Das Schöne im Scherbenhaufen

LITERATUR Poetische Ideologiekritik: Herta Müller, die Literaturnobelpreisträgerin, hat exklusiv mit AAKU über ihr neues Buch «Der Beamte sagte» gesprochen. Entstanden ist ein berührendes Interview über ihr bewegtes Leben, die bürokratische Willkür, die Hoffnung und ein Zebra als Schutzengel. Derzeit widmet das Museum Langmatt den neuen Collagen der Schriftstellerin eine Ausstellung.

TEXT Michael Hunziker BILD Stefanie von Becker

Herta Müller, aus der Ferne betrachtet, strahlen Ihre Collagen etwas Unkonventionelles, ja Verbrecherisches aus. Mich erinnern sie von der Form her an Erpressungsschreiben. Was halten Sie von einem solchen Vergleich?

Herta Müller: Ich höre das zwar oft, aber davon halte ich nichts! Das ist wohl ein westeuropäischer Krimi-Reflex. Ich denke eher an die Anonymität politischer Flugblätter.

 

Warum?

Flugblätter haben einen umgekehrten Sinn. Sie richten sich gegen das Regime. Doch solche Flugblätter, wie sie damals in Rumänien verteilt wurden, konnte man nicht mit ausgeschnittenen Wörtern machen. So viele Druckerzeugnisse gab es gar nicht. Man hätte höchstens aus der Zentral-Zeitung etwas ausschneiden können. Die Flugblätter hat man mit Buchstaben aus Radiergummi gestempelt, so dass man die Schrift nicht erkennen konnte. Erpressung... damit hat der Geheimdienst gearbeitet, um jemanden in eine Not zu zwingen, aus der es keinen Ausweg gibt. 

 

Welche Bedeutung hat die Form der Collage dann für Sie?

Die Collagen sind ein Ausdruck der Befreiung. Als ich mit den Karten angefangen habe, war ich schon aus Rumänien weg. Aus Mangel an Ansichtskarten, die mir gefielen, habe ich begonnen, mir selbst welche zu kleben. Wenn ich im Zug sass, oder im Flugzeug, habe ich mit einer kleinen Schere aus Zeitschriften Wörter und Bilder ausgeschnitten und auf Karteikarten Collagen gesetzt. Die bestanden am Anfang bloss aus einem Satz, manchmal auch nur aus einem Wort und irgendeinem Bild. Das hätte ich in Rumänien nie machen können. Dafür muss man den Kopf frei haben. Zudem gab es überhaupt nicht genügend Papier. Ich habe damals noch auf Blätter geschrieben, die mir ein Kollege aus einem Büro gab, die auf der Vorderseite bereits beschrieben waren. Der Papiermangel war ein vom Regime bewusst herbeigeführter Mangel. Der Staat hat kein Papier zur Verfügung gestellt, weil gefälligst nicht gedacht werden sollte. Das Regime war schon so verrückt, so hysterisch, dass es selbst das Papier an sich für gefährlich hielt. Man musste auch jedes Jahr seine Schreibmaschine registrieren lassen. 

 

Unvorstellbar... Die Schreibmaschinen wurden geprüft?

Alle Buchstaben, alle Zeichen musste man tippen, und begründen, wozu man eine Schreibmaschine braucht und wer Zugang zu ihr hat. So konnten Schriftstücke auf die einzelne Maschine zurückgeführt werden. Als ich aus Rumänien weggegangen bin, hat mir niemand meine Schreibmaschine abgekauft, weil ich als Staatsfeindin bekannt war. Die Leute hatten Angst, mit mir in Verbindung gebracht zu werden. In meinem Freundeskreis gab es regelmässig Hausdurchsuchungen. Ich habe meine Texte bei einer Freundin versteckt, die weder Schriftstellerin war, noch Deutsch sprach. Wir haben sie bei ihr im Garten sogar vergraben. Das waren also ganz andere Bedingungen wie heute. Collagen zu machen, war undenkbar, genauso wie Wörter im Haus herum liegen zu lassen. Jetzt habe ich ganze Schränke mit Wörtern. Collagieren ist für mich eine Art von Freiheit, von Würde. Das Gegenteil von Zensur.

