«Bin ein politisch denkender Mensch»

Nora Bossong ist derzeit Residenzautorin im Lenzburger Literaturhaus. Sie spricht mit uns über ihren Aufenthalt, ihre Arbeit und politisch-moralische Grundsatzfragen.

TEXT Tania Lienhard BILD zvg

«Interessiere mich für das Scheitern moralischer Reinheit»: Nora Bossong.

Nora Bossong, sind Sie gut in Lenzburg angekommen?

Nora Bossong: Die Anreise Anfang April mit dem Zug von Berlin über Basel und Olten nach Lenzburg war problemlos, aber ziemlich lang. Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt. Nach meinem ersten Wocheneinkauf im Supermarkt fand ich den Rückweg nicht. Im Gegensatz zu den breiten Alleen in Berlin gibt es hier ganz schön viele schmale Wege und Unterführungen (lacht). Zwei nette Menschen aus Lenzburg waren mir dann behilflich.

Kennen Sie die Schweiz gut?

Ich kenne Genf ganz gut – mein Roman "Schutzzone" handelt von einer UNO-Mitarbeiterin und ich verbrachte im Vorfeld des Romans Zeit in Genf. Daneben sind mir auch Basel und Zürich nicht unbekannt. Und als Kind war ich ab und zu hier ganz in der Nähe, in Baden. Das war der Wohnort meiner Tante.

Nun sind Sie in Lenzburg, um zu arbeiten. Ist es schwierig, an einem fremden Ort Kreativität zu finden?

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich für eine gewisse Zeit irgendwo als Residenzautorin lebe. Ich war schon in Rom, Krakau und Lüneburg, aber das ist lange her. Zudem kommt es für die Kreativität stark darauf an, woran ich gerade arbeitete. Als ich die Einladung aus Lenzburg erhielt, schrieb ich an einem Buch, bei dem es auch um die Schweiz ging. Es wäre perfekt gewesen, einen Teil davon hier zu verfassen. Leider kam die Pandemie dazwischen und ich musste meinen Aufenthalt um zwei Jahre verschieben. Das erwähnte Buchprojekt hatte ich dann verworfen und arbeite nun an etwas ganz anderem. So gesehen ist die perfekte Verbindung von Arbeit und Arbeitsort in sich zusammengefallen. Mein neues Romanprojekt hat nicht viel mit der Schweiz zu tun. Trotzdem möchte ich die Zeit hier nutzen, um daran weiterzuarbeiten.

Worum geht es in Ihrem neuen Roman?

Es ist noch zu früh für mich, um darüber zu sprechen. Ich möchte nicht, dass mir das Projekt quasi wegstirbt, wenn ich es zerrede.

Ohne Sie bedrängen zu wollen – ich gehe davon aus, dass Sie Ihrer Linie treu bleiben und politisch-moralische Fragestellungen in den Roman einfliessen lassen?

So viel kann ich durchaus verraten, ja. Ich interessiere mich sehr für politische Fragen, die ethische Dilemmata mit sich bringen, und für das Scheitern moralischer Reinheit. Wir werden es nicht schaffen, immer die weisse Weste anzubehalten. Bestes Beispiel dafür ist der Krieg in der Ukraine. Sowohl Deutschland als auch die Schweiz müssen Grundsatzdiskussionen über die Bedeutung von Begriffen führen, an die sich die Menschen längst gewöhnt haben.

In der Schweiz ist das die Neutralität. Und in Deutschland?

Die grosse militärische Passivität. Aussenpolitische Überzeugungen müssen neu diskutiert werden.

Wirkt eine solche Krise ideengebend für Ihre Romane?

In erster Linie stürzte mich der aktuelle Konflikt in eine Art Schockzustand. Er erschwert ruhiges Arbeiten extrem. Aber ich bin ein politisch denkender Mensch und es ist mir wichtig, Literatur mit politischen Fragestellungen zu verbinden, mich mit der Realität auseinanderzusetzen. Ich könnte jetzt nicht über den schönen Garten schreiben, den ich tagtäglich im Blick habe.

Hilft Ihnen der Tapetenwechsel, um aus dem Schockzustand auszubrechen?

Vielleicht. Ich versuche auch in Lenzburg, meiner täglichen Routine nachzugehen. Ich mache es wie Thomas Mann (lacht): Ich schreibe am Morgen. Bei mir geht das kaum ohne Kaffee. Am Nachmittag kümmere ich mich um Administratives und recherchiere für meine Buchprojekte. Mein Arbeitstag unterscheidet sich also gar nicht so sehr von denen in anderen Berufen.

LENZBURG Literaturhaus,

Fr, 29. April, 18.30-19 Uhr, Werkstattgespräch (Livestream)
Mo, 16. Mai, 19.15-20.45 Uhr, Residenzabend