«Der Mensch ist ein disparates Patchwork»

KUNST Sabian Baumann erhält den Aargauer Kunstpreis. Ein Gespräch über queerfeministisches Engagement, Gesellschaftskritik und das künstlerische Schaffen.

TEXT Michael Hunziker BILD Conradin Frei

«Tired Activist Gets Energy Upload by Good Ghost», 2020, Farbstift und Ölstift auf Stoff, 230 × 315 cm.

AUSZUG AUS DEM JURYBERICHT

Mit seinem* von grosser Konstanz geprägten Schaffen greift Sabian Baumann in aktuelle gesellschaftliche Debatten ein, lotet Grenzen aus und geht Wagnisse ein. Sein* Werk öffnet weite Gedankenräume, indem es Normalität als Ausnahmezustand darstellt. Er* gibt einem tieferen kollektiven Unwohlsein eine Form und erinnert daran, dass soziale Normen und Strukturen verhandelbar sind. In den Zeichnungen werden Wertvorstellungen umgewertet durch Paradoxien, poetische Momente und Humor. Bildzitate aus Kunst, Populärkultur und Fotografie repräsentieren das disparate Patchwork, das wir und die Welt bilden. Sabian Baumann leistet künstlerische Pionierarbeit in der Schweiz, indem er* mit seinem* Schaffen die Diskussion um Queerness, Diskriminierung und Systemkritik befruchtet und vorantreibt. Während "erotisch, aber indiskret" (1996), sein* erstes kollaboratorisches Projekt, noch queeren und sexpositiven Feminismus thematisierte, steht im kunstaktivistischen Projekt "die grosse um_ordnung - Privilegien für alle" (2018) ein intersektionaler Feminismus im Vordergrund. Im seinem* gesamten Werk geht es um die Frage, wie sich die Gleichzeitigkeit des Anderen künstlerisch als positive Vision herstellen lässt.

Christa Baumberger und Susanne König, Mitglieder der Jury Kunstpreis des Kantons Aargau


Sabian Baumann, ein grundlegendes Thema, das Sie in Ihrer Arbeit künstlerisch erforschen, ist die Unterdrückung. Inwiefern basiert unsere Gesellschaftsordnung auch heute noch auf Ungerechtigkeit?

Sabian Baumann: Meine Arbeit dreht sich um gesellschaftliche Wertvorstellungen, die untrennbar mit Fragen zu Identität, Körper und Befindlichkeiten verknüpft sind. Aber um auf das Thema Unterdrückung zu kommen: Eigentlich ist nur eine Minderheit in unserer Gesellschaft nicht strukturell benachteiligt, und das sind vermögende, weisse, heterosexuelle Cis-Männer, die den Stereotypen entsprechen.

Was ist der Motor hinter diesem System?

Extrem verkürzt gesagt: Um 1900 waren circa 80 Prozent der Welt kolonisiert. Diese Wertvorstellungen, vom Geschlechterverständnis bis zur Ökonomie, wirken nach, durch alle Körper und Strukturen, sie werden meist unbewusst reproduziert. Das heteronormative, westliche, weisse Kleinfamilienidyll der Mittel- und Oberschicht ist nach wie vor ein Ideal, an dem sich viele Menschen orientieren, obwohl dieser Lebensform mittlerweile wohl weniger als die Hälfte der Menschen entsprechen. Die Hierarchie der Benachteiligungen hält diese Struktur aufrecht, indem sie diejenigen schwächt, die ihr nicht entsprechen können oder wollen. Da zum Beispiel Frauen immer noch tiefere Löhne haben, bleibt die Ernährer*innenrolle in der Kleinfamilie eher beim Mann.

Also entsteht Konformität durch Ignoranz und Opportunismus?

Ich würde es nicht in jedem Fall Ignoranz nennen. Alle sind dem allgemeinen Leistungsdruck unterworfen. Wenn das, was für uns vorgesehen war, für uns einigermassen funktioniert, dann verwendet man seine Lebenszeit wohl nicht zwingend dafür, das System zu ändern. Die vorgegebene Struktur im eigenen Leben zu verändern bedeutet mehr Arbeit und Kosten. Aber wenigstens gibt es ein wachsendes Bewusstsein, dass der Planet an die Wand gefahren wird, wenn wir so weitermachen.