 

Woher nehmen Sie denn die vielen typografischen Wörter her?

Von überall. Ich kriege viele Zeitschriften von Bekannten, wenn sie gelesen sind. Ich bitte sie, sie nicht wegzuwerfen, sondern sie mir zu geben. Auch Verlagsprogramme, wenn die Saison vorbei ist. Das ist sehr gutes Papier. Mode-Kataloge, Werbung. Gedrucktes gibt es wirklich überall. Das war ja für mich auch das Neue gewesen. Dass es so vieles gibt, was nur kurz überflogen wird, obwohl da eine Menge Wörter drin sind und dann weggeschmissen wird.

 

Ein Schrank voller Wörter. Das tönt auch nach viel Arbeit.

Collagieren ist schon Handwerk. Ausschneiden, zusammenkleben, die Farben der Wörter müssen passen, die Grösse. Die Zeilen müssen gerade sein. Konjunktionen und Artikel finden sich einfach, für manche Begriffe muss ich lange suchen. Die Arbeit hat viel mit dem Leben zu tun. Wenn eine Karte voll ist, geht nichts mehr drauf. Wenn es geklebt ist, kann ich nichts mehr ändern. Eine sehr sinnliche Arbeit und darum für mich auch so befreiend. Unbewusst hat mich wohl dieses Gezerre zwischen Gesetz und Zufall angezogen. Mittlerweile hat sich diese Arbeit verselbständigt und ist für mich eine Art zu Schreiben geworden. 

 

Lassen Sie sich von den Worten leiten oder leiten Sie die Worte?

Es ist ein intuitiver Prozess. Meine Texte verändern sich immer fortlaufend bei der Arbeit. Ich weiss den Anfang, der durch ein Wort oder einen Reim gegeben wird. Es kann aber auch sein, dass die später aus der Collage herausfliegen. Manchmal weiß ich genau, was ich will und wenn ich das Wort nicht finde, dann schneide ich es mir zusammen.  

 

Die Collage lebt ja konzeptionell vom Bruch, den Fragmenten. Auch Ihre Sätze sind oft elliptisch, ohne Interpunktion. Spiegeln sich hier auch die vielen Brüche wider, die Sie im Leben erfahren haben?

Ja, ich glaube schon. Für mich ist das Collagieren aber eher ein Zusammenfügen als ein Zerschneiden. Ich habe aus meiner Geschichte wohl viel Zerbrochenes mitgebracht. Es kann sein, dass ich daher das Bedürfnis habe, zusammenzufügen. Die Fragmente beflügeln ja auch die Fantasie. 

 

Ihre Texte sind aber keine heilen Geschichten, in denen alles gut wird. Sie sind traurig, berührend und legen es nicht auf Kohärenz an. Sie bleiben gewissermassen ein Scherbenhaufen, der betroffen macht.

Man muss auch das Zerbrochene zusammentragen. Dadurch wird es ja nicht ganz, im Sinne von intakt. Das Zerstörte bleibt in meinen Texten. Die Wörter suggerieren ja nicht dadurch, dass sie eine grelle Farbe haben oder eine andere Schrift, dass sie was anderes bedeuten. Die müssen ihre Bedeutung beibehalten. Auch wenn ich sie erfinde, müssen sie in den Kontext passen. Der Text muss literarisch bestehen. 

 

Aus Ihren Büchern lese ich stets auch eine Sprachkritik heraus. Sie gehen konsequent in die Metapher, in die Allegorie, ins Gleichnis. Warum misstrauen Sie der Sprache?

