Blick auf den Stimmungs­barometer

KULTURFÖRDERUNG Seit etwas mehr als einem Jahr ist Daniela Berger Präsidentin des Aargauer Kuratoriums. Geschäftsführer Michael Achermann ist ebenfalls erst seit Kurzem im Amt. Zusammen sprechen sie mit uns über ihr verrücktes erstes Jahr.

 

TEXT Michael Hunziker BILD Daniel Desborough

«Haben etwas mehr Spielraum»: Daniela Berger.

Daniela Berger, seit einem Jahr sind Sie Präsidentin des Aargauer Kuratoriums. Sie übernahmen das Amt in einer turbulenten Phase - verschiedene Rücktritte, obendrauf die Pandemie. Wie haben Sie Ihr erstes Jahr erlebt?

Ich habe mein Amt unmittelbar nach meiner Wahl im Februar 2020 angetreten. Dieser schnelle Einstieg hat sich im Nachhinein als Glück erwiesen. Ich hatte vor Ausbruch der Pandemie noch Gelegenheit, die Mitarbeiter*innen live kennenzulernen. Dann kam ja ziemlich schnell der Lockdown, und ich konnte mein Ziel, alle Kulturinstitutionen zu besuchen und Gespräche mit kulturell engagierten Leuten zu führen, nicht erreichen. Zudem konnten alle unsere Anlässe, wie etwa die jährliche Beitragsfeier, nicht stattfinden. Das war schmerzhaft. Im Team der Kuratoriumsmitglieder konnten wir uns dennoch gut organisieren. Die informellen Gespräche und Begegnungen fehlen aber natürlich.

Gab es dennoch ein Highlight?

Gut war, dass wir die Vakanz der Geschäftsführung des Kuratoriums mit Michael Achermann per 1. August 2020 besetzen konnten. Auch die Zusammenarbeit mit dem Leiter der Abteilung Kultur, Georg Matter, der ebenfalls vor einem Jahr die Stelle angetreten hat, ist sehr gut und inspirierend.

Wo bestehen da Berührungspunkte? Die beiden Stellen sind ja strukturell unabhängig.

Richtig, das Kuratorium ist eine von der Verwaltung unabhängige Stelle. Ich bin vom Regierungsrat gewählt und unterstehe dem Departementsvorsteher. Dennoch gibt es Bereiche, in denen wir inhaltlich mit der Abteilung Kultur zusammenarbeiten, sei dies beim alljährlichen Kulturforum oder bei den Kulturtreffen in den Bezirken. Im Moment sind wir eng eingebunden in die Erstellung des Wirkungsberichts über die kantonale Kultur, rückblickend auf die letzten sechs Jahre. Dieser Bericht dient dann als Grundlage für das neue Kulturkonzept, das per 2023 fällig wird.

Ist es nicht schwierig, einen Bericht als Grundlage für das Konzept zu machen, der auf eine Zeit zurückblickt, die massgeblich vom Ausnahmezustand geprägt war?

Der Wirkungsbericht wird von einem professionellen externen Büro gemacht. Es stellt sicher, dass der Wirkungsbericht nicht nur auf eine Momentaufnahme inmitten der Pandemie hinausläuft, und analysiert auch ganz viele Daten der letzten sechs Jahre.

Sie haben für 2021 mehr Fördermittel zur Verfügung. Man sagt, die Budgeterhöhung ist zu einem grossen Teil auch Ihr Verdienst. Wie ist die Erhöhung zustande gekommen?

(Lacht.) Da will ich mich nicht mit fremden Federn schmücken. Die Erhöhung war schon länger notwendig und war auch bereits 2019 im Parlament ein Thema. Aber sie war 2020 gerade vor dem Hintergrund der Krise keine beschlossene Sache. Das Parlament hätte sie zurückweisen können... Diesmal hat der Regierungsrat die Erhöhung beantragt. Und vielleicht hat gerade die Coronakrise dazu geführt, dass das Parlament sich hinter den Antrag stellte.

Es war ja auch ein symbolischer Betrag von 200 000 Franken. Das ist nicht gerade alle Welt. Wird sich das Budget des Kuratoriums in Zukunft weiter progressiv entwickeln?

