«Da müssen wir ins Wir wechseln ...»

INTERVIEW Katharina Ammann spricht über den breit angelegten partizipativen Prozess hinter der aktuellen Ausstellung «Art as Connection», über den Versuch, Rollenverständnisse aufzubrechen und die Kunst als Seismograf der Wirklichkeit.

TEXT Michael Hunziker BILD John Yasser

Katharina Ammann, gleich in Ihrer ersten Ausstellung, die Sie als Direktorin des Aargauer Kunsthauses verantworten, haben Sie das Heft aus der Hand und den Künstler*innen maximalen Handlungsspielraum gegeben. Brauchte das Mut? 

Als ich die Ausstellung plante, hatte ich nicht das Gefühl, ich mache etwas Mutiges. Das dies so gesehen werden kann, ist mir erst später bewusst geworden – etwa im Gespräch mit anderen Kunsthausdirektor*innen. Dieses partizipative Format scheint mir vor dem Hintergrund der aktuellen Krise notwendig und folgerichtig. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass wir als Gemeinschaft stärker und in Netzwerken wirksamer sind. Das will ich mit der Ausstellung thematisieren. Mein kuratorisches Team hatte auch Lust, kollaborativ zu arbeiten. Ich glaube auch nicht an so etwas wie ein Star-Kuratorentum – Netzwerke halte ich für zeitgemässer. Die Pandemie war der Auslöser, um sich auf ein offeneres Format einzulassen. 

 

Wie haben Sie die Künstler*innen ausgewählt? 

Da müssen wir ins Wir wechseln. Im Team haben wir mit einem Brainstorming begonnen und anschliessend die Namen festgelegt, wobei uns wichtig war, verschiedene Generationen sowie Menschen mit verschiedenen kulturellen und sprachlichen Hintergründen zusammenzubringen. Wir haben uns auf Künstler*innen beschränkt, die in der Schweiz wohnhaft sind, weil wir auch physische Treffen abhalten wollten. Viele von uns angefragten Künstler*innen haben dann weitere Leute eingeladen. Der Prozess war von gegenseitigem Vertrauen geprägt – wir haben viel diskutiert, aber nicht juriert. 

 

Was war Ihre Rolle in dem kollektiven Prozess? 

Mit diesem Vorhaben habe ich eine Diskussion initiiert, die tradierte Rollenverhältnisse in Frage stellt. Wir machten die Erfahrung, dass wir unsere zugeschriebenen Rollengar nicht so einfach ablegen können. Es war interessant zu sehen, wie sehr diese institutionellen Rollen auch unbewusst wirken. Im Laufe des Prozesses konnten wir Beteiligten diese dann zu einem gewissen Grad, aber nie ganz überwinden. 

 

Das tönt herausfordernd ... 

Wie in jeder Gruppe, die sich demokratisch organisiert, ist die grösste Herausforderung, aus der Vielstimmigkeit heraus Entscheide zu treffen und die geführten Diskussionen zu konkretisieren. Etwa auf kommunikativer Ebene: Wie sprechen wir als kantonale Organisation die Besuchenden an, wenn wir einer nonbinären, politisch korrekten Sprache gerecht werden wollen. Die vielen Perspektiven auf das Thema haben positive Prozesse auch innerhalb der Institution ausgelöst. 

Ammann, Direktorin des Kunsthauses. Foto: John Yasser 

Bei Connection Nest, einer der gezeigten Arbeiten, haben die Besuchenden die Möglichkeit, selbstaktiv an der Ausstellung teilzunehmen, indem sie ein persönliches Objekt zu einer Videoarbeit beisteuern. Bedingung: Die Objekte sollen ein Gefühl der Verbundenheit, auch des Trostes auslösen. Haben Sie schon ein Objekt beigesteuert? 

Ja, das werde ich tun, kann aber nicht verraten, was. Das würde sonst der Idee des Werks entgegenlaufen. Die Objekte und die dazugehörigen Statements werden anonym gezeigt. Somit kann auch etwas sehr Intimes Eingang finden. Die Künstlerin Laura Arminda Kinsley wollte verhindern, dass die gezeigten Objekte und Texte Rückschlüsse auf Geschlecht, Herkunft, kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund erlauben. Die üblichen Zuschreibungen wegzulassen ist eine wichtige Grundlage dieser Arbeit. 

 

Was nehmen Sie persönlich von «Art as Connection» mit? 

Die Erkenntnis, wie stark die Kunst gesellschaftlich relevant ist. Künstler*innen sind die Seismografen unserer Zeit. Sie bearbeiten Themen wie Grenzen, Überwachung, die Ökonomie der Sorge oder den gesellschaftlichen Zwang zum Glücklichsein, lange bevor diese durch die Pandemie zugespitzt wurden. Zeitgenössische Kunst findet nicht selbstreferenziell in einem abgeschlossenen Raum statt, sondern hier und jetzt. Sie nimmt an der Gegenwart teil und die Besucher*innen können selber entscheiden, was für sie relevant ist. 

 

AARAU Kunsthaus Bis 9. Januar 2022