Weil sich die Sprache benutzen lässt. Sie steht am Anfang von dem, was geschieht oder nicht geschieht. Sie ist ein hochgradig politisches Instrument in allen Dimensionen. Sie verlangt Verantwortung. Wo Freiheit und Verantwortung abhandenkommen, dort ist Sprache genauso gefährdet und abstürzend, wie die Lebensläufe der Menschen. Ich habe das alles erlebt. Es gibt in jeder Sprache unzählige Sprachen. Ich misstraue nicht der Sprache als Ganzes, sondern nur gewissen Konstellationen.

 

 

In Ihrer aktuellen Erzählung «Der Beamte sagte» nennen Sie die Sprache der Bürokratie «Algebra». Es wird dabei deutlich, wie sehr Sprache ein Herrschaftsmittel ist. Diese Sprache gaukelt etwas über die Welt vor, was sie nicht ist.

Ja, als ich aus Rumänien kam, habe ich vieles nicht verstanden, weil alles in Fachsprache gehalten war. Sie betraf Bereiche, die es in dem anderen Land gar nicht gab. Wenn jemand sagte, versicherte Arbeitszeit, wusste ich nicht, was es bedeutet. Die Wörter scheinen auf den ersten Blick objektiv, aber sie sind undurchschaubar. Diese Sprache besteht aus Fertigteilen, die mit dem eigenen Leben überhaupt nichts zu tun haben. Der Beamte und die Erzählerin können miteinander sprechen, doch sie reden aneinander vorbei. Er bleibt bei seinen gestanzten Fragen der Formulare. Insofern ist es vorprogrammiert, dass er nichts Individuelles erfährt.

 

Obwohl er nichts weiss, hat er alle Macht...

Der Beamte erzeugt mit seinen Fragen den Anschein von Objektivität. Aber so entsteht nur Willkür. Es hängt vom Beamten ab, ob er mir misstraut oder ob er wohlgesonnen ist. Er weiss von mir nichts und ich weiss von ihm nichts. Nur, der Beamte ist geschützt, weil er seine Willkür ins Gesetz hinein baut, so dass ich ihm nicht vorwerfen kann, dass er willkürlich ist. Es entsteht ein ganz undurchschaubares Knäuel von Deutungsmöglichkeiten. Das Undurchschaubare ist auch die Struktur der Verhöre jener Diktatur, aus der ich kam. In diesen Situationen kommt es auf jede Sekunde an. Darauf, was in jedem Wort sitzt oder nicht drinsitzt. 

 

Wurden Sie damals in Rumänien selbst verhört?

Ja, doch damals wurde mit Gefängnis und mit Tod gedroht. Das hat eine ganz andere Richtung gehabt, als die Befragungen im Auffanglager, von denen das Buch handelt. 

 

Selbst nach Ihrer Flucht nach Deutschland wurden Sie weiter verdächtigt und verfolgt. 

In meinem Auffanglager wurde ich nach den Befragungen der Behörden von der Landsmannschaft (Verband der vertriebenen Banater Schwaben, Anm. d. Red.), die dort  eigene Büros hatten, als Agentin verdächtigt. Das war das Schrecklichste, weil ich mir diese Verleumdung gar nicht vorstellen konnte. Ich bin ja vor dem Terror geflüchtet. Das machten die aus Rache aufgrund meiner ersten Bücher, wie «Niederungen» oder «Drückender Tango», in denen es ungeschönt um die Minderheit der Banater Schwaben ging. Durch die Denunziation der Landsmannschaft wurde ich hier in Deutschland als Agentin betrachtet. Das muss man sich mal vorstellen. Es war verrückt. In Rumänien wurde ich bei Verhören vom Geheimdienst als Agentin des Bundesnachrichtendienstes bezeichnet, weil ich Leute von der Deutschen Botschaft in Bukarest kannte. Das Muster war immer dasselbe. Es wurde einem vorgeworfen, man hätte mit dem ausländischen, kapitalistischen Sumpf zu tun, ich unterwandere, ich verrate, sei eine Staatsfeindin und so weiter. Das ganze Vokabular. Und dann komme ich nach Nürnberg ins Auffanglager und die sagen mir, dass ich eine Agentin der Securitate sei. Ich bin dort fast zerbrochen. Ich habe in diesem Übergangslager jeden Tag geweint. 