Was wäre ein Ausweg?

Die Lösungsvorschläge sind da. Einerseits ist die Wachstumslogik verhängnisvoll, andererseits sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, Perspektiven einzubeziehen, die zu einer gerechteren, demokratischeren Gesellschaft beitragen. Der heutige intersektionale Feminismus oder Black Lives Matter und die Klimajugend sind Bewegungen, die uns vor Augen führen, was alles geändert werden müsste. Ich finde, es sollte staatliche Regulierungen geben zugunsten der Umwelt und für eine Umverteilung der Privilegien. Aktivismus sollte gar nicht nötig sein, sondern Umweltfachleute und die Innenperspektiven der realen Bevölkerung sollten selbstverständlich miteinbezogen werden. Was wir heute haben, ist die Macht der Stärkeren, die sich durchsetzt, während Unterprivilegierte und Klimajugend, deren Zukünfte sabotiert werden, in ihrer Freizeit kämpfen müssen. Das ist eine soziale Energie- und Ressourcenverschwendung. Ich würde mir ein Aushandeln von Gesetzen und Regeln wünschen, wo nicht Leute mit der besten Ausbildung, der geschliffensten Rhetorik und den finanziellen Mitteln für endlose (Werbe-)Kampagnen gewinnen. Stattdessen sollten aktiv benachteiligte Gruppierungen einbezogen und um ihre Meinungen und Bedürfnisse gefragt werden, die dann in die Gesetzgebung einfliessen.

Bei vielen Programmen, die unter dem Label "Inklusion" laufen, schwingt doch ein zynischer Mitleidston mit ...

Ja, Mitleid zu haben mit allen, die die Norm nicht erfüllen, ist sicher nicht die richtige Haltung. Die Norm, zu der zum Beispiel auch unser Konsumverhalten gehört, verursacht erst die Probleme. Nicht ein Migrationsvordergrund, eine Behinderung oder eine sexuelle Identität oder Orientierung. Es ist auch eine grosse Erleichterung, wenn man sich selber zugestehen kann, den teilweise schädlichen gängigen Vorstellungen nicht entsprechen zu müssen.

Sie haben den Aargauer Kunstpreis erhalten. Inwiefern trägt er zur Bewusstwerdung bei?

Ja, das freut mich. Der Preis ist für mich ein Zeichen, das auch andere ermutigen soll, für sich und ihre Community einzustehen. Und er ermöglicht mir, weiterzumachen.

Zurück zum Thema Identität: Wie würden Sie den Menschen definieren?

Ich möchte in meinen Zeichnungen zeigen, dass Normalität eine Ausnahme im Raum und in der Zeit ist. Sie ist eine Vereinfachung. In Wirklichkeit ist jeder Mensch ein disparates Patchwork, eine ganz eigene, komplexe Welt und nicht reduzierbar auf einige Identitätskategorien. Wir sind in einem lebenslangen Prozess, durchlässige Wesen, in denen sich die Welt spiegelt, wir sind die Welt. Nahrung, Luft und Wissen, oder eben Viren, strömen in uns rein und wieder raus.

Ihre Zeichnungen haben eine humoristische Note. Da schreit einer schon mal die Toten an und schimpft sie "verdammte Versager".

In den Zeichnungen und den Skulpturen wende ich die Dinge zu einem tragikomischen Moment. Das Ausgangsmaterial kann alles sein, von Hoch- bis Popkultur, auch Fotos und eigene Skizzen. Es sind gezeichnete Bildzitate, die vom subjektiven Befinden sprechen und Bekanntes ins Paradoxe, teils auch ins Utopische drehen. Zum angesprochenen Bild: Das Teekränzchen im Jenseits führt die neoliberale Leistungsgesellschaft ad absurdum. Der Humor darin hat etwas Tröstliches.

Neben den zeichnerischen Arbeiten machen Sie in kollaborativen Projekten interventionalistische Kunst. Kunst als Protestform, wie funktioniert das?

