Das Leben ist ein Mummenschanz

BÜHNE Die Meister*innen der Pantomime feiern Jubiläum. Zum 50. Geburtstag werfen wir einen Blick zurück und nach vorn. Wie die subversive Gruppe Mummenschanz trotz verschiedener Rückschläge zu einem Ensemble mit Weltformat wurde, das den Spagat zwischen Kunst und Kommerz schaffte – ohne je an Subversion einzubüssen.

 

TEXT Roy Oppenheim BILD Mummenschanz Stiftung

 

Es besteht kaum Zweifel, dass Menschen, diese besondere Spezies der Erde, das Leben darauf dank ihrer Ausstrahlung verändern. Dazu gehört die Gruppe Mummenschanz. Das ursprüngliche «Trio magique» ist entstanden, weil sich vor 50 Jahren zufälligerweise drei geniale, starke Persönlichkeiten gefunden haben. Andres Bosshard brachte eine reichhaltige professionelle Theatererfahrung in dieses Team ein, um die Menschen für ihre Gefühle und Gedanken zu öffnen. Bernie Schürch, der Grenzüberschreiter, der Experimentator, erfand neue Formen der Umsetzung, ohne gesprochene Sprache, an die er nicht mehr so richtig glaubte. Floriana Frassetto, der perfektionistischen Umsetzerin, der feinfühligen Künstlerin, gelang es, zwischen den beiden unterschiedlichen Männern zu vermitteln und eine neue Ästhetik zu entwickeln. Alle drei waren vom Einsatz des Körpers mit all seinen Ausdrucksmöglichkeiten überzeugt. 

Die fantastischen Mummenschanz-Figuren, die wir alle lieben, haben sich über die Zeit entwickelt wie die Menschen, die sie in ihren Masken spielen. Der erstaunliche Welterfolg der Company der letzten 50 Jahre wurde nur möglich dank einzigartiger Künstler*innen aus verschiedenen Kulturen und Kontinenten – bis heute sind es über 50 Artist*innen, die mitwirkten. Besonders eindrücklich ist, wie Floriana Frassetto und Bernie Schürch ihre Vision über den Tod von Andres Bossard (1992) hinaus erhalten und weitergeführt haben. Und auch nach Schürchs Rückzug (2012) war es Frassetto, die sich bis heute allein in den Dienst von Mummenschanz stellt und dem Esprit des Ensembles treu bleibt. Dies ist nur möglich dank dem tief verankerten Feu sacré, der von allen mitgetragenen gemeinsamen Passion, welche Mummenschanz während 50 Jahren beflügelte und zu immer neuen Ideen, Figuren, Geschichten vorwärts trieb. Der gemeinsame Esprit verbindet auch heute noch die Company und gibt ihr Halt. Zum Geist gehört aber auch das Geld. Das Honorar ist in der Frühzeit meist nebensächlich. In der Anfangszeit arbeitete Mummenschanz beinahe für Gotteslohn. In dieser Zeit, als Mummenschanz noch unbekannt war, kam nur eine Handvoll Besucher und Besucherinnen in einen Saal mit 300 Plätzen. Die drei Protagonisten stellten damals die Regel auf, dass sie jeweils dann spielen, wenn mindestens vier Besucher*innen erscheinen. Dann traten sie vor den Vorhang und teilten mit, dass sie darüber abstimmen würden, ob unter diesen Bedingungen gespielt werden sollte. Fast immer stimmten die wenigen Gäste für eine Aufführung; alle rückten etwas zusammen, meist in der dritten Reihe, und Mummenschanz begann das Spiel.

Mit der Zeit allerdings bedurfte es finanzieller Einnahmen, ohne jedoch die idealistische Grundhaltung der Mummenschanz- Truppe in Frage zu stellen. Diese Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz findet bis heute statt und dürfte sich auch in Zukunft fortsetzen. Dazu gehört auch der Ausgleich zwischen den Tourneen im Ausland und jenen in der Schweiz, um die Finanzierung zu sichern.

 

Der homo ludens

In ihren fabelhaften Geschichten ohne Worte führen die Mummenschanz-Künstler*innen menschliche Stärken und Schwächen vor. Damit rückt der Homo ludens in den Mittelpunkt menschlichen Verhaltens, wie es der Niederländer Johan Huizinga in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erforscht und belegt hat: das Spiel als kulturbildender Faktor, der uns Menschen über alle Grenzen hinweg verbindet. In diesem entdecken wir unsere individuellen Eigenschaften und Qualitäten. Eine wichtige Grundlage für die Entwicklung unserer Persönlichkeit. Das Spiel ermöglicht es auch, die Zwänge der äusseren Welt zu erfahren und damit fertig zu werden, die pragmatischen Erlebnisse um die Dimension einer fantasievollen Sinnfindung zu erweitern. Nicht zuletzt hilft uns diese Spielkultur, auch existenziellen Herausforderungen die Stirn zu bieten. Alle Kunst ist ein heroischer Versuch vor dem Absoluten. So charakterisiert der französische Kulturphilosoph André Malraux diese Chance der Kunst.

 

Die Emotionen

Mummenschanz arbeitet mit dem ganzen Spektrum menschlicher Emotionen. Ohne Tabus. Lachen und Weinen, Freude und Leid, Zustimmung und Abneigung, alles ist möglich. Als vermummte Figuren zeigen sie eine gelungene Stilisierung zwischenmenschlicher Beziehungen. Das reicht von Vorurteilen, Ausgrenzung, Missverständnissen und Konkurrenzverhalten bis hin zu Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Zuneigung. Themen, die aktuell bleiben und höchstens ihre gesellschaftliche und politische Bedeutung im Laufe der Zeit verändern. Mummenschanz bleibt deshalb flexibel, anpassungsfähig, wandelbar und überrascht immer wieder damit, grundmenschliche Emotionen durch neue Sichtweisen zu erweitern.

