Das Kino im Überlebens­kampf

FILM Die Art und Weise, wie wir Filme schauen, verändert sich gerade radikal. Während weltumspannende Konzerne Kasse machen, müssen sich lokale Filmschaffende an eine neue Realität gewöhnen. Und die Pandemie macht alles noch komplizierter.

TEXT Oliver Camenzind BILD Filmstill

«Genesis 2.0» von Christian Frei und Maxim Arbugaev, 2018.

Drei Millionen Kinokarten zu wenig verkauften Schweizer Kinos im ersten Halbjahr 2020. Das sind mehr als die Hälfte der Verkäufe des Vorjahrs, die weggebrochen sind, 52 Millionen Franken Umsatz fehlen dementsprechend. Die Krise im Filmgeschäft will und will kein Ende nehmen, und die desaströse Lage für die Kinos ist dabei nur ein einzelnes Puzzleteil.

Die Coronapandemie hat die ganze Branche noch immer fest im Griff. Produktionen stehen von Zürich bis Hollywood still, während die Filmgiganten konsequenter denn je auf digitale Verwertung setzen. Trotz Schutzkonzepten und diversen Versuchen vonseiten der Betreiber*innen, die Programme mit Schätzen aus dem Archiv aufzupeppen, bleiben die Säle vielerorts leer. Sogar Fussballspiele gingen da und dort über die Leinwände, weil deren Besitzer*innen sich davon höhere Besuchszahlen versprachen. Doch auch das war weitgehend vergebliche Liebesmüh.

Dass die Filmfans sich wegen der Pandemie nicht mehr ins Kino trauen, ist dabei nur die eine Seite der Krise, die die Branche seit Monaten in Atem hält. Die andere Seite hat zwar auch mit dem Coronavirus zu tun, aber nur indirekt. Es geht darum, dass die internationalen Streamingkonzerne den regionalen Verwertungsgesellschaften zusehends das Wasser abgraben. Dieser Prozess hat sich während des Lockdowns noch einmal rasant beschleunigt.

Im Frühjahr brach die Produktionsfirma Universal Studios ein Tabu, als sie beschloss, den Kinderfilm Trolls World Tour ausschliesslich zu streamen. Die Kinos und Verleihe waren bestürzt und schrien auf - sie fühlten sich übergangen. Denn Universal nahm mit dem Film mal kurz 150 Millionen Dollar ein, während sie leer ausgingen. Im Herbst folgte Disney dem Beispiel und strich seine Realfilmadaption des Zeichentrickklassikers Mulan in vielen Ländern ganz einfach aus den Startlisten der Kinos, um die Premiere exklusiv auf der eigenen Onlineplattform stattfinden zu lassen.

Hält dieser Trend an, droht den Kinos auf der ganzen Welt eine düstere Zeit. Um den Giganten im Geschäft etwas entgegenzuhalten, hat sich die grösste Kinokette der Vereinigten Staaten, AMC, deshalb auf einen gefährlichen Deal mit Universal eingelassen: Sie akzeptiert, dass die Filme des Studios künftig nur noch 17 Tage im Kino gezeigt werden müssen, bevor die Streamingdienste mit ihrer Verwertung beginnen dürfen.

Diese sogenannte Schutzfrist ist wohl der Grund, warum die Kinobranche trotz der Konkurrenz so lange Bestand haben konnte. Sie lag für die Ausstrahlung im Fernsehen bisher bei etwa zwei Jahren, in der Schweiz für Eigenproduktionen der SRG bei zwölf Monaten. Und Streamingkonzerne, die über die entsprechenden Rechte verfügen, mussten bisher immerhin 90 Tage warten, bis sie einen Film ins Angebot nehmen durften. In dieser Zeit hatten Verleihe und Kinos das alleinige Ausstrahlungsrecht und konnten Kasse machen.

Was AMC als Rettungskonzept der Branche verstanden hat, kann also ebenso gut als Todesdrohung von Universal aufgefasst werden: Wer in den gut zwei Wochen nicht auf seine Zahlen kommt, ist raus. Andererseits, und das spricht aus Sicht von AMC dann doch wieder für den Pakt, bleiben die Kinos überhaupt noch im Geschäft. Wenigstens für den Moment.

Produktionsfirmen träumen vom Monopol

Um die monopolistischen Absichten hinter den Entscheidungen von Universal und Disney zu erkennen, braucht man kein Insider zu sein. Den Produktionsfirmen sind Verleihe und Kinos längst nur noch lästig - sie verzögern die Auswertung fürs Heimkino und konkurrieren die hauseigenen Streamingangebote. Am liebsten würden die Produktionsfirmen die Kinobetreiber*innen darum ausbooten. Sie träumen davon, die Verwertungskette vom Anfang bis zum Ende zu kontrollieren und den ganzen Gewinn für sich zu behalten.