Klar, der Betrag könnte immer höher sein. Sollte sich ein markanter Mehrbedarf an Mitteln abzeichnen, gibt es politische Prozesse, die zu einer weiteren Budgeterhöhung führen können. Dank der aktuellen Erhöhung haben wir bei der Beitragsprechung jetzt etwas mehr Spielraum.

Viele Kulturschaffende wünschen sich eine Profilierung bei den Aufgaben von Kuratorium und der Abteilung Kultur. Ersteres soll Förder- und Werkbeiträge sprechen und zweitere für Betriebs- und Programmbeiträge der Institutionen aufkommen. Wie realistisch ist eine solche Aufgabenteilung?

Einerseits entspricht eine solche Teilung nicht dem aktuellen Gesetz. Es stellt sich die Frage, ob eine Änderung mehrheitsfähig wäre. Der erwähnte Wirkungsbericht überprüft übrigens als Schwerpunkt die kantonale Kulturförderung.

Bei Ihrem Antritt vor einem Jahr hatten Sie noch keine spezifischen Ziele kommuniziert. Wie sieht es heute aus, mittel- und langfristig?

In Anbetracht der Situation ist es unser oberstes Ziel, die kulturelle Vielfalt aufrechtzuerhalten. Weiter möchte ich, dass wir für die Mitglieder des Kuratoriums, die für ihre gewissenhafte und sorgfältige Arbeit nur Sitzungsgelder erhalten, eine Verbesserung der Entschädigung erreichen. Die Situation jetzt steht im Widerspruch zu unserer Erwartung an ihre professionelle Arbeit. Als weiteres Thema liegen mir die vielen Kulturschaffenden, für die eine soziale Vorsorge immer noch eine Traumvorstellung ist, am Herzen. Diese sollte meiner Meinung nach für alle selbstverständlich sein.

Michael Achermann, auch Sie sind knapp ein Jahr im Amt als Geschäftsleiter des Kuratoriums. Gibt es rückblickend trotz allem bereits Highlights?

Die gibt es zum Glück. Wir konnten zwar keine Beitrags- feier veranstalten, haben aber mit einer neuen Website einen guten Weg gefunden, die Kulturschaffenden zu wür- digen und ihnen eine Publizität zu geben. Auch die Ver- gabe des Kunstpreises an Sabian Baumann war für mich ein Highlight.

Welche Massnahmen haben Sie operativ getroffen, um auf die Pandemie zu reagieren?

Die wichtigste operative Massnahme, nämlich die Ausfallentschädigungen für die Kulturschaffenden und Kulturunternehmen, ist bei der Abteilung Kultur angesiedelt. Für das Aargauer Kuratorium war und ist wichtig, kontinuierlich zu fördern und so mitzuhelfen, die Strukturen möglichst zu erhalten. Dann haben wir zusätzliche Eingabetermine am 1. Juni und am 1. August eingerichtet, weil wir davon ausgehen, dass Veranstaltungen im Sommer kurzfristig durchgeführt werden können. Und wir haben für die Atelier-Stipendiat*innen nach flexiblen Lösungen gesucht und im zweiten Lockdown sogar auf Wunsch Aufenthalte um ein Jahr verschoben.

Welche Förderinstrumente wurden mit der Budgeterhöhung ermöglicht?

Wir können neu Recherchebeiträge von 2500 und 5000 Franken vergeben. Das soll Künstler*innen ermöglichen, künstlerische Fragen zu verfolgen und die eigene Arbeitsweise und Ausrichtung zu reflektieren. Zudem konnten wir nach vier Jahren wieder einen Kunstpreis vergeben. Und wir unterstützen finanziell ein Beratungsangebot der Schweizerischen Interpretenstiftung zum Thema Vorsorge und soziale Sicherheit.

Das Kuratorium ist ein Stimmungsbarometer der Kulturschaffenden. Wie zeichnet sich die aktuelle Situation in den Gesuchen inhaltlich und quantitativ ab?

Letztes Jahr erreichten uns etwa zehn Prozent weniger Gesuche als im Vorjahr. Der Schaffensdrang ist aber nach wie vor gross - zwangsläufig mehr beim Produzieren als beim Auftreten. Dann erreichten uns einige Gesuche von Personen, die zum ersten Mal eingaben. Im direkten Gespräch spüren wir auch eine gewisse Müdigkeit im Umgang mit dieser Ungewissheit, was wann wieder möglich ist. Der Wunsch nach Normalität ist gross. Bei uns im Kuratorium ja auch.