In diesen Arbeiten stehen für mich die Texte und Gespräche innerhalb meines weiteren Umfelds sowie mein theoretisches Interesse im Vordergrund. Dort werden Repressionen benannt, Gefühle beschrieben und Bedürfnisse definiert und auch gelebt. In diesen kunstaktivistischen Projekten geht es darum, diskriminierten Gruppen eine Repräsentation zu geben und aus der Innenperspektive explizite Forderungen zu stellen. Diese freien Projekte waren für mich auch Selbstermächtigungen vom Kunstbetrieb, die es für mich brauchte.

Welche Rolle spielt bei der Selbstermächtigung die Sprache?

Ich komme aus den 80er-Jahren, da wurde über weibliche Sprachformen gestritten, die mittlerweile oft verwendet werden. Warum müssen wir heute wieder um eine geschlechtsneutrale, antirassistische und einfache Sprache, also inklusivere Sprache kämpfen? Sprache sensibilisiert und schafft auch Realität.

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt, sagte mal Wittgenstein ...

Ja, wir dürfen nicht vergessen, dass wir nach wie vor in einer Welt leben, in der beispielsweise Kinder, die intersexuell geboren werden, operativ der Geschlechterbinarität angepasst werden. Eine Menschenrechtsverletzung, die eine Art Spitze des Eisbergs unseres Geschlechterverständnisses darstellt. Eine Sprache, die von mehr als zwei Geschlechtern ausgeht, macht bewusst, dass es nicht nur Mann und Frau gibt, was biologisch und sozial sowieso nicht haltbar ist.

Der Kunstbetrieb mit seiner Marktlogik ist wie die kapitalistische Gesellschaft ein Ort des Wettbewerbs. Wie gehen Sie mit dieser Ambiguität um?

Okay, mit toten weissen Malern setzt der Kunstmarkt immer noch die grössten Summen um. Das hängt damit zusammen, wer sich Kunst leisten kann. Die Kunst ist, wie jeder andere Wirtschaftszweig, klassistisch, sexistisch, behindertenfeindlich und rassistisch. Ich kenne keinen Wirtschaftsbereich, der noch deregulierter ist als die bildende Kunst. Auf der anderen Seite gibt es im Umfeld des Kunstbetriebs eine Offenheit für Zeitfragen. Wo, wenn nicht in der Kunst, sollen Themen frei, in ganzer Komplexität dargestellt und besprochen werden können? In der Politik ist das nicht möglich.

Sie arbeiten sowohl zeichnerisch, skulptural wie installativ. Wie entstehen Ihre Ideen?

Im Atelier arbeite ich meist intuitiv. Ausgehend von Ideen und Entwürfen fange ich dann an zu recherchieren.

Und bei den Kollaborationen?

Hier stehen mein Unbehagen mit der Gesellschaft und das Interesse an Leuten, die etwas dazu zu sagen haben, im Vordergrund. Ich frage sie an und lerne im Prozess. Ich werfe mich erst rein, dann schaue ich, was sich ergibt. Übrigens habe ich mit Kollaborationen angefangen, weil ich zensuriert worden war. Eine konstruktive Art, mit der Wut umzugehen.

Können Sie uns den Hintergrund erzählen?

Das war Ende 1995. Der damaligen Direktorin des Helmhauses war eine Ausstellung von Ellen Cantor mit grossen pornografischen Zeichnungen zu heiss. Ugo Rondinone und ich waren ebenfalls Teil der Ausstellung. Sie sagte dann die Ausstellung auf Rat des Gleichstellungsbüros ab, das Josef Estermann beigezogen hatte. Ich war empört und fand es unfassbar verlogen und konnte nicht begreifen, warum drei Künstler*innen aus dem queeren Spektrum von einer Kuratorin, einem linken Stadtpräsidenten und auf Rat des Gleichstellungsbüros zensiert wurden.

Und was haben Sie dann gemacht?

Ich habe 1996 die Veranstaltungsreihe, "erotisch, aber indiskret", zu Kunst, Feminismus und Pornografie initiiert und zusammen mit der Journalistin Lilian Räber und der Kuratorin und Künstlerin Christina Della Giustina organisiert, um herauszufinden, was sexpositiver und queerer Feminismus ist. Wir hatten einen Monat lang jeden Abend eine Veranstaltung an verschiedenen Orten in Zürich, in einem Pornokino, an der Zürcher Hochschule der Künste, der Shedhalle, im Frauenkino Xenia usw. Es war superspannend, lehrreich, und es hat extrem Spass gemacht.