Dass Amazon in den Vereinigten Staaten Gerüchten zufolge eine Kinokette wie AMC, Regal oder Cinemark kaufen möchte, passt perfekt in dieses Bild. Wenn ein Film beispielsweise für eine Galapremiere oder einen Familienabend schon ins Kino kommt, so wird man sich bei Amazon sagen, dann bitte in eines, an dem wir ordentlich mitverdienen.

Den Preis für immer mehr Macht der Grosskonzerne zahlen derweil auch im Filmgeschäft die Angestellten: Als bekannt wurde, dass der neue James Bond erst 2021 erscheinen wird, weil die Produktionsfirma Sony um ihre Gewinne fürchtet, kündigte mit Cineworld die zweitgrösste Kinokette der Welt an, ihre Säle vorübergehend zu schliessen. Über anderthalb Milliarden Dollar hat das Unternehmen 2020 schon an Verlust eingefahren, und damit dieser Betrag nicht noch weiter ansteigt, soll nun das Personal zu Hause bleiben.

Rund 45 000 Arbeitsplätze sind gemäss Medienberichten von dieser Entscheidung betroffen. Nicht viel besser erging es den Mitarbeiter*innen von Disney. Weil die Besucher*innen in den Themenparks pandemiebedingt ausblieben, hat der Zeichentrickgigant in Florida und Kalifornien kurzerhand 28 000 Angestellte auf die Strasse gestellt. Trotz neun Milliarden Reingewinn im Jahr 2019.

Leiden die Kinos, leidet auch das Filmschaffen

Das ist Kulturkapitalismus, wie er im Buche steht. Und wenn der um sich greift, bleibt das nicht ohne Folgen. In Zürich beteiligt sich etwa das deutsche Unternehmen DCM an den Kinos der Arthouse Commercio Movie AG. Einen Zusammenhang mit dem schlechten Geschäftsgang wollten in Zürich zwar weder die alten noch die neuen Eigentümer herstellen. Vielmehr soll der Generationenwechsel "frischen Wind" ins Unternehmen bringen, wie der Neo-Verwaltungsrat Christoph Daniel im Oktober 2020 gegenüber dem Magazin "Filmbulletin" sagte.

Dass es sich bei der Investorin ausgerechnet um eine Produktionsfirma handelt, die auf vertikale Integration setzt, spiegelt den internationalen Trend, wenn auch nur im ganz kleinen Massstab. Langsam, aber sicher zeichnet sich ab, dass der Strukturwandel in der Branche nicht nur für die Kinos gefährlich werden könnte. Denn auch digitale Konkurrent*innen fristen angesichts der gigantischen Expansion der marktbeherrschenden Player zusehends ein Schattendasein.

Neben den Verleihen kämpfen auch lokale Streaminganbieter mit kleinen und mittleren Budgets ums Überleben. In der Schweiz zum Beispiel gehörte Cinefile als Spezialistin für Studiofilme und Klassiker zu den ersten unabhängigen On-Demand-Plattformen. Doch auch der Vorteil, früh ins Geschäft eingestiegen zu sein, garantiert keinen guten Geschäftsgang. Der Grund: Das Angebot bei der internationalen Konkurrenz ist enorm viel grösser und im Verhältnis erst noch günstiger.

"Für Nischenanbieter wie uns ist es ein Kampf wie David gegen Goliath", erklärt das Unternehmen Cinefile auf Anfrage: "Um substanzielle Gewinne erwirtschaften zu können, müssten wir ein sehr grosses Publikum erreichen." Doch gerade darin liegt das Paradox von Portalen wie Cinefile: Um sich von der Masse abzuheben, setzen sie bewusst auf ein kleines, sorgfältig kuratiertes Angebot; in der Hoffnung, dass die Kund*innen bereit sind, dafür etwas mehr zu bezahlen als bei den grossen On-Demand- Anbietern.

Diese Bereitschaft scheint in der Schweiz zum Teil noch zu fehlen, so die Verantwortlichen bei Cinefile. Man prüfe derzeit verschiedene strategische Optionen, um neuen Schwung ins Geschäft zu bringen. Aber warum sollten diese Entwicklungen uns Zuschauer*innen kümmern, da wir doch sicher auch künftig zu unseren Filmen kommen werden? Die Antwort auf diese Frage ist ganz einfach: Wenn sich die Formen ihrer Auswertung verändern, dann verändern sich automatisch auch die Bedingungen, unter denen Filme gemacht werden.