 

Humor und Witz

Humor ist ein zentrales Element in der Welt von Mummenschanz. Humor bedarf einer überlegenen Gemütsstimmung, verrät humane Gelassenheit, philosophische Besinnung und Betrachtung, vor allem auch menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten. Humor ist deshalb Zeugnis einer geistigen Freiheit, nicht alles – und schon gar nicht sich selber – allzu ernst zu nehmen. Humor hat auch mit Lebenserfahrung zu tun und ist keineswegs etwas Oberflächliches, wie wir wissen. Wie Sigmund Freud aufzeigt, ermöglicht Humor, sich mit dem Über-Ich zu identifizieren: Wir stehen über oder neben uns, können uns von aussen betrachten und sogar über uns selbst lachen. Humor bedient sich des Schmunzelns, oft auch des Witzes und der paradoxen Situation, des Aufeinandertreffens von zwei Dingen, die eigentlich gar nicht zueinander passen. Selbstbewusstsein ist nicht komisch, auch Stolpern ist nicht komisch, nur beides zusammen, sagt Max Frisch. Keine Zukunft ohne Vergangenheit Mummenschanz führt eine bedeutende Tradition in die Zukunft, deren Ursprünge im europäischen Mittelalter zu finden sind. Damals entwickelte sich eine karnevalistische Lachkultur. Till Eulenspiegel und Hofnarren waren ein psychisches Ventil, um seelischen Druck abzulassen. Die Commedia dell’arte entstand Mitte des 16. Jahrhunderts in Italien. Ihr Erfolg entsprang den hohen improvisatorischen Fertigkeiten und der schauspielerischen, mimischen Virtuosität der Schauspieler*innen, die sich früh zu Wander- truppen organisierten. Die Ähnlichkeiten zum Strassentheater von Bernie Schürch und Andres Bossard in der Gründungsphase von Mummenschanz sind frappant. 

Die Commedia dell’arte fand ihr begeistertes Publikum sowohl an den Fürstenhöfen als auch bei der Bevölkerung auf Jahrmärkten und Strassen. Daraus entwickelten sich verschiedene Formen der Komik, die bis heute im Carnevale, in der Fasnacht weiterwirken. Goethe schrieb 1825 ein Gedicht mit dem Titel «Der Cölner Mummenschanz». Auch Conrad Ferdinand Meyer und Heinrich Heine nahmen das Thema auf. «Wir scharten uns zu lust’gem Mummenschanz, | Kapuzen über vollem Lockenkranz!» (Conrad Ferdinand Meyer, Huttens letzte Tage.) «Jetzt aber gibt es Winterspiele, | Vermummt erscheinen die Gefühle, | Ergeben sich dem Mummenschanz | Und dem berauschten Maskentanz.» (Heinrich Heine, Halleluja.) «Ist eben hier ein Mummenschanz | Wie überall, ein Sinnentanz. | Ich griff nach holden Maskenzügen | Und fasste Wesen, dass mich’s schauerte … | Ich möchte gerne mich betrügen, | Wenn es nur länger dauerte.» (Johann Wolfgang von Goethe, Faust II.)

 

Reduktion und Minimalismus

Das Einfachste ist das Schwerste. Mummenschanz setzt in dieser lauten Welt auf ein stilles Theater, das jeden einzelnen Gast berühren möchte. Die Mummenschanz-Artisten reden nicht, singen nicht, haben kein Dekor. Sie agieren meist anonym, hinter oder in ihren Masken. Die Darsteller*innen stehen nicht im Vordergrund, sondern bleiben diskret verborgen. Diese besondere Art von Bescheidenheit ist in einer Welt des Starkults und der elektronischen Feuerwerke wohltuend und zukunftsweisend. Das fantastische Abenteuer Mummenschanz kann auch aus einem anderen Grund vertrauensvoll in die Zukunft schauen. Heute nähern sich die verschiedenen Formen von Humor in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen weltweit an. Die gemeinsame und moderne Mummenschanz- Sprache wird in einer multikulturellen Welt immer geläufiger. Mummenschanz darf schon heute als immaterielles Kulturerbe der Schweiz betrachtet werden, das von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen wird. Kunst ist mehr als Ware, Kunst birgt immer eine Utopie, einen Traum in sich. Das Gesamtkunstwerk Mummenschanz schenkt uns solche Dimensionen, die über das, was wir sehen, hinausweisen.

 

MUMMENSCHANZ in der Region:

Zofingen Stadtsaal, 15./16. Januar; Baden Kurtheater, 27.–30. Januar; Suhr Bärenmatte, 25.–27. Februar; Olten Stadttheater, 18./19. März

 

Der vorliegende leicht gekürzte Text stammt aus dem Buch «Mummenschanz. Die Virtuosen der Stille und ihre Reise durch die Welt der Fantasie» von Roy Oppenheim (erschienen im Weber Verlag, November 2021). Das Buch zeichnet die spannende Geschichte des Ensembles nach. Ehemalige und heutige Akteure, Zeitzeugen aus fünf Jahrzehnten, kommen mit Bildern, Zeichnungen und Texten zu Wort.