 

Haben Sie in dieser Zeit nie gedacht, mit dem Schreiben aufzuhören?

Das Schreiben, wie das Lesen waren für mich eine Art von persönlichem Eigentum. Etwas, das mir half, mir selbst nicht abhanden zu kommen. Eine Selbstvergewisserung. Es war meine Suche nach etwas Schönem. Ich glaube Schönheit schont. Damit aufzuhören, hätte gar keinen Sinn gehabt. Meine politische Situation hätte sich dadurch auch nicht verändert. Das Heuchlerische war, dass bei den Verhören in Rumänien nie über Literatur gesprochen wurde. In der Verfassung der Diktatur stand ja Meinungsfreiheit. Die haben dann einfach Dinge erfunden, wie Schwarzhandel, Prostitution, die gesetzlich strafbar waren. Ich würde Beziehungen zu arabischen Studenten unterhalten und mich in Naturalien bezahlen lassen. Ich sagte ihnen, ich kenne keinen einzigen Araber, das wissen Sie, weil sie mich den ganzen Tag beobachten. Dann sagten sie, wenn wir wollen, kennst du zwanzig. Dieses Erfinden von Straftaten passiert auch heute täglich. In Belarus, Russland, in allen Diktaturen. Das ist Erpressung. Die Lügenmaschine läuft wie geölt, weil sie mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Das weiss der Geheimdienstler genau, der mich durch etwas Erfundenes überführt. Ich kann widersprechen so oft ich will, er hat seine Schlussfolgerungen fertig.

 

Sie haben gesagt, dass Sie durch das Schreiben etwas Schönes gestalten können. Eine ästhetische Praxis, die Ihnen erlaubt, mit den Traumata zu arbeiten. Lassen diese sich auch heilen?

Nein, ich glaube nicht daran. Aber das ist vielleicht auch Hochmut, wenn ich das so sage. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich nicht geschrieben hätte. 

 

Hat Poesie eine Kraft gegen diese Lügenmaschinen?

Eine innere Kraft, ja. Wenn sich beim Lesen oder Schreiben Momente einstellen, in denen aufscheint, wie man leben könnte, damit man es aushält. Aber auch ein Sachbuch, das einem die Augen öffnet und Zusammenhänge verstehen lässt, kann Halt geben. 

 

Oder wenn die Literatur das Leiden, die Versehrungen beredt werden lässt...

... und nicht darüber hinwegtäuscht. Wenn Literatur das Leiden zeigt, wie es ist, entsteht auch Halt. Das ist das Verrückte und Grossartige. Literatur heilt nicht, sondern gibt einem das Gefühl, zum Menschsein dazu zu gehören. Wenn ich einen Satz lese, der mich berührt, dann stellt sich gleich das Gefühl, die Gewissheit ein, ich gehöre dazu. Das tut gut.

 

In «Der Beamte sagte» schreiben Sie von einer Welt, die Sie das «Trara» nennen. Es ist eine rätselhafte, nichtsprachliche Welt, die uns vertraut ist, aber die wir im Alltag kaum zulassen. Können Sie uns etwas über diese Welt erzählen?  

Ich glaube, das Trara ist gerade das, was man nicht erzählen kann (lacht). Es ist etwas, ohne das es Kunst nicht geben kann. Wobei das Trara auch zerstörerisch ist. Ich habe es auch mal als Irrlauf im Kopf bezeichnet. Man begibt sich hinein und das Trara geht mit einem seine eigenen Wege. Sie können ins Gute führen oder auch ins Schlechte. Es kann verrückt machen. Meine Erzählerin tanzt beispielsweise mit ihrem Schutzengel, der ein Zebra ist, Trara. An einer anderen Stelle heisst es, das Land mache ganz Trara. Ich finde, das Wort alleine sagt es schon sehr genau. Sie haben es ja auch richtig verstanden (lacht)...