Wenn die Leute immer seltener ins Kino gehen und der digitale Markt von den Giganten in den Vereinigten Staaten kontrolliert wird, dann hat das auch für die regionalen Filmschaffenden unangenehme Konsequenzen. Für sie ist vor allem die Frage relevant, wo ihre Arbeiten künftig die nötige Aufmerksamkeit bekommen können.

Bedrohte lokale Bühnen

In der Schweiz sind die lokal ausgerichteten Arthousekinos die wichtigste Bühne für hiesige Filme. Geraten diese unter Druck, betrifft das auch das Programm, das sie zeigen. "Gerade in der aktuellen Situation ist es darum sehr wichtig, dass die Sichtbarkeit von Schweizer Filmen und Serien auf den verschiedenen Kanälen nicht leidet", sagt dazu Roland Hurschler, der Geschäftsleiter des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz.

Seine Sorge ist, dass einheimische Filme mit kleinen Werbebudgets in der riesigen Masse an amerikanischen Mainstreamproduktionen untergehen. Die Krise der Kinos und die Dominanz der US-Streamingkonzerne betreffen die Leute, die Filme machen, also ganz direkt. Dennoch ist das Schweizer Filmschaffen noch nicht im Internet angekommen: Die lokalen Streamingplattformen sind zu wenig bekannt, als dass sie die Kinoauswertung ersetzen könnten. Das zeigt der Fall von Cinefile.

Die grossen Plattformen aber setzen zur Hauptsache auf amerikanische Inhalte: Aus der Schweiz hat es schliesslich in Sachen Spielfilme erst "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme eine Schickse" von Michael Steiner in den Netflix-Katalog geschafft - bezeichnenderweise ein von DCM produzierter Film. Darum braucht es für Roland Hurschler unbedingt eine griffige "Lex Netflix". Diese Regelung sieht vor, dass ausländische Streamingkonzerne einen Anteil ihrer lokalen Wertschöpfung in Schweizer Filmproduktionen investieren müssen.

Die Logik dahinter: Wer in der Schweiz mit dem Ausstrahlen von Filmen Geld verdient, soll hier auch Filme mitfinanzieren müssen. So könnten Filmschaffende der erhöhten Nachfrage nach filmischer Unterhaltung nachkommen. Fakt ist nämlich, dass noch nie so viele Filme und Serien konsumiert wurden wie heute.

Politisch umstritten ist im Moment indes noch, ob der Anteil, den ausländische Streamingkonzerne hier investieren müssen, bei vier oder nur einem Prozent der Einnahmen liegen soll. Bleibt es bei nur einem Prozent, wie es der Nationalrat im September 2020 mit einer dünnen Mehrheit beschlossen hat, befürchtet Hurschler, dass sich die Situation noch zuspitzt: "Die digitalen Kanäle werden dann auch weiterhin mit ausländischem Content geflutet."

Darunter würde dann die Konkurrenzfähigkeit von Schweizer Filmen und Serien leiden. Laut Roland Hurschler könnten "Tausende Arbeitsplätze im Bereich Audiovision ins Ausland abwandern", während Netflix in der Schweiz 100 Millionen Franken pro Jahr einnimmt. Mit anderen Worten: "Die Schweizer Spielfilmproduktion würde langfristig untergehen", so Hurschler.

Die Pandemie macht alles noch schwieriger

Und als wären diese Entwicklungen nicht schon Herausforderung genug, geraten die Filmschaffenden wegen der Coronapandemie noch stärker in die Bredouille. Vielerorts mussten Dreharbeiten unterbrochen oder gleich ganz abgeblasen werden. So sahen sich etwa die Babelsberger Filmstudios im deutschen Potsdam im März gezwungen, 800 projektgebundene Mitarbeiter*innen zu entlassen.

In den geschichtsträchtigen Studios sollte unter dem Arbeitstitel "Ice Cream" der vierte Teil von Lana und Lilly Wachowskis "Matrix" gedreht werden. Daneben war für das Frühjahr auch die Verfilmung des Computerspiels "Uncharted: Drake's Fortune" in Babelsberg geplant. Als die Studios wegen der Pandemie jedoch geschlossen wurden, entschieden die Produktionsfirmen, 800 Freelancer*innen die Aufträge zu kappen.

In der Zwischenzeit konnten die Arbeiten zwar mehrheitlich wieder aufgenommen werden - nicht zuletzt dank 5000 Litern Handdesinfektionsmittel. Ob die 800 Personen wieder Arbeit haben, bleibt allerdings im Dunkeln. Die Studio Babelsberg AG teilt auf Anfrage mit, ihre Angestellten seien bloss in Kurzarbeit gewesen. Ob das neben den rund 100 Festangestellten auch die 800 projektgebundenen Angestellten betraf, liess das Unternehmen in seiner Mit- teilung offen. Ganz so hart hat es in der Schweiz bisher kein Filmpro- jekt getroffen.

