Der Neue im Leuchtturm

Ein frischer Wind weht durch das Kiff. Mit Daniel Kissling erhält das Kulturhaus eine neue Co-Leitung. Das AAKU hat sich mit ihm und Oliver Dredge zum Gespräch getroffen.

TEXT Philippe Neidhart BILD phn

Oliver Dredge und Daniel Kissling begleiten das Kiff in die Zukunft.

Oliver Dredge, Sie sind nun seit 15 Jahren beim Kiff aktiv – wie hat sich das Kulturhaus seit ihrem Einstieg verändert?

Oliver Dredge: Eigentlich wollte ich ja nie so lange bleiben (lacht), doch mein Aufgabengebiet hat sich immer wieder gewandelt und der Job bietet jeden Tag aufs Neue spannende Herausforderungen. Als ich im Kiff als Programmleiter begann, befand sich der Betrieb in einer Phase der Neuorientierung. Wir haben das Programm bewusst ausgeweitet. Dafür mussten wir auch einige Tabus brechen sowie ab und zu die kommerzielle Schiene fahren – und gleichzeitig kontinuierlich Nischengenres bedienen. Gerade in den letzten Jahren hat sich zudem die Art des Musikkonsums stark verändert und es kam zu einer gewissen Monopolisierung des Konzertmarktes. Auch die Ansprüche des Publikums und der Künstler*innen sind gestiegen. Wir mussten uns stets agil bewegen und unser Tun immer wieder kritisch hinterfragen – es ist ein ständiges Optimieren.

Nun bekommen Sie mit Daniel Kissling als neue Co-Leitung tatkräftige Unterstützung.

Dredge: Daniel und ich kennen uns bereits von Petzi – dem Verband Schweizer Musikclubs und Festivals. Wir sind auf verschiedenen Ebenen auf einer Wellenlänge, so habe ich ein sehr gutes Gefühl dabei, das Kiff in diese Hände zu geben.
Daniel Kissling: Eigentlich bin ich nicht gerne der klassische Chef – ich bin eher ein kooperativer Typ. Für mich wird es deshalb in einem ersten Schritt darum gehen, die Leute und den Laden mit seinen Strukturen kennenzulernen, den Puls zu fühlen und die Leitplanken zu geben, um das Kiff erfolgreich in die Zukunft zu führen.

Keine leichte Aufgabe, schliesslich ist das Kiff als kantonaler Leuchtturm ein Aushängeschild für die Popkultur im Aargau …

Dredge: Dass wir zum Leuchtturm ernannt wurden, war schon ein wichtiger Schritt. Plötzlich stand ein alternativer Kulturschuppen auf demselben Niveau wie das Argovia Philharmonic oder das Stapferhaus. Für uns war das enorm wichtig – nebst den zusätzlichen finanziellen Mitteln erhielten wir und die ganze Populärmusikkultur im Aargau Anerkennung; wir wurden von nun an anders wahrgenommen.
Kissling: Die Unterstützung von Lokalitäten ist in meinen Augen die sinnvollste Weise der Kulturfinanzierung. Denn Kulturhäuser sind es, die den Künster*innen Gage zahlen, sie leisten Vermittlungsarbeit und bieten gleichzeitig eine Plattform, um verschiedenste Sparten von Kultur zu präsentieren. Ein Leuchtturm leuchtet nicht für sich selbst, sondern für andere. Wir müssen Hand bieten für Initiativen und für Projekte, neue Trends aufnehmen und am Puls der Zeit bleiben und die Stimme der Populärmusikkultur nach aussen tragen.
Dredge: Der Plattformgedanke ist elementar für unser Haus. Nebst der Vermittlung von kulturellen Inhalten bieten wir auch Ausbildungsmöglichkeiten; unzählige ehemalige Praktikant*innen oder freiwillige Mitarbeiter*innen sind mittlerweile professionell in der Schweizer Kulturlandschaft unterwegs. Aber wir sind auch ein Begegnungsort, an dem Menschen verschiedenster Couleur zusammenkommen und Neues entstehen kann. 

Was können wir unter der neuen Leitung für Veränderungen im Kiff erwarten?

Kissling: Das ist das Schöne an der Popkultur: Es gibt kaum feste Strukturen – alles ist stets im Wandel begriffen. In den vergangenen Jahren hat die Performance hat an Wichtigkeit gewonnen – ein Konzert muss auch auf visueller Ebene zu einem Erlebnis werden. Zudem ist das Publikum älter geworden, da gibt es sicher neue Gefässe, die sich anbieten würden – beispielsweise Matinées. So könnten auch Familien samt Kindern Konzerte geniessen und an die Populärkultur herangeführt werden. Doch wir müssen uns auch damit beschäftigen, wie wir wieder vermehrt jüngere Leute begeistern können, die mitdenken, Ideen haben und ihre Freund*innen mit an Bord holen. Wir brauchen die junge Generation, die nahe am Geschehen dran ist und spartenspezifisches Knowhow besitzt. Meine Aufgabe wird es sein, neue Gefässe und Kanäle zu schaffen, aktiv auf die jungen Leute zuzugehen und sie zu ermuntern, bei uns mitzumachen.
Dredge: Solch permanentes Experimentieren hält eine Institution jung – das ist essenziell für uns. Gerade nach Corona und einer zweijährigen Pause brauchte es wieder einen Anlauf; auch bei der Freiwilligenarbeit. Das ist eine permanente Herausforderung. 

Und mit dem Neubauprojekt KIFF 2.0 kommt zudem eine neue Ära auf das Kulturhaus zu.

Dredge: Das aktuelle Gebäude hat zwar viel Charme, ist aber wirklich in die Jahre gekommen und seit über 30 Jahren eine permanente Zwischennutzung. Mit dem Neubau können wir den Anspruch, den sowohl das Publikum als auch Bands und Veranstalter an uns haben, wieder erfüllen. Aber letztlich ist es das Ziel, das KIFF als Institution für die nächsten 50 Jahre zu sichern – so ist der Neubau ein Mittel zum Zweck. Und natürlich können wir auch das Angebot erweitern; unter anderem mit einer Kulturbeiz als Begegnungsort, Kulturproduktionsräume für Bands und kulturelle Drittnutzungen.
Kissling: Auch können wir durch den Neubau die Reibung im Tagesgeschäft minimieren, die viel Energie kostet. So können Ressourcen freigeschaufelt werden, die für neue Projekte verwendet werden können. 


Woher nehmen Sie dabei die Motivation für dieses Engagement?

Dredge: Ich habe das KIFF nie für mich betrieben – ich sehe es als Plattform und Begegnungsort für die Menschen auf, hinter und vor der Bühne. Corona hat uns allen gezeigt, wie wichtig solche Orte für die Gesellschaft sind.
Kissling: Kultur macht niemand von uns des Geldes wegen, sondern weil wir Bock darauf haben. Wir wollen Bands eine Möglichkeit zum Spielen bieten, und dem Publikum ein besonderes Erlebnis ermöglichen. Das dankbare an unserer Arbeit ist, dass wir positive Rückmeldungen erhalten, wenn die Show cool war, wenn Leute noch Jahre später über einen Abend in deinem Lokal schwärmen. Ein Ort wie das Kiff kann das ganze Leben prägen.