 

... naja ein Rest Rätsel ist schon geblieben.

Das ist doch immer so in der Sprache. Man muss beim Schreiben an die Grenze gehen, sonst entsteht keine Intensität. Dabei bleibt stets etwas Unverständliches stehen.

 

Das Buch ist in einem Auffanglager situiert und hat enge Bezüge zu Ihren eigenen Erfahrungen. Lässt es sich auch als Parabel auf die gegenwärtige Situation an der EU-Aussengrenze lesen? 

Ja, unbedingt! Die Erinnerungen meiner Flucht haben mich durch die vielen Menschen, die derzeit wegen Armut, Krieg und politischer Verfolgung fliehen, immer wieder eingeholt. Meine Flucht ist bereits dreissig Jahre her, doch die Thematik ist leider noch immer aktuell und wird in absehbarer Zukunft ein Ausmass annehmen, das es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat.

 

Im Buch träumt die Erzählerin, sie würde von einer Kellnerin überwacht. Wir sind alle Teil dieses EU-Systems, das seine Grenzen abschottet. Wie lässt es sich vermeiden, dass wir ungewollt zu Kompliz*innen werden?

Zuerst einmal sind diese Träume Spiegel des mitgebrachten Systems, also Allegorien auf die Verfolgungssituation im Herkunftsland. Aber die Frage kann man sich schon stellen. 

Ich glaube, indem man sich mit den Details auseinandersetzt und darüber nachdenkt, im kleinen Raum seines eigenen Einflussbereiches. Jede Situation ist anders und muss aufs Neue bewertet werden. Man sollte sich vor vermeintlichen Selbstverständlichkeiten hüten und Abstand nehmen, wenn man typischen Verhaltensweisen und typischem Vokabular begegnet. In Diktaturen kommt so es immer darauf an, was man nicht tut. Denn alles, was erlaubt ist, bestätigt nur die Ideologie. Das sehen wir in der Türkei, in Belarus, Russland oder in China. 

 

Auf dem Papier demokratische Staaten...

Das Wort Demokratie ist in diesem Zusammenhang eine Worthülse, die die Realität verkleidet. Und China ist ja nach der eigenen Verfassung eine Diktatur. Objektivität und Freiheit, diese Wörter bedeuten in diesen Staaten das Gegenteil. Putin, beispielsweise, wirft der Ukraine stets das vor, was er dort selbst anrichtet. Es ist verrückt. Immer dieselben Muster.

 

Sie beschreiben Heimweh als ein Gefühl, das «kahlgeschoren an den Himmel gefroren» ist. Wohin zeigt dieses Heimweh, wenn die Heimat zum Nicht-Ort geworden ist? 

Es ist ein Ort, an dem man sich, oft Gottseidank, nicht mehr befindet. Das Heimweh wächst unterschwellig und begleitet einen. Es ist nie selbstverständlich, seine Umgebung gezwungen zu verlassen. Das ist ein grosser Unterschied zur freiwilligen Migration. Das Heimweh bleibt und Exil ist immer Exil, auch wenn man sich längst eingelebt hat. Akutes Heimweh macht krank. Der iranische Dichter SAID, der leider vor Kurzem gestorben ist, hat gesagt, Heimat ist die Zeit, die wir verloren haben. Dieser Satz hat mir den Hals zugeschnürt. Das ewige Warten auf das Zurückkehren. Diktaturen dauern meist länger als ein Lebenslauf. Keine Macht hat das Recht dazu, die Menschen in die Flucht zu treiben. Im Heimweh ist dieser Schmerz mit drin, diese Verletzung, die sich der Staat erlaubt hat. Wie viele Lebensläufe sind an diesem Heimweh schon zerstört worden?