"Die Situation bleibt dennoch sehr angespannt", sagt Dokumentarfilmerin Irene Loebell. Viele Filmschaffende lebten im Moment völlig im Ungewissen darüber, wie es für sie weitergeht. Die Notkredite des Bundesrats hätten aber viel Leid verhindern können, sodass die arbeitslosen Beleuchter*innen und Regisseur*innen wenigstens nicht beim Sozialamt oder gar auf der Strasse landen. "Die Unsicherheit bleibt aber für viele eine grosse Last", sagt Loebell, die selbst ein Projekt pausieren musste. "Im schlimmsten Fall muss ich gewisse Arbeitsschritte doppelt machen, aber das ist verkraftbar, solange ich nur weiterarbeiten kann."

Andere stehen da unter deutlich grösserem Druck. So gibt es bei Filmproduktionen stets genaue Vereinbarungen darüber, wann ein geförderter Film fertiggestellt werden muss. Kann eine Produktionsfirma diesen Verpflichtungen aufgrund der aktuellen Lage nicht nachkommen, muss sie die Förderbeiträge zurückzahlen. Das kommt unter normalen Umständen fast nie vor, wird jetzt gerade bei grossen Spielfilmen aber immer wahrscheinlicher.

Wenn zum Beispiel eine Schauspielerin abspringt, um einer anderen Verpflichtung nachzukommen, die sie vor zwei Jahren vereinbart hat, dann ist der Film ruiniert. Beeilen sich die Verantwortlichen aber zu sehr, wieder zurück ans Set zu kommen, nehmen sie ein anderes, beinahe noch grösseres Risiko in Kauf: Kommt es in der Crew oder beim Cast zu einem Coronafall, müssen die Dreharbeiten aufs Neue pausiert werden, und das kostet bei Spielfilmproduktionen, an denen gut und gern hundert und mehr Personen beteiligt sind, noch einmal deutlich mehr als bei Dokumentarfilmen. Absicherungen gegen dieses Risiko gibt es dabei keine.

Versicherungen weigern sich inzwischen - verständlicherweise, möchte man sagen -, Pandemierisiken zu versichern. Wie viele der aktuell laufenden Filmprojekte je Premiere feiern werden und wie viele dem Virus zum Opfer fallen werden, ist noch ungewiss. Sicher ist hingegen, dass die Filmschaffenden sich an eine neue Realität gewöhnen müssen, wenn sie dann wieder an die Arbeit dürfen. Denn schon jetzt ist klar, dass Corona von der Finanzierung über das Casting bis hin zur Arbeit am Set alles verändern wird.

Zuerst werden Schauspieler*innen lernen müssen, mit mehr Abstand zu arbeiten. Und Regisseur*innen müssen mit weniger Personal auskommen. Abgesehen davon, dass das andere Filme hervorbringen dürfte, bedeutet es auch, dass alle Arbeitsschritte mehr Zeit in Anspruch nehmen und die Dreharbeiten länger werden. Die Hygienemassnahmen und Schutzkonzepte verteuern die Filmproduktionen also, und das wiederum wirkt sich auf die Finanzierung der Filme aus.

Sofern die Fördertöpfe nicht grösser werden, und damit ist im Moment nicht zu rechnen, können in der Schweiz mit demselben Geld weniger Filme gemacht werden als bisher. Die Fördergelder werden auf weniger Projekte aufgeteilt, das heisst im Klartext, dass mehr Filmschaffende ohne Arbeit bleiben werden. Steht also auch dem Filmschaffen in der Schweiz eine Konzentration auf weniger, dafür umso mächtigere Player bevor, so, wie es bei den Produktionsfirmen und Kinobetreiber*innen der Fall ist?

Irene Loebell will sich nicht aus dem Fenster lehnen: "Es ist zweifellos etwas sehr Einschneidendes, was hier passiert. Diejenigen, die hier einen Einfluss haben, müssen sehr sorgfältig sein mit dem, was sie tun. Denn die Kulturbranche ist sehr fragil." Das heisse aber nicht, dass alles nur schlechter werde. "Alles ist möglich, auch gute Entwicklungen", sagt Loebell. Bleibt zu hoffen, dass sie recht behält.

Oliver Camenzind ist freier Journalist. Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version des in Filmbulletin Nr. 7/20 erschienenen Artikels.