Befragung der Fluchtbewegung

Seit Anfang Juni ist die indische Künstlerin Arpita Akhanda zu Gast im Atelier Krone in Aarau. In ihrer Arbeit reflektiert sie aus einer biografischen Perspektive Themen wie Heimat und postkoloniale Geschichte. Derzeit erkundet sie Stadt und Umgebung mit ethnografischen Mitteln.

TEXT Michael Hunziker BILD mh

Arpita Akhanda ist Artist in Residence im Krone Atelier Aarau.

"Nur die Geräusche und die Stille der Stadt": Das waren für die ersten zehn Tage in der Schweiz die einzigen Eindrücke, die Arpita Akhanda von ihrer neuen Umwelt wahrnehmen konnte. Gleich nach ihrer Ankunft in Aarau musste sie sich in Isolation begeben. Es war der 28­-jährigen Künstlerin nicht erlaubt, ihr Wohnatelier in der Aarauer Altstadt zu verlassen. Das Essen wurde ihr vor die geschlossene Tür gelegt – ein spezielles Ankommen. "Ich begann die Geräusche aufzuschreiben. Sie sind so anders als bei uns. Kirchenglocken, Stille, das Freitag­-Abend­-Ausgeh-­Volk", erzählt Akhanda. "Ich fragte mich ständig, ob mich jemand hört, meine Existenz in dieser neuen Stadt registriert."

Um sich in der Isolation die Zeit zu vertreiben, startete die Künstlerin erste Experimente: "Ich inszenierte mich als Möbel, als lebendes Objekt – eine Ausweitung des Raums, gewissermassen, indem ich 240 Stunden zu verbrin­gen hatte – und fotografierte mich mit dem Selbstauslöser". Das hatte auch etwas Befreiendes, denn zu Hause wäre es nur schwer denkbar gewesen, eine Serie von Aktaufnahmen zu machen, denn ihr Körper sei in jenem Kontext stark ver­gesellschaftet und nackt entsprechend sexuell konnotiert.

In Arpitas Werk werden gesellschaftliche Dimensionen bearbeitet. Zentraler Ausgangspunkt ist die kollektive und individuelle Verschränkung von Erinnerung, die Konstruk­tion von Heimat und ihre Abhängigkeit von politischen Realitäten. Dieser Themenkomplex wurzelt in ihrer Famili­enbiografie. Ihr Grossvater wurde 1947 bei der Teilung von Indien aus seinem Dorf im heutigen Bangladesh zwangs­ausgesiedelt. Mit ihm rund 10 Millionen Menschen. Von der Heimat vertrieben, weil politische Akteure das beschlossen hatten. Er hatte keine Wahl.

Der Grossvater dokumentierte seine Flucht in Gedichten und in Fotografien. Er hinterliess seiner Nichte ein reiches Archiv an Dokumen­ten, die sie, Arpita, nun durch ihre Kunst rekontextualisiert. So hat sie in einer Recherche die vielen behördlichen Tele­gramme, mit denen diese Teilung orchestriert wurde, zusammengetragen und nicht nur sprichwörtlich mit den Geschichten der Individuen verwoben. Sie hat die Textstreifen mit den Bildern aus dem Familienalbum verflochten, das aus der Zeit vor und nach der Teilung datiert. "Dadurch entsteht eine dritte Narration, die den gewaltsamen Akt offenlegt, mit denen die Men­schen herumgeschoben wurden. Denn die persönlichen Geschichten werden stets ignoriert, wenn sie in ein grösseres Narrativ eingeordnet werden."

Auch in Arpitas Auseinandersetzung mit Aarau spiegelt sich ein Aspekt dieser Familiengeschichte wider: "Ich will erforschen, was mit mir an diesem neuen Ort passiert. Wie ich ihn mir aneignen kann. Ich befrage die Fluchtbewegung meiner Familie und antworte gleichzeitig darauf." Dies geschieht mit ethnografischen Methoden. Instrument sind ihre körperlichen Sinne. Die Eindrücke dokumentiert sie in Notizbüchern und legt ein Ar­chiv an gesammelten Gegen­ ständen an – wie damals ihr Grossvater.

AARAU Kunstraum 17.-26. September