Die Emanzipation ist nicht zu Ende

POLITIK In den letzten fünfzig Jahren haben Frauen mit ihrem Engagement viele gesellschaftliche Erfolge erkämpft, die wir heute als Selbstverständlichkeit erachten. Und noch ist längst nicht alles erreicht, was eigentlich selbstverständlich sein müsste – ein Essay von Denise Schmid zum Jubiläumsjahr des Frauenstimmrechts.

TEXT Denise Schmid

Der Frauenstreik von 1991 gilt als die grösste öffentliche Mobilisierung seit dem Landesstreich 1918. Foto: Sozialarchiv Zürich

Eigentlich verrückt, dass rund 70 Jahre nach Simone de Beauvoirs «Das andere Geschlecht», gut 60 Jahre nach Iris von Rotens «Frauen im Laufgitter» und fünfzig Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts noch immer das Bedürfnis besteht, zu erzählen, was die Hälfte der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten errungen hat, wo sie stand und wo sie steht. Doch wer zurückblickt, sieht, wie zäh die Kämpfe waren. Wie viel Mut und Widerstand, wie viele Demonstrationen, Volksinitiativen, Einzelaktionen, Vorstösse und Publikationen es brauchte. Vielstimmig war der Feminismus von Anfang an. Der Nenner Frau ist gross, und was die einen über die Mitarbeit in den bestehenden Institutionen zu erreichen hofften, gingen die anderen viel radikaler an. Befreiung von patriarchalen Strukturen, Frauenräume, Unabhängigkeit, das Recht auf den eigenen Körper – dies waren Forderungen, die in den 1970er-Jahren zu den bereits seit dem 19. Jahrhundert bestehenden – nach rechtlicher, finanzieller und sozialpolitischer Gleichstellung – hinzukamen. Es zeigte sich: «Die Frau» gibt es nicht. Fordernd und laut waren die einen, zahmer und um Integration bemüht die anderen. Und während sich einige die grösste Hebelwirkung von der rechtlichen Gleichstellung versprachen, träumten die anderen vom hierarchiefreien Frauenutopia.

Vieles, was ab den 1970er-Jahren zunächst nur als Forderung linker Aktivistinnen galt, sickerte über die Jahrzehnte in das Bewusstsein einer breiteren Bevölkerung und wird heute von einer Mehrheit als Selbstverständlichkeit wahrgenommen: der straflose Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten, die Mutterschaftsversicherung, Gleichstellungsbeauftragte, weibliche Bundesrätinnen, gleiche Bildungschancen unabhängig vom Geschlecht, feministische Wissenschaft, die Rassismusstrafnorm, die eingetragene Partnerschaft für homosexuelle Paare, bald vielleicht auch die Ehe für alle. 1971 sah die Schweiz anders aus.

Vieles wurde institutionalisiert. Sind die letzten 50 Jahre Frauengeschichte also eine Geschichte der Institutionalisierung weiblicher Forderungen? Teilweise, doch nichts ist für immer errungen. Gleichstellungsbüros werden da und dort wieder abgeschafft. Weil alles erreicht ist, es nichts mehr gleichzustellen gibt? Aus Kostengründen? Aktuelle Beispiele zeigen: Die Geschichte der Emanzipation ist nicht zu Ende geschrieben, die Diskussionen sind nicht zu Ende geführt. 

 

Bewusstsein für Diskriminierung

Es sind fünf Jahrzehnte, in denen auch das Bewusstsein für die sprachliche Diskriminierung wuchs. Das «Fräulein» war 1971 unhinterfragter Standard. Kaum jemand wünscht es sich 2021 zurück. Mag das sogenannte Binnen-I – der Grossbuchstabe im Wort zur Verdeutlichung der weiblichen Form, beispielsweise bei LehrerInnen – kontrovers geblieben sein und das Gendersternchen manchen zu weit geht, Reibung war immer Teil des Prozesses. Nicht alle müssen mit allem einverstanden sein, das gehört zum Wesen einer offenen Gesellschaft.

 

Auch wenn Geschichte nicht linear fortschreitet: Der 7. Februar 1971 ist ein zentrales Datum. Weshalb war dieser Tag als Ausgangspunkt so wichtig? Weil Frauen von da an politisch mitredeten, und zwar direkt. Nicht über die Diskussion mit dem Ehemann daheim – was ja völlig ausreichend sei, wie zu lange argumentiert worden war. Und aufgrund dessen notabene unverheiratete Frauen als erwerbstätige und steuerzahlende Bürgerinnen schlicht ignoriert worden waren.