An welchem Punkt in Ihrem Leben haben Sie gemerkt, dass Sie Probleme künstlerisch bearbeiten können?

Vom Beginn meiner Kunstausbildung an. Ich komme aus einem bildungsfernen Elternhaus und habe nach der Schulzeit in einer Telefonzentrale gearbeitet. Damals habe ich angefangen, die Leute dort als Mäuse aus beobachteten Szenen zu zeichnen, das hat ihnen gefallen, und meine Kollegin riet mir, die Kunstgewerbeschule zu besuchen. Die Ausbildung dort bestand mehrheitlich aus selbstständigem Arbeiten an drei Tagen pro Woche. In den Theoriestunden wurden uns fast ausschliesslich Minimal Art und philosophische Texte von männlichen Protagonisten vorgestellt. Nach dem Studium wurde ich von öffentlicher und auch privater Seite gefördert. Generell hatte ich eher wenig institutionelle Bildung und habe mir das meiste, was heute für mich wichtig ist, über Beziehungen und autodidaktisch angeeignet.

Wie wichtig sind Routinen für Ihr kreatives Schaffen?

Sehr wichtig. Da habe ich eine protestantische Arbeitsmoral (lacht).

Ist das kreative Schaffen eine Form der Befreiung?

Da würde ich beim kreativen Schaffen nicht haltmachen. Man sollte die eigene Haltung in die Öffentlichkeit tragen und in alltäglichen Handlungen leben.


POETISCHE UMWERTUNG DER NORMEN

Das Aargauer Kuratorium verleiht den Kunstpreis des Kantons Aargau an den Bildenden Künstler* Sabian Baumann. Der mit 40 000 Franken dotierte Kunstpreis ist die höchste Auszeichnung des Kantons für künstlerisches Schaffen. Gewürdigt wird damit ein Werk von bemerkenswerter Breite und Vielfalt: Es umfasst Zeichnungen ebenso wie Objekte, Videos, Installationen und kollaborative, transdisziplinäre Projekte mit Filmen, Aktionen und thematischen Veranstaltungen.

Sabian Baumann wurde 1962 in Zug geboren und ist in Wettingen aufgewachsen, wo er* – mit einem kurzen Unterbruch – von 1963 bis 1990 lebte. Seine* künstlerische Tätigkeit nahm 1989 ihren Anfang. Seit 1995 entwickelte sich eine regelmässige Ausstellungstätigkeit, die erste Einzelausstellung im Aargauer Kunsthaus in Aarau 1998 trug den Titel "Dicke Hände". Im selben Haus war er*in mehreren Gruppenausstellungen präsent – zuletzt 2019 in "Maske"; er* ist am Projekt "Art as Connection" beteiligt, das im Herbst 2021 eröffnet.

Für die Sammlung zeitgenössischer Schweizer Kunst kaufte das Aargauer Kunsthaus 31 Werke Baumanns an. Sein* Schaffen findet aber auch weit über den Aargau hinaus Anerkennung. Es nimmt in seiner thematischen Auseinandersetzung eine Pionierrolle ein und wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet. Auch das Aargauer Kuratorium hat Sabian Baumann kontinuierlich gefördert, in Form von Werkbeiträgen, Projektbeiträgen, einem Reisestipendium und Druckkostenbeiträgen.

Mit dem Kunstpreis zeichnet der Kanton Aargau künstlerische Leistungen und kulturelle Verdienste aus. Diese Form der Kunstförderung ist im Kulturgesetz verankert, für die Vergabe ist das Aargauer Kuratorium zuständig. Der Kunstpreis des Kantons Aargau gibt einem herausragenden Gesamtwerk jene grosse Bühne, die es verdient, im Alltag aber nicht notwendig bekommt.

Nathalie Widmer, Geschäftsstelle Aargauer Kuratorium.

*Der Genderstern steht für die Vielfalt von queeren und trans-nonbinären Identitäten.