Dichterische Brücken des Flussgeborenen

LITERATUR Mit Uwe Kolbe, dem aktuellen, wenn auch virtuellen Gast des Müllerhauses in Lenzburg, gibt es einen Erbauer filigraner dichterischer Brücken mit einem vielschichtigen Werk zu entdecken.

TEXT Kristin T. Schnider BILD Gaby Gerster

Uwe Kolbe ist zu Gast im Literaturhaus.

Uwe Kolbe, 1957 in Ostberlin geboren, begann sein literarisches Leben im Prenzlauer Berg. Mit seinem ersten Gedichtband, "Hineingeboren" (1980), erklang in der damaligen Szene eine lyrische Stimme, die für ihre Generation sprach, sich aber gleichzeitig in eigener Radikalität von ihr unterschied. 1987 übersiedelte Kolbe nach Hamburg, den Mauerfall erlebte er als "poet in residence" an der Universität in Austin, Texas. Weitere Stipendienaufenthalte in den USA und auch in Rom oder Plovdiv (Bulgarien) folgten, wie auch Auszeichnungen für sein wachsendes lyrisches Schaffen, unter anderem den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen.

Für seine Essays hat er 2012 den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste erhalten. Mit seinem ersten Roman, "Die Lüge", veröffentlichte Kolbe 2014, angelehnt an eigene Erfahrungen, seine Interpretation von Verstrickungen und Widersprüchen, Bespitzelung und Befreiungsversuchen und der Frage nach dem Verrat am eigenen Leben anhand eines Vater-Sohn-Konflik- tes in den Zeiten der DDR.

Hauptsächlich ist Uwe Kolbe aber Lyriker und als Sprachschöpfer ein aufmerksam Reisender – durch konkrete Landschaft und Natur – in seinem zu letzt erschienen Gedichtband, "Imago", zu spüren – wie durch die Kunst- und Kulturgeschichte und innere, poetische Landschaften. Er erscheint als "flussgeborener" Dichter, dessen Eltern auf der Elbe auf einem Lastkahn lebten und arbeiteten und den es immer wieder an diesen Fluss zieht, wie in Dresden, wo er jetzt wohnt.

Sein Vorhaben, das er im Grusswort an das Literaturhaus Aargau erwähnt, hat das Einzugsgebiet der Elbe im Blick und wird, wie er andernorts schreibt, "eine Abfolge von dichterischen 'Brücken', die sich an unterschiedlichen Stationen der Elbe zuneigen, sie queren und sie begleiten." So verbindet sich die Hoffnung, dass Uwe Kolbe im April doch noch persönlich anreisen kann, um Zeit im Müllerhaus in Lenzburg zu verbringen, mit der Vorstellung, dass er der Reuss entlang ginge, ihr zuhörte, und ihr seinerseits von der Elbe erzählen würde.

Da das Literaturhaus Aargau ungebrochen weiterhin Residenzgäste einlädt und präsentiert, wird Uwe Kolbe am 7. April in der digitalen Liveveranstaltung mit dem Schweizer Dichter Franz Dodel im Gespräch zu sehen und zu hören sein. Die Freude über dieses Zusammentreffen ist gross: Denn Franz Dodels Lyrikwerk mit dem Titel "Nicht bei Trost" - ist es nicht seit 2002 ein langer, ruhiger Fluss durch die Tage und die Weltgeschichte, der an jeder Stelle zum Eintauchen lädt?

LENZBURGLiteraturhaus Mi, 7. April, 19.30 Uhr, digital