre letzte Erinnerung an Hermann Burger?

1988 gab es um das Aargauer Kunsthaus herum ein grosses Kulturfest. Nach einer gemeinsamen Lesung aus den Neuerscheinungen dreier «Menziker» Autoren, Martin Dean, Hermann Burger und mir, sassen wir zusammen am Tisch, tranken und assen. Bei Hermann fiel mir der Teint des Selbstgebräunten ins Auge, er trug viel Schmuck und liess sich von seiner Freundin, die Ärztin war, immer wieder den Puls fühlen. Irgendwann sagte er zu mir, «übrigens, du bist der nächste, der den Aargauer Literaturpreis gewinnt.» «Hör auf!», sagte ich. Hermann streckte mir seine Hand entgegen: «Was wetten wir? Eine Flasche Chateau Lafite Rothschild!» – Ich habe zuerst leer geschluckt, ein teurer Tropfen. – Darauf haben wir wiehernd eingeschlagen. Ich war dann erst der übernächste Autor, der den Preis bekam und Hermann war schon nicht mehr da. Wir sind also mit einer offenen Wette auseinander gegangen.

 

Er müsste sie einlösen ...

Ja, oben dann. Oder drüben.

 

KLAUS MERZ

(*1945) ist wie Herman Burger in Menziken-Burg aufgewachsen. Sein Werk umfasst diverse Gedichtbände, Erzählungen und Romane, für die er zahlreiche Preise erhalten hat, u.a. den Solothurner Litera­ turpreis, den Gottfried­Keller­Preis und den Friedrich­Hölderlin­Preis. Zuletzt erschienen «firma. Prosa Gedichte», 2019 im Haymon Verlag.


 

LEBEN AUS WÖRTERN

BÜHNE «Hermann Burger – Ein Leben aus Wörtern» ist ein Schwerpunktprojekt des Tab Reinach, das sich mit verschiedenen Formaten dem schillernden Aargauer Autor Hermann Burger und seinem Werk nähert. Burger, am 10.Juli 1942 geboren, hätte heuer seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, wäre er nicht 1989 freiwillig aus dem Leben geschieden. Das Tab würdigt den in Menziken aufgewachsenen Schriftsteller mit einer grossen Retrospektive, mit Lesungen, einem Bühnenstück, Filmen und Podien.

Den Auftakt macht ein audioperfomativer Spaziergang durch das Dorf Menziken, inszeniert von Gunhilde Hamer. Das Publikum ist eingeladen, mit Soundcollagen an Originalschauplätzen wie etwa dem ehemaligen Klassenzimmer in Burgers Leben und Zeit einzutauchen. Im Anschluss gemeinsames Nachtessen im Tab.
Vom 9. bis 24.September (mehrere Daten, Programm: www.tab.ch)

 

Podiumsgespräche: Zeitgenoss*innen denken über Hermann Burger nach. Moderiert von Nadia Pfendsack.
So, 11.September, 11 Uhr. Mit Karl Gautschi und Kurt Oehler, Fachpsychologe für Psychotherapie.

So, 12. März 2023, 11 Uhr. Mit Klaus Merz, Autor und Jugendfreund, Simon Zumsteg, Historiker
Burgers Kindheiten: Lesung mit Claudia Storz und Alexander Müllenbach. So, 23. Oktober 11 Uhr

«Schilten, lustig bis zum Wahnsinn»: Das Ensemble des Tab inszeniert den Debutroman Burgers. Premiere 3.März 2023.