 

Im Buch hört die Hauptfigur das «Zehenlied des Vogels mit dem Silberkragen». Ist das ein Heimwehlied?  

Ja, das kann sein. Es ist jedenfalls ein Lied, das für sich selbst ist. Der Vogel singt es für sich selbst. Und er singt es von Kopf über Fuß, bis in die Zehen. Das ist aber kein idealisiertes Vogelgezwitscher. Tiere sind ja nicht freier als wir. Die sind von den Gesetzen der Natur ebenso programmiert wie wir.

 

Tiere spielen eine mythologische Rolle Ihrer Erzählung. Die Menschen im Auffanglager erzählen sich Legenden von Tieren, etwa von einem Zebra. 

Es ist halt das, woran man sich festklammert. Und wenn es nur Tierbeobachtungen sind. Eine Verständigung, die nicht auf Worten oder Beziehungen basiert und daher auch nicht in die falsche Richtung laufen kann. Es bedeutet nicht mehr oder weniger, als das, was im Augenblick gerade geschieht. Tieren zu zuschauen kann auch eine erste Gewohnheit werden, eine Art von Ankommen. Gewohnheiten stabilisieren. Das Zebra taucht im Gespräch mit dem toten Freund auf und ist von ihm ironisch gemeint. Es gibt ja weder im anderen Land noch im Auffanglager Zebras. Er sagt, ich lebe so gern man kann. Dieser Satz ist ziemlich schrecklich. Manchmal lässt es die Umgebung nicht zu, gerne zu leben. Das Zebra wird zum Schutzengel der Erzählerin. Ein Schutzengel mit regelmässigen, symmetrischen Streifen...

 

Ein schönes Wesen ...

... Die Fußgängerstreifen sind ja auch schwarz-weiss und heissen Zebrastreifen (lacht).

 

In der Schweiz sind sie gelb.

Bei uns auch, immer öfter. Gelb ist die Farbe der Warnung. Ich habe mal gelesen, die Streifen beim Zebra hätten eine spezielle Funktion. Zur Hitzeregulierung und zum Schutz vor Insekten.

 

Schwarz heizt auf, weiss kühlt ab?

Es ist ja wie ein Klavier dieses Tier. Es ist als Ganzes ein Klavier als Tier. 

 

Zur Person

Herta Müller ist 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geboren. Ihre Familie gehörte der deutschsprachigen Minderheit der Banater Schwaben an. Ihre Mutter überlebte nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Jahre Gefangenschaft in einem sowjetischen Lager. Ihr Vater war im Zweiten Weltkrieg Angehöriger der Waffen-SS. Im Alter von 15 Jahren verliess Herta Müller das elterliche Haus und das dörfliche Milieu, um in Timișoara das Gymnasium und die Universität zu besuchen (Germanistik und Rumänistik). Ihre ersten Werke wurden vom rumänischen Regime zensiert und nach ihrem Erscheinen von Teilen der Banater Schwaben als Provokation aufgefasst. Seit 1987 lebt Herta Müller als Schriftstellerin in Berlin. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2009 hat sie den Nobelpreis für Literatur erhalten. mh

 

Ausstellung: Herta Müller – Der Beamte sagte

 

Das Museum Langmatt zeigt die erste Ausstellung der Collagen von Herta Müller in der Schweiz. Zu sehen sind rund 140 neue Collagen, die sich erstmals in ihrem Werk inhaltlich aufeinander beziehen. Ausgehend von der Ankunft der Autorin 1987 in einem westdeutschen Auffanglager formuliert sich so etwas wie eine skizzenhafte lyrische Autobiografie. Mit dieser Ausstellung setzt die Langmatt die Thematisierung der Wechselwirkungen von Sprache und Kunst fort. 

BADEN Museum Langmatt 
5. September bis 5. Dezember 2021

Infos zu Begleitveranstaltungen: www.langmatt.ch