In dem Moment aber, als Frauen an der Urne und im Parlament ihre Sicht der Dinge einbrachten, bewegte sich vieles in neue Richtungen – und damit trat womöglich genau das ein, was so lange befürchtet worden war. Es zeigte sich, dass es Anliegen gab, die Männern bis anhin einfach nicht ausreichend relevant erschienen waren. Weil sie sich zu wenig betroffen fühlten? Oder weil sie um ihre Macht bangten? Wie grundlegend wichtig die Beteiligung von Frauen, ihre Sicht und ihr Engagement in Politik und Gesellschaft war, zeigt sich in der Art, wie sie das Agendasetting in unserer Gesellschaft nachhaltig beeinflussten. 

 

Zähe Sterotype aufbrechen 

Grosse Veränderungen dokumentieren auch Bilder, wie sie nachfolgend versammelt sind. Ältere Frauen sehen heute anders aus als 1971. Kinderbetreuung sieht anders aus. Junge Väter sehen anders aus. Lesbische Frauen können offener zu ihrer Lebensart stehen. Die erreichten Meilensteine, die persönlichen Emanzipationsgeschichten sind Puzzleteile, die das Potenzial für eine Fortschreibung bereits in sich bergen. Erinnern wir uns: Im Juni 2019 gingen mehr als eine halbe Million Frauen auf die Strasse, um zu streiken. Jungen Frauen bieten sich heute ganz andere Möglichkeiten, ihr Potenzial zu leben, sich zu verwirklichen, ihre individuellen Fähigkeiten einzubringen als den Frauengenerationen vor ihnen. Sie stehen auf den Schultern der vielen Frauen und auch Männer, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dafür engagiert hatten, dass die konservativ geprägte Schweiz etwas vielfältiger, etwas aufgeschlossener, etwas weiblicher wurde. Der Weg ist noch nicht zu Ende, mögen die Bildungschancen mittlerweile die gleichen sein. Die anschliessenden Herausforderungen bleiben, wenn es um den Beruf, die Vereinbarkeit mit einer Familie, um Fragen der Karriere geht. Dabei helfen die rechtlichen Gleichstellungen, die in den letzten Jahrzehnten errungen wurden, nur bedingt. Denn nun geht es um die viel schwieriger fassbaren Bilder in den Köpfen von Männern und Frauen, um subtile Formen der Diskriminierung, um zählebige Stereotype – kontrovers, persönlich und kaum greifbar. Weiterhin für Kontroversen sorgen werden die Diskussionen um Sexismus und die Grenzen sexueller Belästigung. Und nach wie vor ungelöst sind Dauerbrenner wie gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder die Frage, weshalb Berufe mit hohem Frauenanteil – von der Pflege über die Kinderbetreuung bis zur Reinigungsarbeit – nicht angemessen entlohnt werden. Die Herausforderungen werden sich auch in den kommenden Jahren stellen. Und um am Ende noch auf Simone de Beauvoirs Frage zu antworten: Ja, es gibt die Frau, und es ist gut, dass es sie gibt, in ihrer ganzen grossen bunten Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Lasst uns Frauen hören, sehen, lesen. Jeder Frau ihre Stimme.

 

Denise Schmid ist Historikerin und Publizistin. Der Text sowie die Bilder sind ein Auszug aus dem Buch «Jeder Frau ihre Stimme. 50 Jahre Schweizer Frauengeschichte 1971–2021».

 

 

JEDER FRAU IHRE STIMME

Wie hat sich die gesellschaftliche Situation in Bezug auf die Rolle der Frau in den letzten fünf Jahrzehnten verändert? Das von Denise Schmid herausgegebene Buch «Jeder Frau ihre Stimme» beleuchtet in fünf Essays von renommierten Historikerinnen je ein Jahrzehnt: Von der neuen Frauenbewegung der 1970er-Jahre über die verfassungsrechtliche Gleichstellung in den 1980er-Jahren, dem Ende der «Rüebli-RS» und der Gründung zahlreicher Gleichstellungsbüros bis hin zur Fristenlösung und der #MeToo-Debatte. Dazu geben verschiedene Porträts einen Einblick in persönliche Emanzipationsgeschichten. Die (Selbst-) Befreiung der Frau hat die Gesellschaft als Ganzes progressiver gemacht – jetzt nicht innehalten, sondern fortschreiten! Das Buch dokumentiert in Text und Bild ein eindrückliches Stück Zeitgeschichte, macht Mut und motiviert. mh

Denise Schmid (Hg.): Jeder Frau ihre Stimme. 50 Jahre Schweizer Frauengeschichte 1971–2021. Verlag Hier und Jetzt, 2020.